Wieder ist ein Radfahrer in Hamburg tot. Wieder überrollt von einem Lkw. Wieder beim Abbiegen. Nur hat es dieses Mal ein Kind getroffen. Elf Jahre alt wurde der Junge, der am Mittwochnachmittag in Wilstorf aus dem Leben gerissen wurde. Es ist nicht mehr auszuhalten. Und es ist zwingend nötig, dass die Sicherheit der Hamburger Radfahrer vom Bürgermeister zur Chefsache gemacht wird.
Wenn man Kommentare über getötete Radfahrer schreibt, kommen verlässlich Leserbriefe wie dieser hier von einem Rainer Rieger: „Die einfache Möglichkeit, beim Abbiegen nicht von einem Lkw überrollt zu werden, ist, nicht neben einem Lkw zu stehen. Entweder man steht hinter ihm, oder man bewegt sich erst dann, wenn der Lkw weggefahren ist“. Oder dieser von Katja Ahrens: „Ja ja, die armen Radfahrer. Vielleicht mal schauen, wenn ein Lkw abbiegt, ist nicht zu übersehen.“
Motto: Wer überfahren wird, ist selbst schuld.
Der Radweg in Wilstorf war nicht rot eingefärbt
Herr Rieger und Frau Ahrens schrieben mir das Anfang März. Da lag der erste tote Radfahrer des Jahres in Hamburg auf dem Asphalt. Der Mann fuhr auf einem Radweg und wurde von einem Lkw überfahren, der aus einer Einfahrt kam. Nach dem Unfall wurde als erstes die nicht mehr existente Fahrbahnmarkierung an der Stelle erneuert, damit Lkw-Fahrer überhaupt sehen, dass hier ein Radweg verläuft.
Auch der Elfjährige, der am Mittwoch getötet wurde, war offensichtlich auf dem Radweg unterwegs. Erste Fotos vom Unfallort deuten darauf hin, dass auch hier die Fahrbahnmarkierung im Kreuzungsbereich abgefahren ist. Der Radweg ist auf der Kreuzung auch nicht rot eingefärbt. Das wird jetzt wahrscheinlich schnell nachgeholt, so wie in Farmsen-Berne, wo im März ein Radweg rot eingefärbt wurde, nachdem eine Frau dort totgefahren wurde. Eine von elf getöteten Radfahrern im gesamten Jahr 2025.
Jetzt kann man als Senat den Tod des Elfjährigen als tragischen Unfall abtun, zur Tagesordnung übergehen und in wenigen Wochen betroffen dreinschauen, wenn der nächste tote Radfahrer auf einer Hamburger Straße liegt. Das wäre politisches Versagen. Es würde aber ins Bild passen: Es war der Hamburger Bürgermeister höchstpersönlich, der zig Radwegprojekte in dieser Stadt gestoppt hat, weil diese womöglich Parkplätze kosten. Und dabei bleibt es, bis der „Masterplan Parken“ Ende 2026 fertig ist. Dabei weiß jeder Verkehrsforscher: Eine gute Infrastruktur rettet Leben.
Tschentscher stoppt wichtige Änderungen in der Verkehrsplanung
Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) schildert Hamburgs Verkehrspolitik gerne so: Da ist der ungestüme grüne Verkehrssenator Anjes Tjarks, der zu schnell zu viel will. Und da ist der vernünftige Tschentscher, der mit ruhiger Hand darauf achtet, dass alles Hand und Fuß hat.
In Wahrheit gefährdet Tschentschers ruhige Hand die Gesundheit von Radfahrern in einer Stadt, die Fahrradstadt sein will. Der Frühling hat gerade angefangen, es ist nur eine Frage von Wochen, bis der nächste tote Radfahrer zu beklagen ist. Wenn dem Bürgermeister die Sicherheit von Radfahrern wirklich am Herzen liegt, dann legt er jetzt ein Sofortprogramm auf.
Er weist die Bezirke an, umgehend alle Radwege auf Kreuzungen rot einzufärben. Das kostet nicht viel, bringt aber mehr Sichtbarkeit. Er weist die Polizei an, massive Lkw-Abbiegekontrollen durchzuführen. Nicht einmal im Monat, sondern täglich. Das spricht sich rum – und sorgt für mehr Aufmerksamkeit am Steuer.
Und er richtet auf Hauptstraßen, die keine Radwege haben, über den Sommer Pop-up-Radspuren ein – so wie zuvor schon am Schlump, in der HafenCity oder auf der Reeperbahn. Auch das kostet kaum Geld, wäre aber ein deutliches Zeichen, dass ihm die Sicherheit seiner Mitbürger ernst ist.
