Spritpreise vor einer Tankstelle.

AUDIO: Nachrichten 18:00 Uhr – 13.04.2026 (4 Min)

Stand: 13.04.2026 20:27 Uhr

Wegen der stark gestiegenen Spritpreise hat die Bundesregierung beschlossen, die Mineralölsteuer zu senken. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht das kritisch.

Die Bundesregierung will angesichts der stark gestiegenen Spritpreise Autofahrer entlasten. Deshalb soll die Energiesteuer um 17 Cent pro Liter Benzin und Diesel für zwei Monate gesenkt werden. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft ordnet die Maßnahme im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein ein.

NDR Schleswig-Holstein: Wird diese Maßnahme dabei helfen, die Belastung für die Menschen einzudämmen?

Jens Boysen-Hogrefe: Für Einzelne mag das durchaus hilfreich sein, allerdings ist es nicht sehr zielgenau. Es werden jetzt auch die Autofahrer entlastet, die sich wahrscheinlich die Mehrbelastung gut leisten könnten – im Gegenteil wird dadurch Mehrverbrauch angeregt. Das ist für die Gesamtsituation eher von Nachteil. Sinnvoller wäre es wahrscheinlich gewesen, die Personen zu unterstützen, die auf das Auto angewiesen sind.

Die Berufspendler hätte man vielleicht durch ein entsprechendes Mobilitätsgeld oder Ähnliches unterstützen können. Von einer höheren Pendlerpauschale hätten wieder Leute mit einem höheren Einkommen mehr gehabt. So wird die Gießkanne rausgeholt. Das ist dafür vergleichsweise leicht durchsetzbar, weil die Mineralölsteuer eine Bundessteuer ist – Änderungen brauchen nur im Bundestag beschlossen werden. Das spielt sicherlich auch eine Rolle für die Maßnahme.

Was glauben Sie, wie schnell tritt diese Änderung in Kraft?

Boysen-Hogrefe: Es geht nur um eine Bundessteuer. Das heißt, die Zusammenwirkung mit den Ländern spielt keine Rolle. Das wäre anders, wenn man zum Beispiel die Mehrwertsteuer hätte anpassen wollen. Im Vergleich dazu dürfte es schon schneller gehen. Es kommt jetzt darauf an, wie schnell das Gesetzgebungsverfahren geht. Ich vermute, dass man das relativ zügig machen kann. Die Befristung auf zwei Monate deutet darauf hin, dass man kurzfristig etwas tun will. Vielleicht ist in wenigen Monaten die Lage im Nahen Osten beziehungsweise im Persischen Golf schon eine andere – dadurch wird hoffentlich eine Entlastung für die weltweiten Energiepreise zu spüren sein.

Können Sie erläutern, welche gesamtwirtschaftlichen Maßnahmen die aktuelle Lage erfordern würde?

Boysen-Hogrefe: Grundsätzlich haben wir das Problem, dass wir die entsprechende Energie importieren müssen. Wir haben ganz wenige Rohölproduzenten in Deutschland und auch bei der Gasproduktion sind wir nicht gerade weit vorne. Das heißt, je mehr wir von diesen Gütern verbrauchen, desto mehr haben wir einen gesamtwirtschaftlichen Verlust angesichts dieser drastischen Preissteigerung. Sparsamkeit wäre eine Möglichkeit, dem ein wenig auszuweichen.

Bei einer Pressekonferenz sitzen Markus Söder, Friedrich Merz, Bärbel Bas und Lars Klingbeil nebeneinander.

MV-Ministerpräsidentin Schwesig begrüßt die Senkung der Energiesteuer. Es gibt aber auch kritische Stimmen im Norden – von Grünen, FDP, AfD und Umweltverbänden.

Aber in dem Moment, wo der Staat die Preise reduziert, wird dem Anreiz zu sparen entgegengewirkt. Das wäre dann damit verbunden, dass wahrscheinlich im Vergleich zu der Situation ohne eine entsprechende Steuersenkung etwas mehr verbraucht würde und mehr letztlich von der Importrechnung abfließt. So verlässt Kaufkraft das Land, die wir in einer solchen schwierigen Situation ganz gern im Land hätten. Die Leute werden den Euro sicherlich nicht zweimal ausgeben können und da wäre sparsames Verhalten günstiger.

Das ist nur nicht für jeden machbar, gerade wenn man als Pendler weite Strecken zurücklegen muss und den öffentliche Nahverkehr nicht ausreichend zur Verfügung hat.

Boysen-Hogrefe: Vollkommen korrekt, das ist genau der Punkt. Für einige Menschen ist es mit Blick auf die nächsten Monate schlicht nicht zu verändern. Für die ist es eine sehr herausfordernde und schwere Situation. Da hätte man maßgeschneidert etwas machen können – nicht eine Absenkung der Spritpreise für alle, von der letztlich auch die Urlaubsfahrt profitiert oder auch die Menschen, die es sich schlicht leisten können. Da wäre wahrscheinlich eine sinnvollere Alternative gewesen, zielgerichtet auf die Berufspendler zuzugehen.

Lässt sich das denn unbürokratisch machen?

Boysen-Hogrefe: Bei der Pendlerpauschale kann man das einfach über die Einkommenssteuererklärung regeln. Man muss die Pendlerpauschale nicht unbedingt ausweiten – man hätte einfach einen Transfer an die Pendlerpauschale binden können. Vorschläge dazu gibt es schon. Das wäre dann ein Geldzuschuss für die Menschen gewesen, die weit pendeln müssen.

Wahrscheinlich hätten dann davon auch die profitiert, die das mit dem Zug machen. Aber auf der anderen Seite hätte man dann nicht gewährleistet, dass die, die dann auf den Zug umsteigen können und wollen, das auch wirklich tun. Das Problem ist, dass in dem Moment, in dem wir es über die Preise an der Tankstelle regeln, der Anreiz, in den vielleicht etwas volleren Zug zu steigen, nicht mehr so groß ist – und genau das wäre ja eigentlich, was gesamtwirtschaftlich am hilfreichsten wäre: einfach mehr Energie einsparen.

Welches Bild macht aus Ihrer Sicht gerade die Bundesregierung? Wie tritt sie in ihrer Kommunikation auf?

Boysen-Hogrefe: Die Kommunikation hätte wahrscheinlich besser innerhalb der Koalition stattfinden sollen. Ob man das Thema jetzt unbedingt in aller Öffentlichkeit beitreten muss, wage ich zu bezweifeln. Ich bin aber letztlich kein Experte für politische Kommunikation, vielleicht gehört es zum Geschäft dazu. Das mag ich nicht beurteilen.

Eine Frage zu den anderen Entlastungsmaßnahmen, die heute beschlossen wurden. Da sind zum Beispiel die 1.000 Euro für Arbeitnehmer, die steuerfrei ausgezahlt werden sollen. Ist das eine Maßnahme, die den Menschen konkret hilft?

Boysen-Hogrefe: Alle diese Gießkannen-Maßnahmen sind natürlich irgendwie nett. Klar, es ist schön, wenn es Maßnahmen für alle sind, aber es ist nicht unbedingt sehr zielgerichtet. Wir sind in einer Phase, in der wir fiskalisch vor großen Herausforderungen stehen. Die Kassenlage ist angespannt, die Lage in den Kommunen ist teilweise dramatisch. Da ist vielleicht nicht die Zeit, jetzt große Geschenke zu verteilen, auch wenn das angesichts der schwierigen Situation verständlich ist und man auch einen gewissen Aktionismus zeigen möchte. Die Lage ist aber nicht nur an der Tankstelle schwierig, sondern eben auch in den öffentlichen Haushalten.

Das Interview wurde geführt für NDR Schleswig-Holstein.

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