Foto: RTL / Annette Etges
RTL bringt das Kultspiel „Hitster“ ins Fernsehen. Warum Moderator Elton und die Promi-Gäste gegen zu viel Schnickschnack und einen falschen Sendeplatz kämpfen.
Als Marcus Carleson 2019 das Gesellschaftsspiel „Hitster“ erfand, hat er zwei Dinge wohl nicht geahnt: Dass seine Idee einen derartigen Siegeszug antreten wird. Medienberichten zufolge hat sich das Spiel über zehn Millionen Mal in über 50 Ländern verkauft, „Hitster“ gibt es inzwischen in verschiedenen Fassungen – und ganz neu nun auch als TV-Show beim deutschen Sender RTL. Umso enttäuschender, dass genau diese TV-Show eine wenig gelungene Umsetzung des Hit-Spiels wird.
Die Grundidee der Show ist auch on air simpel und effektiv: Songs müssen chronologisch in eine Timeline eingeordnet werden. War dieser Hit früher oder später als der letzte? Das funktioniert im Wohnzimmer hervorragend und macht auch auf dem Bildschirm Spaß – zumal die Optik stimmt. Die länglichen Ratepulte sind vollständig mit LED-Technik ausgestattet und visualisieren den Zeitstrahl modern und übersichtlich.
Stehparty. Foto: RTL / Annette Etges
Doch beim handwerklichen Detail hört die Präzision leider oft auf. In der ersten Folge gab es Momente, die selbst wohlwollende Zuschauer stutzen ließen: Wenn eine Tänzerin der „Hitster-Dance-Crew“ mit dem Mikrofon in der Hand eine Performance liefert, während aus den Boxen unverkennbar eine männliche Gesangsstimme schallt, wirkt das nicht wie eine bewusste künstlerische Entscheidung, sondern schlichtweg unsauber produziert. Zumal sich dieses Detail einreiht in weitere Unstimmigkeiten, die auch die Wahl des letztlichen Sendeplatzes einbeziehen. Schon bei der Bekanntgabe verwunderte es, dass RTL seinen Showneustart auf den Sonntagvorabend legte, wo sonst Football oder Martin Rütter zu sehen sind.
Während RTL sonst zu dieser Zeit auf seichte Dokus setzt und Sat.1 Julia Leischik Vermisste suchen lässt, dröhnt jetzt „Hitster“ aus den Boxen. Dabei ist der Sonntagvorabend im deutschen Fernsehen eigentlich eine heilige Institution der sanften Übergänge. Man bereitet sich mental auf die neue Woche vor, die Bügelwäsche wartet oder man lässt das Wochenende entspannt ausklingen. RTL hingegen hat sich jetzt entschieden, genau in diese beschauliche Zeit einen akustischen und visuellen Energy-Drink zu werfen.
Club-Atmosphäre auf dem falschen Sendeplatz
Um das Party-Thema durchzudrücken, wurde das Studio auf zwei Ebenen konzipiert. Das Publikum steht, statt zu sitzen – vermutlich eine bewusste Entscheidung, um Club-Atmosphäre zu generieren und die Leute zum Mittanzen zu animieren. Das Problem dabei: Es ist Sonntag, kurz vor der Tagesschau.
Foto: RTL / Annette Etges
Moderator Elton, der bei vielen der gespielten Songs ebenfalls mittanzt, versucht sich redlich im Hüftschwung. Doch das Dauer-Animation-Konzept wirkt deplatziert.
Promi-Gäste kämpfen gegen den Schnickschnack
An den Gästen liegt es nicht. Mit Sandy Mölling, Yvonne Catterfeld, Rick Kavanian und Hans Sigl hat man Profis an Bord, die genau das liefern, was man erwartet: Sie sind spielfreudig, unterhaltsam und fügen sich gut in das musikalische Quiz ein.
Das eigentliche Problem ist das mangelnde Vertrauen der Produzenten in die eigene Spielidee. Warum muss eine einfache, spannende Quiz-Mechanik mit so viel „Schnickschnack“ aufgeblasen werden? Einlagen der „Hitster Dance-Crew“ und der Zwang, dass bei jedem Song das ganze Studio in Wallung geraten muss, bremsen den Spielfluss eher aus, als ihn zu fördern. Es hat den Anschein, als hätten die Verantwortlichen Angst gehabt, das bloße Erraten von Jahreszahlen könnte das Publikum langweilen. Das Gegenteil ist der Fall: Das Spiel „Hitster“ lebt von der Nostalgie und dem Mitraten – nicht von choreografiertem Dauer-Gehüpfe.
Fazit: Viel Potenzial, falsche Abfahrt
RTL liefert mit „Hitster“ eine optisch schicke, aber inhaltlich überladene Show ab. So ist eine eine TV-Version eines großartigen Spiels entstanden, die durch zu viel künstlichen Trubel und handwerkliche Nachlässigkeiten enttäuscht. Manchmal ist weniger eben doch mehr – besonders sonntags um 19 Uhr. Marcus Carleson hatte da definitiv mehr Gespür für seine Idee.
„Hitster“, sechs Mal sonntags um 19.05 Uhr bei RTL – und vorab bei RTL+
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