Was sie zu sehen bekommt, lässt niemanden kalt: Die Abschiebungsbeobachterin der Diakonie am Hamburger Flughafen erlebt immer wieder dramatische Situationen. Jetzt hat Merle Abel diese Erfahrungen in ihrem Jahresbericht zusammengefasst und veröffentlicht. Sie mahnt zur Empathie.

Es sind Fälle voller Tragik, Dramatik und Machtlosigkeit: Eine 87-jährige Frau im Rollstuhl wird allein abgeschoben. Sie hat kaum persönliche Gegenstände bei sich, trägt lediglich Hausschuhe und keine Jacke. Oder die junge Frau, die wegen schwerer Depressionen und Angstzuständen im Krankenhaus liegt. Im Schlaf wird sie von Polizei und Ausländerbehörde geweckt und direkt zum Flughafen gebracht.

Diakonie Hamburg: Abschiebungsbeobachterin veröffentlicht Jahresbericht – mit dramatischen Fällen

Oder die junge Familie, die getrennt wird: Nachts werden Mutter und Tochter abgeholt, der Vater und der schwer kranke Sohn werden in Deutschland zurückgelassen. Sie wissen nicht, wann sie sich wiedersehen.

All dies ist im vergangenen Jahr wirklich passiert. Merle Abel hat es erlebt und dokumentiert: 142 Einzelmaßnahmen und 16 Sammelcharter hat sie begleitet, 86 Fälle davon als problematisch gemeldet. Die Diakonie will mit Abels Bericht zeigen, „dass ein Teil der durchgeführten Abschiebungen aus menschen- und kinderrechtlicher Perspektive problematisch ist“. So würden Pflegebedürftige, Alte und Kranke allein abgeschoben. Menschen würden aus Schutzräumen gerissen, Familien getrennt. 

„Diese Beispiele werfen grundlegende Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit besonders schutzbedürftigen Menschen auf“, heißt es in einer Mitteilung der Diakonie. Der soziale Dienst der evangelischen Kirchen in Deutschland vertritt die Auffassung, dass der Umgang mit vulnerablen Menschen ein Maßstab dafür sei, wie ernst eine Gesellschaft ihre Grundwerte wie Menschenwürde und Solidarität nehme. Eine Missachtung dieser Werte schädige das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen.

Diakonie Hamburg mahnt zum verantwortungsvollen Umgang mit schutzbedürftigen Menschen

„Besonders berührt mich die Abschiebung von schwer kranken und pflegebedürftigen Menschen. Oft frage ich mich: Wer kann sich im Zielland um sie kümmern?“, sagt Merle Abel, die als Abschiebungsbeobachterin die Vollzugsmaßnahmen der Bundespolizei dokumentiert. Ihre Arbeit wird finanziert durch die Behörde für Inneres und Sport in Hamburg. Ihre Berichte werden im Hamburger Flughafenforum zwischen der Bundespolizei, den Landesbehörden aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen besprochen.

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Haiko Hörnicke, Leitung des Arbeitsbereichs Migration, ergänzt: „Wir erleben einen wachsenden Abschiebungsdruck. Es wird viel über Zahlen gesprochen, aber viel zu selten über die Menschen, die sich dahinter verbergen. Darunter sind auch besonders schutzbedürftige Personen. Die Frage darf nicht lauten, wie viele Abschiebungen vollzogen werden, sondern wie wir verantwortungsvoll mit den Menschen umgehen, die hier leben, und wer besonderen Schutz braucht.“