Tennisspielerinnen kennen eine Reihe guter Gründe, ihren persönlichen Auftakt zur Sandplatzsaison nach Stuttgart zu verlegen. Im Südwesten Deutschlands lässt sich auch an kühlen Apriltagen die Rutschfestigkeit des roten Ziegelmehlbelags ohne Daunenweste unter dem Hallendach ausprobieren. Nicht unwichtig ist auch der Hauptpreis, der am Kopfende der Centre Courts geparkt ist: in diesem Jahr ein Cabriolet in Zitronenfaltergelb. Weltklassespielerinnen wie Iga Swiatek oder Elena Rybakina haben ein ähnliches Exemplar bereits in ihrer Garage stehen. Auch Eva Lys, 24, aus Hamburg wirkte nach ihrer Auftaktpartie so beglückt, als hätte sie zumindest schon den gelben Außenspiegel ergattert. Dabei hatte sie gerade erst ihr zweites Tennismatch der Saison gewonnen. Im sechsten Spiel seit Jahresbeginn.

„Es ist nicht einfach gewesen“, sagte sie danach lakonisch. Diese Feststellung fasste sowohl das zähe Vierteljahr, das hinter ihr liegt, als auch die Begegnung mit Paula Badosa aus Spanien am Dienstagabend zusammen. Denn das letzte Match im Vollbesitz ihrer Kräfte hatte Eva Lys im Dezember zuvor bestritten. Dann zog sie sich im ersten Match des Jahres beim United Cup eine Beinverletzung zu. Sie quälte sich „mit dickem Knie“, wie sie sagte, durch eine Erstrundenniederlage bei den Australian Open; laut anfänglicher Diagnose war das Gelenk überstreckt. Erst drei Wochen später machten weitere Untersuchungen in Hamburg klar, dass die Sehne im Knie keineswegs nur gedehnt, sondern durchgerissen war. Vier bis sechs Wochen Ruhe wurden Lys verordnet. „Und es ist kein Geheimnis“, sagte sie in Stuttgart, „dass bei mir alle Prozesse etwas länger dauern.“

Tennisspielerin Eva Lys im Interview

:„Der Hass darf nicht siegen“

Als beste deutsche Spielerin kämpft Eva Lys für Frauenrechte auf der Tennis-Tour. Sie spricht über Hetze im Internet nach Matches, anonyme Stalker – und erzählt, wie ihre Autoimmunkrankheit sie belastet.

SZ PlusInterview von Gerald Kleffmann

Eva Lys leidet an einer rheumatischen Autoimmunerkrankung, Spondyloarthritis. Es ist eine Erkrankung, die sie täglich beeinflusst, wie sie unlängst in einem Gespräch mit der SZ erklärte. Sie muss auf Ernährung, Ruhe und Erholung achten, es gibt Phasen, in denen sie beschwerdefrei ist, und andere, in denen sich möglicherweise eine Turnierabsage nicht vermeiden lässt. Als Profisportlerin hat Lys gelernt, mit dem Unabdingbaren zu leben. Aber akute Verletzungen sind ein Faktor zusätzlicher Unwägbarkeit.

Die Ärzte bereiteten sie darauf vor, dass die Heilung Zeit erfordern würde. Deshalb hat sie, als sie sich schmerzfrei fühlte, zunächst Belastungstests unter Wettbewerbsbedingungen unternommen. Für ihre „Generalproben“ flog sie im März nach Miami, dann nach Charleston, wo sie zwar jedes Mal gleich verlor. Danach aber hätten ihr Ärzte Entwarnung gegeben. „Jetzt geht es darum, wieder die Form zu finden. Es wird nicht von heute auf morgen gehen“, mahnte Lys, auf Platz 78 der Weltrangliste notiert, als sie beim Porsche Tennis Grand Prix eintraf.

In der Stuttgarter Partie gegen Paula Badosa hat sie dann ihre eigenen Erwartungen übertroffen – denn gegen die ehemalige Nummer zwei der Welt, die, ihrerseits lange gesundheitlich angeschlagen, nur per Wildcard zum Turnier zugelassen wurde, lag Eva Lys zunächst 2:6 und 1:4 zurück. Doch dann wurde das Publikum auf den Rängen Zeuge, wie sich eine Profitennisspielerin nach langer Pause die Anspannung aus den Gelenken schüttelte, Tempo und Risiko steigerte, Schlag für Schlag an Selbstbewusstsein zulegte und schließlich noch 2:6, 7:6, 6:4 gewann. Dass Badosa beim Aufschlag 15 Doppelfehler fabrizierte, spielte Lys zusätzlich in die Karten. So beweglich auf den Beinen wie vor der Knieverletzung aber sei sie noch lange nicht, warnte Lys vor der Zweitrundenpartie gegen die Ukrainerin Elena Switolina am späten Mittwochabend – und die Halbfinalistin von Melbourne gehört seit Jahren zu den Besten der Welt.

„Wir hätten es schaffen können“, sagt Ella Seidel selbstkritisch nach den desaströsen Auftritten im Tennis-Nationalteam

Mit Eva Lys im Team, auch dieser Eindruck drängte sich in Stuttgart auf, hätte sich der desaströse Auftritt der deutschen Tennis-Nationalmannschaft vorige Woche beim Billie-Jean-King-Cup samt Abstieg in Regionalgruppe II vermeiden lassen. Nach drei Niederlagen eines jungen, unerfahrenen Ensembles (gegen Portugal, Schweden und Litauen) ist das deutsche Frauentennis nun – offiziell – nur noch drittklassig. Lys hatte mit Bundestrainer Torben Beltz in Kontakt gestanden, ihre Teilnahme an den Relegationsspielen in Portugal aber mit Rücksicht auf ihre Knie abgesagt. „Es tat mir leid, dass ich nicht dabei war“, sagte sie. Aber ihr fehlte die Spielpraxis, und sie habe vermeiden wollen, dass sich der Heilungsprozess weitere Wochen oder Monate verzögere: „Das konnte ich nicht riskieren.“

Ohnehin hat sich das klägliche Bild aus Oeiras in Stuttgart nicht verstärkt: Die 21-jährige Ella Seidel, Nummer 87 der WTA-Rangliste, die in Portugal gegen Gegnerinnen jenseits Weltranglistenposition 200 nicht hatte gewinnen können, hat in Stuttgart der erfahrenen Belgierin Elise Mertens ordentlich Gegenwehr geboten, ehe sie ihre Partie 3:6, 4:6 verlor. Womöglich war sie beim Auftritt im Nationaltrikot von der Wucht des Moments ausgehebelt worden: „Vielleicht hätte ein bisschen Erfahrung geholfen“, gab sie in der Porsche-Arena zu, um selbstkritisch zu ergänzen: „Trotzdem hätten wir das auch so als Team schaffen können.“

Ihre 38-jährige Kollegin Laura Siegemund, die der DTB-Auswahl diesmal ausnahmsweise ebenfalls nicht zur Verfügung stand, sieht eher ein strategisches Versäumnis: Es wäre förderlich gewesen, die Talente früher ins Team einzubinden, sagte sie – auch um die Nervosität abzulegen: „In der Vergangenheit ist das zu wenig passiert.“ Denn dafür, dass die Besten immer zur Verfügung stehen, gibt es nie eine Garantie. Auch bei Eva Lys nicht. „Mein Knie und meine Gesundheit werden immer die oberste Priorität sein“, hat sie in Stuttgart gesagt.