Deutschland könnte nach dem schrittweisen Rückzug der USA in die Rolle des wichtigsten Unterstützers der Ukraine schlüpfen. Maybrit Illner fragt deshalb den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in einem Exklusiv-Interview vorab: „Sind wir wichtiger als die USA?“  

Das ist eine der wenigen Fragen im Gespräch, bei der Illner dranbleibt und nachfragt. Eine klare Antwort bekommt sie trotzdem nicht: „Die USA sind ja nicht Europa. Ich möchte das nicht vergleichen“, sagt Selenskyj diplomatisch. Dahinter steckt wohl auch der Wunsch, weder Deutschland noch die Trump-Administration zu verprellen. 

Solange die USA im Krieg im Iran unter Druck stehen, fürchtet die Ukraine einen Deal der Trump-Regierung mit Russland. Die USA würden der Ukraine keine Aufklärungsdaten mehr geben, wenn die Russen im Iran dasselbe tun. „Ich weiß, dass die Russen sie deswegen angesprochen haben“, erzählt Selenskyj. „Ohne Aufklärungsdaten ist es für uns sehr schwierig, gegen die Russen zu kämpfen.“ 

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Ukraine liefert „mit Blut bezahlte Daten“ 

In diesem Feld brauchen die Ukrainer noch die USA. Doch ansonsten sind sie auf die Europäer angewiesen. Trotzdem betont Selenskyj, nicht als Bittsteller nach Europa zu kommen, sondern als strategischer Partner. 

Dem stimmen alle geladenen Experten einhellig zu. Der Militärexperte Frank Sauer beobachtet, dass die Ukraine zunehmend zum Exporteur von Sicherheitstechnologie wird: „Wir können extrem viel lernen von der Ukraine“, erklärt er. Besonders wertvoll seien die auf dem Gefechtsfeld gewonnenen Daten, die die Ukraine „mit Blut bezahlt“ habe. 

Die Deutsch-Ukrainerin und Grünen-Politikerin Marina Weisband formuliert das Verhältnis zwischen Deutschland und der Ukraine so: „Das ist eine Zusammenarbeit – nicht Papa Deutschland und die Ukraine am Tropf.“ Sie sehe vielmehr, dass beide voneinander abhängig seien. 

Selenskyj schaut zu Merz auf.

Europa nicht am Verhandlungstisch – für Ischinger „unverschämt“ 

Sollte es zwischen der Ukraine und Russland irgendwann zu einem Waffenstillstand kommen, müssten die Europäer diesen Frieden absichern, denkt der langjährige Diplomat und Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger. Er findet es deshalb „unverschämt“, dass die Europäer an den Friedensverhandlungen zwischen den USA, Russland und der Ukraine nicht teilnehmen dürfen. 

Sauer sieht darin einen Fehler der Trump-Regierung: „Was die Amerikaner machen, ergibt keinen Sinn. In ihrer nationalen Sicherheitsstrategie steht ja, dass Russland Europas Problem ist. Dann sollten sie auch Europa an den Tisch holen.“  

Die Erklärung für diese Kurzsichtigkeit der USA fällt für Sauer simpel aus: „Das liegt daran, dass die Trump-Administration – vorsichtig formuliert – himmelschreiend inkompetent ist.“ Diese Bemerkung sorgt für Lacher. „Das ist sehr vorsichtig formuliert“, kommentiert Illner ironisch. 

Minenboot Weilheim

Selenskyj sieht sein Land bereit für die EU 

Bislang blockiert auch Russland eine Beteiligung der Europäer am Verhandlungstisch, weil sie als zu enge Verbündete der Ukraine betrachtet werden. Die Bande könnten in Zukunft noch enger werden, wenn die Ukraine tatsächlich der Europäischen Union beitreten sollte. 

Selenskyj nutzt das Interview für Eigenwerbung: „Unsere Armee und unsere Technologie werden die EU stärker machen“, so der Präsident, der auf die langen Prozesse in der EU offenbar wenig Lust hat: „Wenn die EU erst in 100 Jahren stärker sein möchte, dann können sie das verschieben“, meint er achselzuckend.  

Er sei überzeugt, dass die Ukraine bereit sei und alle Forderungen der EU in puncto Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung erfülle: „Die Liste war sehr lang. Wir haben die Liste komplett erfüllt. Es ist unmöglich, uns den Mitgliedsstatus zu verweigern.“ 

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Kritische Einordnung zur Korruption in der Ukraine fehlt 

An dieser Stelle wäre eine kritische Einordnung des tatsächlichen Stands der Korruptionsbekämpfung in der Ukraine angebracht gewesen. Doch weder Illner noch einer der Experten im Studio ordnet Selenskyjs Aussage kritisch ein. Im Gegenteil: Weisband stellt sich auf Selenskyjs Position und fragt: „Kann mir jemand einen europäischen Staat nennen, in dem es keine Korruption gibt?“ 

Die Frage zielt am Thema vorbei, da es Korruption natürlich überall gibt, es aber um das Ausmaß der Korruption geht. Der Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International macht die Korruption in verschiedenen Ländern vergleichbar.  

Darin ist zwar zu erkennen, dass die Ukraine kleine Fortschritte bei der Korruptionsbekämpfung macht, aber immer noch weit hinter dem EU-Durchschnitt liegt. Sogar das korrupte System unter dem kürzlich abgewählten Viktor Orbán in Ungarn liegt in dem im Februar 2026 veröffentlichten Index noch knapp vor der Ukraine. Für die Zuschauer wird das in der Sendung nicht aufgeklärt. Doch gerade das wäre wichtig, um ein ausgewogenes Bild darzustellen und russlandnahen Kritikern des Öffentlich-Rechtlichen nicht neues Futter zu liefern.