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Allen Klischees zum Trotz ist Deutschland keineswegs das sauberste und ordentlichste Land. Und darüber sollten wir in gewisser Weise heilfroh sein, meint Wladimir Kaminer.

Das Regime im Kreml hat viele Menschen aus dem Land herausgedrückt, Kulturschaffende und Journalisten, Politaktivisten und Wissenschaftler, schließlich die Jugend, die aus Angst vor Mobilisierung ins Ausland geflüchtet war. Der Großteil der frisch Ausgereisten bleibt patriotisch, sie wollen sich nicht als Migranten bezeichnen.

Sie nennen sich „Relocants“, also Menschen, die gegen den eigenen Willen umgesiedelt wurden und die Hoffnung hegen, eines Tages zurück nach Hause, nach Russland, zu kommen. Sie leiden an Heimweh. Die meisten von ihnen sind aus großen russischen Städten nach Berlin gekommen, aus Moskau oder Sankt Petersburg. Sie vergleichen, und immer fällt bei dem Vergleich ihre neue Location durch. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, höre ich Beschwerden darüber, wie schmutzig Berlin ist.

(Quelle: Frank May)Zur Person

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört „Russendisko„. Kaminers aktuelles Buch ist „Das geheime Leben der Deutschen„.

Alles so schmutzig hier, trotz der Mülltrennung, sagen die Russen. Irgendwann platzte mir der Kragen. „Leute!“, warf ich ein. „Bei euch werden Regimegegner auf der Straße umgebracht!“ Vergeblich. „Ja, aber da wird sofort wieder sauber gemacht, und hier ist alles so schmutzig“, fangen sie ihr Lieblingslied von vorn an.

Irgendwann sind wir gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass Demokratien schmutziger sind als Diktaturen. Der Traum von Sauberkeit wird in erster Linie in autoritären Regimen und Diktaturen gelebt. Wie oft hörte ich schon von Touristen, die gerade aus Nordkorea, Belarus oder aus Katar zurückgekehrt waren, wie sauber dort die Straßen sind. Keine Zigarettenstummel auf dem Boden, keine Graffitis, keine Obdachlosen.

Unheimliche Beobachtungen

Die sauberste, wohlriechendste Stadt, die ich auf meinen Lesereisen besuchte, war die usbekische Hauptstadt Taschkent. Ich wurde von der dortigen Universität eingeladen, um vor den Germanisten zu sprechen. Eine Woche vorher hatte sich der usbekische Machthaber in einer Ansprache geäußert, wie wichtig es für die jungen Usbeken sei, Fremdsprachen zu lernen. „Vor allem Englisch“, betonte der Machthaber und entfesselte dadurch eine Bildungskrise.

Es war nämlich für die Universitäten unklar, wie sie diesen Ausdruck deuten sollen. Was heißt „vor allem“? Meinte der Chef „ausschließlich“ oder war damit „unter anderem“ gemeint? Werden nun alle Germanistik-Fakultäten geschlossen oder umgekehrt subventioniert? Kurzum, niemand wusste, ob meine Vorlesung nun stattfinden würde, ich hatte ein paar Tage frei und ging durch Taschkent, die sauberste Stadt der Welt, spazieren.

Kaum Fußgänger, keine überfüllten Cafés, die Straßen glänzten und rochen buchstäblich nach Shampoo, ich hatte stets das Gefühl, ich müsste die Schuhe ausziehen und wunderte mich sehr, in diesem armen Land keine Bettler zu sehen, nirgends.