
AUDIO: „Stabile Poesie“: Neues Album von Bosse (6 Min)
Stand: 16.04.2026 16:39 Uhr
Zwischen Indie-Pop und leiser Alltagsphilosophie hat Bosse seinen eigenen Ton gefunden: Einen, der nicht nach Bedeutung drängt, sondern sie in flüchtigen Momenten aufscheinen lässt. Sie prägt auch sein zehntes Album „Stabile Poesie“. Es erscheint am Freitag.
Bosses Songs wirken wie tastende Notizen aus einem Leben im Dazwischen – nahbar, suchend, gelegentlich pathetisch, doch immer wieder von einer entwaffnenden Zärtlichkeit und Ehrlichkeit getragen. Wer ihm zuhört, begegnet weniger einem Popstar als einem genauen Beobachter der Gefühle.
Kein schneller Griff nach Ruhm
Kein schneller Griff nach Ruhm, stattdessen Ausdauer und eine beinahe trotzig wirkende Liebe zur Musik: Blickt der Braunschweiger heute auf seine Anfänge zurück, führt der Weg unweigerlich zu seiner Band Hyper Child.
Es war der Versuch, Anfang der 2000er mit einer Coverversion von Blacks 80er-Hit „Wonderful Life“ die Charts zu erobern: „Das war ein Befehl von der Plattenfirma, weil wir keine richtige Single hatten, wobei ich das nicht finde, aber für die. Vor allem haben wir das gemacht, weil es Teil des Soundtracks war für ‚Dawson’s Creek‘. Das war eine Serie, die damals viele Leute geguckt haben. Wir waren ein Teil davon. Der Song lief da. Deswegen haben wir den Song gecovert.“

Der Niedersachse hat bei NDR 2 sein noch unveröffentlichtes Album vorgestellt. Die zwölf neuen Songs handeln vom Tanzen, von Liebe – und vom Hass im Netz.
Konzentrierte Rückkehr zum eigenen Kern
Heute ist Bosse längst dort, wo man ihn damals vielleicht nicht verortet hätte: Nach sechs Top-Ten-Alben, zwei davon an der Spitze, hat er einen festen Platz in der ersten Reihe deutscher Singer-Songwriter. Mit „Stabile Poesie“, seinem zehnten Album, blickt er nicht nur zurück, sondern auch bewusst nach innen. Nach Ausflügen durch verschiedene Klangräume wirkt diese Platte wie eine konzentrierte Rückkehr zum eigenen Kern.
Er habe auf der Platte zu dem zurückgefunden, „wie das so roh wirklich auch bei mir zu Hause und im Kopf entsteht. Das heißt, das ist eine sehr analoge, klassische Platte geworden. Ich freue mich irgendwie darüber, weil das der Kern ist, warum ich das überhaupt mache“, sagt der Musiker.
Er fragt: „Wie komme ich klar, oder nicht klar, in dieser crazy Zeit? Mit einem Weltgeschehen, das uns um die Ohren fliegt? Mit all den Problemen, der Schnelllebigkeit, aber auch all den guten Sachen, die dazu gehören und all den Bewegungen?“
Haltung in unruhigen Zeiten
Die neuen Songs kreisen um das Loslassen und Weitermachen, um Haltung in unruhigen Zeiten. Stücke wie „Schönheit erkennen“ sind ein Appell: Nicht verharren, sondern handeln: „Da gibt’s einen Refrain, ‚dass du niemals vergisst Schönheit zu erkennen auf dem Schrottplatz, den wir Leben nennen‘. Und ich finde: Das rahmt das Album gut ein“, so der Sänger lachend.
Bosse: „Amrum ist so meine Kraftinsel!“
Gleich zu Beginn setzt „Liebe hat nicht ewig Zeit“ einen ungewohnten Ton: „Meine Kindheit war geprägt von asthmatischen Anfällen und Neurodermitis-Schüben. Wenn ich eine Kindheitserinnerung habe, dann ist das Amrum! Da gab es eine Kurklinik, gerade für Kinder, die schlecht Luft bekommen. Deswegen ist Amrum so mein Ort. Und ich mach das immer noch so! Also: Amrum ist so meine Kraftinsel! Wenn ich manchmal nicht mehr kann, fahre ich dahin. Ich habe da viele Freundinnen und Freunde. Oft geht’s mir dann wieder besser.“

Am 19. April spricht der Sänger darüber, wie er nach mehr als 20 Jahren im Musikgeschäft stets aufs Neue seine innersten Gedanken in grandiose Popsongs verwandelt.
Zusammenarbeit mit Chansonnier Tim Fischer
Eine eigentümliche, fast schwebende Dringlichkeit verleiht zudem der bekannte Chansonnier und Schauspieler Tim Fischer dem Song: „Ich glaube diesem alten Schellak-Sound! Wenn Hildegard Knef etwas gesungen hat, hört sich das so an, als wäre das seit 500 Jahren da, was die sagt.“ Er habe sich an Tim Fischer erinnert, so Bosse. „Den habe ich als Teenager das erste Mal gesehen, in irgendeiner Berliner Bar – auch mit meiner Mutter übrigens – und ich Rotz und Wasser geheult. Der hat mich so berührt und hat diesen 1920er-Jahre-Sound in der Stimme.“
Bosse habe Fischer angerufen, erzählt er, und Fischer gesagt: „‚Ey, ich habe da ein Lied und hinten gibt es so die wichtigste Stelle, auch textlich die schönste! Hast Du Lust, das zu singen?‘ Und dann hat er sofort ja gesagt.“
Hymnische Refrains und brüchige Momente
„Stabile Poesie“ tastet sich durch Zweifel, Alltag und Hoffnung – mal vorsichtig, immer jedoch aufrichtig. Zwischen hymnischen Refrains, etwa bei „Ouvertüre“ oder „Peu A Peu“ und brüchigen Momenten. Etwa im Song „Wind“: Dort blitzt jene Wärme auf, die Bosse seit jeher auszeichnet. Ein Album wie ein ehrliches Gespräch spät in der Nacht, das berührt.
Egal wie die Musikrichtung am Ende ist: Man braucht eine zündende Idee, die zu einem guten Song wird – Bosse denkt da pragmatisch und verfolgt seine Gedanken konsequent: „Wie schön, das aber auch mittlerweile analoge Musik wieder Gehör findet. Ich hoffe einfach nur so für die Zukunft, dass die Menschen sich wieder ein bisschen mehr Zeit nehmen, gute Musik zu hören. Und ich glaube dass es eben zu all der KI-Musik auch immer eine Gegenbewegung geben muss. Da wär ich gerne mit dabei, weil ich eben einfach Musik so sehr liebe.“ Das neue Album „Stabile Poesie“ bringt das auf den Punkt.
Am Montag hat Bosse es exklusiv bei NDR 2 Soundcheck Neue Musik vorgestellt. Das Gespräch und einige der Songs sind hier zu hören.

Stabile Poesie
Bosse
- Genre:
- Pop
- Label:
- Vertigo Berlin
- Preis:
- 18,99 €
- Veröffentlichung:
- 17.4.2026