
Bei Peter Fox heißt es: »Stapf’ durch die Kotze am Kotti, Junks sind benebelt, Atzen rotzen in die Gegend, benehmen sich daneben«. Man denkt sich: Wegen dieses Spirits seid ihr doch damals alle hergekommen!
Foto: Michael Fischer/Unsplash
Mit Berlin ist es vorbei», schrieb die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján neulich in einem Beitrag für die «Süddeutsche Zeitung». «Wer hier noch lebt, hat den Absprung verpasst.» Unter Berliner Brücken in der Innenstadt, so heißt es dort weiter, rieche es «so beißend wie in einem Raubtierstall». Auch in der U-Bahn ist es ihr unangenehm, vor allem wenn eine «wirklich zutiefst bedauernswerte, offenbar obdachlose Person zugestiegen ist, die sich vor Wochen derart eingekotet haben muss, dass ihr Beinkleid braun und steif ist und einen Gestank verbreitet, den man nicht beschreiben kann». Überhaupt werde in der Stadt «nach Herzenslust überall hingepinkelt, ohne dass irgendjemand etwas dagegen unternimmt». Beinahe schlimmer noch als Obdachlosenscheiße und Clubgängerpisse: An öffentlichen Orten werden obendrein alkoholische Getränke konsumiert. «Sowieso haben mehr Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr Alkohol dabei als Fahrscheine.»
Dazu sei hier Folgendes gesagt: Menschen, die sich keine Wohnung leisten können, haben kein Badezimmer. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Leute heute gute Gründe dafür haben, sich zweimal zu überlegen, ob sie ihre vier Euro für einen Fahrschein ausgeben, für einen Laib Brot oder ein paar Flaschen Bier. In Zeiten, als Menschen noch nachdachten, bevor sie etwas hinschrieben, hätte man zu dem Schluss kommen können, dass das etwas mit der Sache zu tun haben könnte, die man übereingekommen ist, «freie Marktwirtschaft» zu nennen. Nicht ausgeschlossen, dass Frau Adorján bei sich zu Hause einen Internetzugang hat. Dann könnte sie, wenn sie wollte, dazu Interessantes ergoogeln. Zumindest wenn sie sich entscheidet, den heute etwas weniger gebräuchlichen Begriff («Kapitalismus») in die Suchmaske einzugeben.
Gewiss ist ihr heimisches Weinregal gut sortiert, sodass sie, wenn sie sich nach der täglichen Schreibarbeit leicht einen antrillern will, nicht darauf angewiesen ist, etwas so Obszönes zu tun wie «im öffentlichen Nahverkehr» Bier zu trinken.
Dass Frau Adorján, die nach eigenen Angaben in Berlin wohnt, schockiert ist darüber, dass die Stadtbevölkerung aus einer Ansammlung von ungewaschenen, schwarzfahrenden Säufern, Wildpinklern, Pennern und anderen «wirklich zutiefst bedauernswerten» Opfern besteht, die sich keinen Fahrschein für vier Euro leisten können, mag daran liegen, dass ihre Einkünfte es ihr erlauben, in einer jener Berliner Gated Communitys zu leben, in denen man von solchen Anblicken meist verschont bleibt und sich über U-Bahn-Fahrpreise keine Gedanken machen muss.
Tatsächlich kommt sie anscheinend nur schwer darüber hinweg, dass die einst «weltberühmte Feinkostabteilung des KaDeWe (…) jetzt aussieht wie die Alkoholabteilung jedes x-beliebigen Flughafen-Duty-free-Shops». Gewiss ist ihr heimisches Weinregal gut sortiert, sodass sie, wenn sie sich nach der täglichen Schreibarbeit leicht einen antrillern will, nicht darauf angewiesen ist, etwas so Obszönes zu tun wie «im öffentlichen Nahverkehr» Bier zu trinken. So etwas tun nur irgendwelche armseligen Durchschnittsberliner, Proleten, Landstreicher und Nachtlebengestalten.
Wenn Frau Adorján dann ihre Heilewelt, in der es nach frisch gebackenen Vanillekipferln oder Baccarat Rouge 540 duftet, einmal verlässt, um einen Feinkostsalat oder ein neues Marina-Rinaldi-Seidenchiffon-Kleid zu erwerben, kann es schon mal passieren, dass sie draußen, im streng riechenden realen Berlin, wo die «Süddeutsche-Zeitung»-Abonnements eher dünn gesät sind, über einen Obdachlosen stolpert. Das ist natürlich unangenehm, aber manchmal unvermeidlich. Dass Frau Adorján genötigt ist, die Berliner Realität wahrzunehmen, solange es noch nicht legal ist, Wohnungslose rückstandslos zu entsorgen, ist gewiss bitter für sie.
Für einen sehr kurzen Moment blitzt in ihrem Schimpfartikel so etwas wie ein kleiner Funken der Erkenntnis auf: «Die Krankenhäuser sind überfordert, Ärzte gibt es sowieso zu wenig, Therapeuten nehmen erst nächstes Jahr wieder Neupatienten auf. Kaum einer kann es sich noch leisten, in einem der vielen Restaurants zu essen (…) Die Mieten sind in den vergangenen paar Jahren fast auf Münchner Verhältnisse hochgeschnellt, ohne dass sich zur Entschädigung die Alpen näher bewegt hätten oder irgendetwas renoviert oder verbessert worden wäre.» Doch es will ihr anscheinend nicht gelingen, die eine Beobachtung (kaputt gespartes Gesundheitssystem, steigende Preise und Mieten) mit der anderen, über die sie am Anfang ihres Textes klagt (wachsende Obdachlosigkeit und Armut, steigender Alkoholkonsum) in einen Zusammenhang zu bringen. Mir gelingt es. Aber ich lebe auch in einer Realität, in der ich Obdachlose nicht ausschließlich als schwarzfahrende Geruchsbelästigung wahrnehme.
Die Kosten für Mieten und Lebensmittel haben mittlerweile geradezu fantastische Ausmaße angenommen, die Zahl der Obdachlosen wächst täglich, und die Politik gebärdet sich kaum anders als ein Inkassounternehmen und unternimmt weiterhin ausnahmslos alles, um jeden Habenichts bis auf die Unterwäsche zu enteignen. Dass es in einer solchen Zeit wie der unseren in Neukölln oder im Wedding, wo Hunderttausende Menschen mit teils sehr bescheidenen finanziellen Mitteln auf engstem Raum leben, so sauber sein könnte wie die Gehsteige in einer Gegend, in der sich Villa an Villa reiht, ist eine Vorstellung, die mit dem Wort «realitätsfern» noch milde umschrieben ist.
Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft der öffentliche Personennahverkehr nicht für alle kostenlos sein sollte. Ginge es nach mir, würde an die Fahrgäste dann auch gratis Feinkost und Champagner verteilt werden. Nach Wunsch auch Bier und alkoholfreie Getränke.
Sicher ist jedenfalls: Johanna Adorján, die in München aufwuchs und dort auch studierte, hat womöglich etwas Entscheidendes, das Berlin ausmacht, nicht verstanden. In Woody Allens berühmtem Film «Der Stadtneurotiker» (USA 1977) spielt Allen den New Yorker Intellektuellen «Alvy Singer». In der Filmkomödie gibt es einen kurzen Dialog zwischen Alvy und dem schmierigen Musikproduzenten «Tony Lacey» (gespielt von Paul Simon). Die beiden können einander nicht ausstehen. Der reiche, blasierte Tony (der im Film die Stadt Los Angeles und deren verlogenen und oberflächlichen Kulturbetrieb repräsentiert) teilt Alvy in herablassender Weise mit, auch er habe früher in New York gewohnt, aber die Stadt sei ihm mittlerweile viel zu vermüllt. Worauf Alvy ihm antwortet: «Ich mag Müll. Das ist mein Ding.»