Frühere Rente, um der Partnerin beizustehen

Hans-Jürgen Kaiser, der Bildungsreferent und Marketingleiter beim Deutschen Jugendherbergswerk ist, geht bald darauf mit 63 Jahren in Rente, um seiner Frau beizustehen. „Ohne die Krankheit hätte ich das nicht gemacht“, sagt Kaiser, der inzwischen in Leipzig lebt. Wie wichtig seine Betreuung ist, merkt er kurze Zeit später.

„Sie hatte dann auch noch das Nackenbeuge-Syndrom. Da ist die Hirnhaut geschädigt und es gibt so Anfälle. Anita hat mir das geschildert wie Blitzeinschläge, die bis ins Becken gehen“, beschreibt Kaiser die damalige Situation, in der er jedes Mal den Notarzt rufen muss.

Anita liegt apathisch auf der Couch

Anita habe nur noch apathisch auf der Couch gelegen. Sie habe große Angst gehabt, dass diese Anfälle wiederkämen. Und ein Ende des Leidens ist nicht in Sicht. Durch den Angriff auf den Mantel der Nerven ist nämlich auch die Blase von Anita auf einmal angegriffen.

„Es musste ein Katheter gelegt werden. Die Perspektive war aber, dass es so irgendwann auch nicht mehr geht und der Urin dann abgesaugt werden muss“, sagt Hans-Jürgen Kaiser.

Drohender Ausfall der Blase bringt Fass zum Überlaufen

Für Anita ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. „Sie hat mir gesagt, dass sie nicht mehr leben will und sie Sterbehilfe bei Dignitas in der Schweiz in Anspruch nehmen möchte.“ Für ihn sei das wie ein Stich ins Herz gewesen. „Ich wusste auch nicht, dass sie bereits bei Dignitas Mitglied war.“

Sie hat gesagt, dass sie nicht mehr leben könne, wenn es keine Qualität gesundheitlicher Art und auch kultureller Art in ihrem Leben gäbe.

Hans-Jürgen Kaiser

Obwohl ihm das zunächst schwerfällt, versucht er seine Freundin zu verstehen. „Sie hat gesagt, dass sie nicht mehr leben könne, wenn es keine Qualität gesundheitlicher Art und auch kultureller Art in ihrem Leben gäbe.“

Hans-Jürgen akzeptiert starken Willen seiner Partnerin

Anita habe immer einen sehr klaren und starken Willen gehabt. „Und da war mir bewusst, dass das nicht mehr abzuändern ist“, sagt Hans-Jürgen Kaiser. Beide heiraten noch, „weil man als Ehemann rechtlich ganz andere Möglichkeiten in der Sterbebegleitung hat“, erklärt der heute 80-Jährige.

Seine Frau habe an Dignitas einen Bericht schreiben müssen, warum sie den assistierten Suizid für sich möchte. Außerdem seien Unterlagen von verschiedenen Ärzten sowie eine Panoramaaufnahme des Kiefers nötig gewesen, um die Identität zweifelsfrei nachweisen zu können.

Arzt prüft kurz vorher noch mal die Entscheidung

Nachdem das geklärt ist und Anita zudem in der Schweiz drei Stunden mit einem Arzt gesprochen hat, erhält sie von Dignitas im März 2015 einen Termin für den assistierten Suizid. „An dem Tag selbst kommt morgens der Arzt nochmal ins Hotel und fragt, ob man dabei bleibt und dann geht es in ein Haus in der Nähe von Zürich“, sagt Kaiser.

An dem Tag selbst kommt morgens der Arzt nochmal ins Hotel und fragt, ob man dabei bleibt und dann geht es in ein Haus in der Nähe von Zürich.

Hans-Jürgen Kaiser

Dort warten zwei Sterbhelferinnen auf Anita und ihren Mann. Nachdem die Formalitäten erledigt sind, bekommt Anita Beruhigungstropfen und ein Glas mit einem Betäubungsmittel in tödlicher Dosis. Wichtig ist aus rechtlicher Sicht, dass sie das Medikament allein einnimmt. Alles wird zudem auf Video aufgenommen. Wenig später ist Anita nicht mehr am Leben. „Am Ende war es eine Erlösung für sie“, sagt Hans-Jürgen Kaiser.