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Berlin – Vor dem Gropius Bau stehen die Menschen dicht gedrängt. Nicht wegen eines Popstars, oder wegen eines Hypes auf Social Media. Sondern wegen einer 79-jährigen Künstlerin – und meterhoher Penisse. Zur Eröffnung von „Balkan Erotic Epic“ bildete sich eine lange Schlange, die sogar für Berliner Verhältnisse lang war. Hunderte wollten rein in eine Ausstellung, über die schon vorher jeder sprach.
Drinnen geht es nicht um feine Malerei, sondern um Körper. Nackt, direkt, ohne Ausweichmöglichkeit. Überdimensionale Phallus-Skulpturen stehen im Raum, auf riesigen Leinwänden laufen Videos: Frauen entblößen sich, Männer vollziehen Fruchtbarkeitsrituale, ein Skelett bewegt sich auf einer nackten Frau.

Gigantische Penisse sind Teil der Ausstellung
Foto: Ralf Günther/BILD
Kein Skandal – sondern Konzept
Marina Abramović setzt auf Wucht statt Zurückhaltung. Die Bilder wirken roh, manchmal befremdlich. Aber ihre Kunst folgt einer klaren Idee: Körper als Kraft, als Ritual, als etwas Ursprüngliches.

Eine Darstellerin zeigt das Abramovic-Kunstwerk „Nude with Skeleton“ im Gropius Bau
Foto: Ralf Günther/BILD

Mitarbeiter der Ausstellung legen das Skelett auf den nackten Körper der Darstelllerin
Foto: Jens Kalaene/dpa
Die 79-Jährige arbeitet seit Jahrzehnten so. Immer direkt. Immer kompromisslos. In früheren Performances setzte sie sich selbst extremen Situationen aus – bis an die Grenze zur Selbstgefährdung. Wer ihren Namen kennt, weiß: Hier wird nichts gefällig gemacht.

Eine Frau putzt einen riesigen Knochen. Auch dieses Bild ist Teil der Ausstellung
Foto: Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Schlange stehen für die größte Performancekünstlerin der Gegenwart
Foto: Michael Körner
Dass sich die Schlange durch Kreuzberg zieht, hat deshalb weniger mit Neugier auf „Skandal“ zu tun – und mehr mit dem Namen Abramović. Sie gehört zu den wenigen Künstlerinnen, bei denen selbst die extremsten Bilder ernst genommen werden. Weil sie nie nur provoziert, sondern immer etwas verhandelt: Schmerz, Körper, Kontrolle, Macht.

Marina Abramović
Foto: picture alliance/Photoshot
Wer ist Marina Abramović?
Marina Abramović (geb. 1946 in Belgrad) gilt als eine der weltweit radikalsten Künstlerinnen. Seit den 1970er-Jahren nutzt sie ihren eigenen Körper als Medium – oft bis an extreme Grenzen.
1974 sorgte sie mit „Rhythm 0“ für einen Schock: Sie stellte 72 Gegenstände – darunter Messer und eine geladene Waffe – bereit und erlaubte dem Publikum, mit ihr zu tun, was es wollte. Die Situation eskalierte, Besucher verletzten sie, jemand richtete die Waffe auf sie.
Mit ihrem Partner Ulay machte sie Kunst zur echten Kraftprobe: In einer Performance hielt er einen gespannten Bogen mit Pfeil direkt auf ihr Herz. Ihre Beziehung beendeten sie spektakulär mit einem 90-tägigen Marsch über die Chinesische Mauer: Sie liefen einander entgegen, trafen sich in der Mitte und trennten sich.
Weltweit bekannt wurde sie 2010 durch „The Artist is Present“ im MoMA in New York. Drei Monate lang saß sie schweigend Besuchern gegenüber. Viele weinten. Als sich überraschend ihr Ex-Partner Ulay vor sie setzte, liefen auch ihr die Tränen übers Gesicht. Ihre Kunst kreist um Schmerz, Ausdauer, Nähe – und die Frage, wie weit ein Mensch für Kunst gehen kann.