Wie wird die evangelische Kirche in Kaarst im Jahr 2035 aussehen? Das Thema sorgte am Dienstagabend für viele Besucher in der Lukaskirche in Holzbüttgen. Pfarrer Ralf Laubert als Assessor des Kirchenkreises leitete die Versammlung. Er gehört seit Auflösung des beschlussunfähigen Presbyteriums im Dezember 2025, entstanden durch zahlreiche Rücktritte, dem Bevollmächtigtenausschuss (BVA) an, der das Presbyterium bis zur Neuwahl im Februar 2028 ersetzt. Außerdem sind Pfarrerin Annette Marianne Begemann als Übergangs-Vorsitzende, Anja Fust als Finanzkirchen- und Rainer Geisel als Baukirchenmeister dabei. Inzwischen gehören weitere zehn Mitglieder zum BVA, der sich engagiert mit der Zukunft der Gemeinde befasst.
Im November 2026 tagt die Kreissynode und deshalb soll bis September 2026 ein Standortkonzept für 2035 erarbeitet sein. Pfarrer Laubert zeichnete ein düsteres, aber realistisches Bild der Zukunft: Man werde handlungsunfähig, wenn jetzt nicht gehandelt würde. Die Gründe: Austritte, weniger Taufen und vermehrte Todesfälle führen zu einem Mitgliederschwund von aktuell 7500 Gemeindegliedern. Bei „optimistischer Schätzung“, so Laubert, stagniere die Zahl im Jahr 2035 bei 5600 Gläubigen. Die Altersstruktur der Stadt Kaarst gilt als „hochbetagt“ – das führt zu weniger Kirchensteuereinnahmen. Der schwindenden Finanzstruktur stehen steigende Kosten in der Gebäudeinstandhaltung gegenüber. Die Anzahl der Pfarrstellen schwindet kontinuierlich – immer weniger Abiturienten entscheiden sich für ein Studium der evangelischen Theologie. 2035 geht die Landeskirche von 1,5 Pfarrstellen aus: In Kaarst bliebe realistischerweise eine übrig, so Pfarrer Laubert.
Dieser Entwicklung soll mit einem Konzept gegengesteuert werden. Dazu hat der BVA 14 Kriterien erarbeitet, die von Pfarrerin Begemann, Anja Fust und Rainer Geisel vorgestellt wurden. Pfarrstellen und Pensionen müssen finanziert werden. Welche Gebäude sollten tatsächlich erhalten bleiben? Sie jetzt noch kostenintensiv klimaneutral auszustatten und sich dann doch eventuell davon zu trennen, wäre kontraproduktiv. Wichtig sind außerdem Lage und Erreichbarkeit von Veranstaltungsorten, Anforderungen an Formen der Gemeindearbeit, Kontakt mit anderen Institutionen wie Schulen, Kitas und Senioreneinrichtungen, Angebote von Nachbargemeinden, Austausch mit katholischer Kirche – jetzt läuft viel, aber diese Palette wird nicht zu halten sein, so Pfarrerin Begemann. Hinzu kommen die persönlichen Ressourcen der Haupt- und Ehrenamtler.
Die Zuhörer brachten weitere Kriterien ein, die ihnen sehr wichtig waren. Allen voran das Thema Seelsorge: Wie lässt sich der Trend zum Austritt stoppen? Wie soll eine lebendige Gemeinde mit einem Pfarrer in 2035 funktionieren? Es wurde eine Besinnung auf die Kernaufgaben der Gemeinde gefordert – erst danach könne man sich auf die Aufgabe von Gebäuden einigen. Pfarrer Ralf Laubert fasste es drastisch zusammen: „Beton predigt nicht, Menschen schon!“ Wie viele Gebäude werden tatsächlich später gebraucht, um eine effektive Seelsorge zu erzielen? Weiterhin sind Gewinnung und Bindung Ehrenamtlicher wichtig, das Generieren von Einnahmen und Spenden, um mehr Unabhängigkeit von der Kirchensteuer zu erreichen sowie das Nutzen von Synergieeffekten. Außerdem regten die Interessierten eine Übersicht über die Auslastung der Gebäude an, eine Erfassung der Gottesdienstbesucher und forderten eine vermehrte Öffentlichkeitsarbeit auch durch soziale Medien.
Anschließend gewichteten die Besucher die Kriterien durch angeklebte Punkte: die Kernaufgaben 2035, Finanzierbarkeit und Anforderungen an Formen der Gemeindearbeit erhielten die meisten. Außerdem wurde die Einbindung der Konfirmanden als Gläubige der Zukunft angeregt. Der BVA wird rechtzeitig über die nächste Versammlung informieren. Tröstlich waren zum Abschluss das gemeinsam gebetete Vaterunser und der Segen – allein ist niemand.