Blick ins Erdgas-Kraftwerk an den Nossener Brücke – die zentrale Quelle für Fernwärme und Strom in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
SPD-Wirtschaftsminister will Sachsen auf forcierten Umstieg einschwören
Dresden, 15.04.26. Einen „Umstieg auf erneuerbare Energien“ hat der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) mit Blick auf die Weltlage gefordert: „Die aktuelle geopolitische Lage führt uns überdeutlich vor Augen, wie verletzlich unser Energiesystem durch Abhängigkeiten von fossilen Importen und unsicheren Lieferketten ist“, betont Panter. „Unsere Antwort muss der Umstieg auf erneuerbare Energien sein – im Stromsektor ebenso wie in der Wärmeversorgung.“
Stadtwerke als „Brückenbauer“
Als „Brückenbauer“ zur Energiewende sieht der Wirtschaftsminister vor allem die Stadtwerke. Und nötig sei ein Umbau mit Augenmaß. „Die Wahrheit der Energiewende liegt im Detail“, sagt er und fordert einen Transformationsprozess, der auf Klima- und Umweltschutz genauso ziele wie eine sichere und bezahlbare Energieversorgung. Am gewünschten Grundkurs lässt er indes keinen Zweifel: Je mehr „erneuerbare Energiequellen“, desto besser.
Dirk Panter. Foto: Heiko Weckbrodt
Energiewende der vielen kleinen Schritte
Sachsenenergie beispielsweise sei „auf einem guten Weg, Schritt für Schritt verschiedene weitere erneuerbare Energiequellen und Technologien zur Dekarbonisierung der Fernwärme einzusetzen“, versichert Sachsenenergie-Vorstand Axel Cunow dem Minister. Konkrete Beispiele dafür hat Panter heute während eines „Thementages Neue Energien“ in Dresden inspiziert.
Im Innovationskraftwerk in Reick testet Versorger neue Energietechnologien
„In unserem Innovationskraftwerk in Dresden-Reick wird die Energie- und Wärmewende bereits umgesetzt, in dem wir Großwärmespeicher, eine Großwärmepumpe und eine Photovoltaikanlage mit der konventionellen Erzeugung kombinieren“, berichtet Cunow.
Eine Photovoltaikanlage in Ost-West-Ausrichtung und dahinter Warmwasserspeicher im Innovationskraftwerk Dresden-Reick. Foto: Heiko Weckbrodt
Dieser Innovationsgeist hat übrigens lange Traditionen am Standort: Bereits 1986 installierten DDR-Experten neben dem damaligen Schweröl-Heizkraftwerk Reick erste Großwärmespeicher – als Antwort auf die damalige Ölpreiskrise im Ostblock. 2017 bauten die Stadtwerke gleich daneben noch weitere Wärmespeicher auf. Die Idee dabei: Wenn die Preise für einen Brennstoff hochschnellen oder ein fossiler Energieträger gerade knapp ist, speisen die Warmwasserkessel für ein paar Tage das städtische Fernwärmenetz, bis Gas, Öl & Co. wieder billiger zu haben sind. Mit diesen und weiteren Speichertechnologien im Innovationskraftwerk – darunter ein Großakku für Stromspitzen – erproben die Dresdner Ingenieure, wie sich die volatilen Nebeneffekte von Energiewende und Kraftstoffkrisen abfedern lassen. „Von diesen langen Erfahrungen profitieren immer wieder“, meint Sachsenenergie-Produktionsleiter Tino Kuhnke im Innovationskraftwerk Reick. Immer wieder bekomme sein Team Anfragen aus anderen Städten nach dem Motto „Wie macht ihr das?“.
11.000 Vakuumröhren liefern Wärmeenergie von der Sonne
Zu diesen Versuchen gehören auch Versuche, eine dezentrale Wärmeversorgung aufzubauen, die zumindest zeitweise ganz ohne das millionenteure Erdgas-Kraftwerk an der Nossener Brücke in Dresden auskommen. So ist auf der Räcknitzhöhe vor zwei Jahren eine hochgeförderte, 1,7 Millionen Euro teure Solarthermie-Anlage mit 1,1 Megawatt Leistung entstanden. Anders als klassische Photovoltaik-Module liefern die 11.000 Vakuumröhren dort nicht Strom, sondern Sonnenwärme, die „Sachsenenergie“ dann mit 90 Grad ins Fernwärmenetz einspeist. Die Idee dabei: Viele kleine dezentrale Wärmequellen wie diese könnten sich zu virtuellen Kraftwerken zusammenschließen und soviel thermische Energie, dass künftig das große Erdgas-Kraftwerk an der Nossener Brücke zumindest im Sommer abgeschaltet werden kann.
Solarthermie-Anlage auf der Räcknitzhöhe in Dresden. Durch Kanülen in den Vakuumröhrchen sammelt und transportiert eine Flüssigkeit Sonnenwärme und leitet die dem Fernwärmenetz zu. Foto: Heiko Weckbrodt
Bisher eher mäßiger Erfolg für Solarthermie-Konzept
Soviel die schöne grüne Theorie. Allerdings arbeitet die Solarthermie-Anlage ohnehin hart am Rande des betriebswirtschaftlich Sinnvollen – und dies auch nur, weil der Staat die Investition zu zwei Dritteln subventioniert hat. Auch in anderen Ländern flaut der Solarthermie-Hype wegen schlechter Kosten-Nutzen-Relationen bereits wieder ab. So will beispielsweise Kalifornien, das eigentlich als Vorreiter für „grüne“ Konzepte in den USA gilt, seine riesige Ivanpah-Solarthermieanlage schon in diesem Jahr wieder abschalten: Die milliardenteure Anlage konnte auch nach zwölf Betriebsjahren immer noch nicht die ursprünglichen Erwartungen erfüllen.
Dezentrales Konzept erfordert viel Infrastruktur
Hinzu kommt noch ein anderes Problem: Sollen künftig viele kleine dezentrale Anlagen die Hauptlast der Fernwärme-Versorgung einer Großstadt wie Dresden tragen, müssen auch einst zentral gebündelte Infrastrukturen wie etwa die großen Umwälzpumpen im Kraftwerk Nossener Brücke durch viele kleine Duplikate im ganzen Stadtnetz ergänzt werden – auch das kostet ebenfalls.
Großwärmepumpen im Dauertest
Ein anderes Konzept, das ebenfalls noch zumeist aus Prototypen-Technik besteht, aber doch schon ausgereifter und wirtschaftlicher ist, erprobt Sachsenenergie bereits an drei Standorten in Dresden: Großwärmepumpen in Reick, Friedrichstadt und Plauen, die sich Energie aus der Umgebungsluft oder aus der Abwärme von Supercomputern saugen, das Warmwasser dann mit Strom bis auf 90 Grad weiter aufheizen und schließlich ins Fernwärmenetz leiten. Aber auch hier liegt der Teufel im Detail: Während die TU-Superrechner recht stabil Warmwasser mit 55 Grad liefern, funktioniert die Luftwärmepumpe in Reick nur bis 10 Grad Außentemperatur herunter effizient – was bedeutet: Fast den ganzen Winter über, wenn die Wärmenachfrage am größten ist, bleibt sie abgeschaltet.
Sachsenenergie-Vorstand Axel Cunow inmitten der drei Großwärmepumpen, die sich von der Abwärme aus dem Rechenzentrum der TU Dresden bedienen. Foto: Heiko Weckbrodt
„Neben der Nutzung von Umwelt- und Abwärme sowie Sonnenenergie wollen wir auch die thermische Energie der Elbe mittels Flusswärmepumpen nutzbar machen.“
Sachsenenergie-Vorstand Axel Cunow
Doch die Ingenieure und Manager bei Sachsenenergie sehen diese Probleme eher als notwendigen Lernprozess denn als Hindernis – sie wollen den Großwärmepumpen-Pfad weitergehen. Sie planen noch größere Anlagen, die sich an der thermischen Energie der Elbe, der Weißeritz und des städtischen Abwassers bedienen. Sie sollen 50 Megawatt oder noch mehr Leistung liefern, weit effizienter mit höheren Einspeise-Temperaturen als heutige kleinere Wärmepumpen arbeiten. Auch plant das kommunale Unternehmen, die Temperaturen in den Fernwärmenetzen um einige Grad abzusenken, um die Differenz zwischen dem, was Wärmepumpen liefern, und dem, was die Netze brauchen, zu verkleinern.
„Sächsische Energietage“: Stadtwerke stellen neue Konzepte vor
Außerdem setzt das Unternehmen auf reaktionsschnelle Gasmotoren-Kraftwerke und plant weitere Warmwasser-Speicher, Elektrodenkessel, Großakkus sowie andere dezentrale Anlagen, um den Spagat zwischen Umweltschutz und bezahlbarer Energie für Privathaushalte wie Wirtschaft doch hinzubekommen. Mit „Sächsischen Energietagen“ wollen Stadtwerke, Unternehmen und Organisationen aus dem ganzen Freistaat vom 25. April bis 23. Mai 2026 den Menschen zeigen, wie das klappen kann.
Hohe Energiepreise mitschuld an aktueller Pleite- und Deindustrialisierungswelle
Hintergrund: Energiepreise und -sicherheit sind Jahren ein Dauerbrenner in den wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten in Sachsen und ganz Deutschland. Ein Teil der Pleite- und Deindustrialisierungswelle, die gerade durch das Land rollt, ist auch den besonders hohen deutschen Energiepreisen geschuldet. Krisenschocks wie der russische Angriff auf die Ukraine, die mutmaßlich durch Ukrainer gesprengten Nordstream-Erdgasleitungen, der US-israelische Angriffskrieg auf den Iran, aber auch lokale Ereignisse wie der Einsturz der Carolabrücke samt Fernwärmeleitungen, der große Stromausfall in Dresden durch einen Folienballon oder die linksextremistischen Terrorakte gegen die Berliner Stromversorgung haben zudem gezeigt, wie fragil unsere Energieversorgung ist – und wie groß der Bedarf ist, sie krisenfester umzubauen.
Panter: Wer Erneuerbare blockiert, muss künftig höhere soziale Belastungen rechtfertigen
Ohne den Koalitionspartner ausdrücklich zu nennen, teilt Panter derweil indirekt gegen die CDU aus: Jeder Euro, der heute noch in fossile Abhängigkeit fließe, fehle morgen für regionale Wertschöpfung, sichere Arbeitsplätze und Preisstabilität, argumentiert sein Ministerium. Und: „Wer Erneuerbare blockiert, wird künftig höhere Kosten und soziale Belastungen rechtfertigen müssen.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vor-Ort-Besuche bei Sachsenenergie, SMWA, Oiger-Archiv, focus.de

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