Es gibt Situationen im Profisport, da ist es besser, nicht zu viel nachzudenken. Im Eishockey kann das besonders in den Playoffs helfen. Egal, wie gut oder schlecht ein Spiel, ein Drittel, eine Aktion war: schnell abhaken und auf das konzentrieren, was als Nächstes kommt. So lehren es die erfahrenen Spieler und Trainer. Patrick Hager, Kapitän des EHC Red Bull München, ist mit seinen 37 Jahren und mehr als 1000 Spielen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ein sehr erfahrener Spieler. Er beschreibt es so: „Wenn du es schaffst, im Moment zu bleiben, hast du eine gute Chance, dein Hirn ein bisschen im Griff zu haben und nicht wegzudriften.“

Die Münchner sind seit dem vergangenen Sonntag in der denkbar ungünstigsten Playoff-Situation: Ihr Gegner, die Adler Mannheim, hat die ersten drei Halbfinalspiele allesamt gewonnen. Das heißt, dass die nächste Münchner Niederlage das Saisonende bedeutet. Yasin Ehliz, Hagers Sturmpartner, hat deshalb die Devise ausgegeben: „Kopf aus, einfach drauflos.“ Am Dienstagabend funktionierte dieser Ansatz. Der EHC gewann Halbfinalspiel vier gegen die Adler mit 5:1, Ehliz erzielte das wichtige Tor zum 2:1 (38. Minute). Damit blieben die Münchner sportlich am Leben und treten am Freitag wieder in Mannheim an.

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Die Mannschaft von Cheftrainer Oliver David spielt aber weiterhin gegen die Geschichte, denn noch nie ist es in der DEL einem Team gelungen, einen 0:3-Serienrückstand noch zu drehen. „Der Berg ist riesig“, sagte Kapitän Hager. Hoffnung macht ihm die Qualität und Erfahrung in der Mannschaft, „dass wir auch unter Druck funktionieren können“ – und die Serie an sich. Denn die war trotz des Münchner 0:3-Rückstandes keineswegs eine, die Mannheim dominiert hatte. Die ersten zwei Partien gewannen die Adler auch dank eines überragenden Maximilian Franzreb im Tor in der Verlängerung, Spiel drei stand bis acht Minuten vor Ende unentschieden. „München hätte vielleicht die ersten zwei Spiele gewinnen müssen“, gestand auch Mannheims Nationalspieler Justin Schütz ein. „Wir waren nicht hoffnungslos unterlegen“, betonte Hager, „teilweise haben wir uns selbst ins Knie geschossen.“ Er spielte damit auf die schwache Chancenverwertung in den ersten drei Partien an. Münchens Angreifer Markus Eisenschmid formulierte es vor dem vierten Halbfinalspiel so: „Wir haben jetzt aus den ersten drei Spielen genug gelernt.“

„Bislang lief in dieser Serie viel in unsere Richtung“, sagte Adler-Trainer Dallas Eakins

Am Dienstag gewann der EHC nicht nur sein erstes Spiel der Serie, sondern durchbrach auch erstmals die bis dahin fast unüberwindbar anmutende Mauer, die Franzreb im Tor der Adler errichtet hatte. „Wir müssen diesen Goalie brechen“, hatte EHC-Stürmer Chris DeSousa in Spiel drei betont – und das taten die Münchner im Schlussdrittel von Spiel vier. Innerhalb von nur 46 Sekunden trafen Hager und Eisenschmid in der 46. Minute zum vorentscheidenden 3:1 und 4:1 gegen Franzreb, der in den ersten drei Halbfinalpartien herausragende 95 Prozent der Münchner Schüsse pariert hatte. „Bislang lief in dieser Serie viel in unsere Richtung“, sagte Adler-Trainer Dallas Eakins. „Wir hatten das nötige Glück, hatten Tore und Paraden zur richtigen Zeit. Heute hat uns dieses Glück verlassen.“ Trotz der auf dem Papier immer noch komfortablen Serienführung sind die Mannheimer mit dem Kopf keineswegs schon im Finale. Justin Schütz hatte bereits nach dem dritten Sieg im dritten Spiel gesagt, er glaube immer noch, „dass es eine lange Serie wird“.

Eine Serie, in der sich die Münchner keinen Fehltritt mehr erlauben können. Eisenschmid erklärte es bei Magentasport nach Spiel drei so: „Wir haben jetzt sozusagen viermal Spiel sieben.“ Die Tatsache, dass jeder in der EHC-Kabine weiß, dass die nächste Niederlage das Saisonende bedeutet, sei eine Situation, „mit der du umgehen können musst, vor allem mental“, unterstrich Hager, der in Badelatschen in die Mixed Zone gekommen war. Oliver David will die Rechnerei, wie hoch die Chancen sind, doch noch ins Finale zu kommen, gar nicht erst zulassen. „Mein Kopf würde explodieren“, sagte er, „ich muss einiges kleiner denken.“ Er hat vielmehr ein Puzzle vor Augen, „das wir lösen müssen, damit die Saison nicht früher endet, als wir es wollen“. Am Dienstag haben die ersten EHC-Puzzleteile zusammengefunden. Bei diesem Serienstand handelt es sich aber wohl um ein 1000-Teile-Puzzle.