Bielefeld. Die evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) arbeitet mit einer wissenschaftlichen Studie sexualisierte Gewalt in kirchlichen Internaten und Wohnheimen auf dem Gebiet der Landeskirche auf. Damit die Ergebnisse der Studie unabhängig von kirchlichen Stellen sind, sind Forschende der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster mit den Untersuchungen beauftragt. Damit verbunden ist ein Aufruf an Betroffene und Zeitzeugen, die die Studie durch die Teilnahme an Interviews unterstützen möchten.

Die Studie, die am 1. April begonnen hat, sei ein Baustein der umfassenden Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in kirchlichen Einrichtungen, teilte die EKvW mit. Zuvor hatte die EKvW bereits mit der Evangelischen Kirche im Rheinland im Zuge einer vergleichbaren Studie zusammengearbeitet, weil sich ein Internat in wechselnder Trägerschaft der beiden Landeskirchen befand. Aus diesem Prozess gebe es bereits zahlreiche Erkenntnisse, die den nun in Westfalen begonnenen Prozess unterstützen.

Die Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung der EKvW, Charlotte Nieße, begrüßt, dass die EKvW insbesondere auch ihre eigenen Einrichtungen nun in den Blick nimmt. „Die Kirche muss selbst die Initiative ergreifen und sexualisierte Gewalt aktiv aufarbeiten“, sagte sie. „Wir möchten Betroffene und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ermutigen, von ihren Erfahrungen zu berichten.“

Wer kann Informationen beitragen?

Aufgerufen seien insbesondere Menschen, die in den Internaten und Schulheimen gelebt oder gearbeitet haben und dabei selbst sexualisierte Gewalt erfahren oder beobachtet haben oder andere Informationen zu diesen Einrichtungen beitragen können.

In den Interviews gehe es um das Wissen über die Taten sowie um den persönlichen Umgang mit diesen Erfahrungen. „Auch Menschen aus dem Umfeld, die nicht direkt betroffen sind, sind eingeladen, sich zu melden, wenn sie Hinweise oder Beobachtungen und Erfahrungen teilen möchten“, heißt es von der Landeskirche. Dabei sind sowohl aktuelle als auch länger zurückliegende Erfahrungen von Interesse.

Dabei bezieht sich die Studie zunächst auf folgende Einrichtungen:

  • Bochum: Ev. Pflegevorschule
  • Breckerfeld: St. Jacobus-Realschule
  • Bünde: Ev. Pflegevorschule
  • Espelkamp: Birger-Forell-Realschule
  • Espelkamp: Söderblom-Gymnasium
  • Gütersloh: Alumnat (I und II)
  • Hagen: Ev. Pflegevorschule („Amalie-Sieveking-Haus“)
  • Hagen-Ernst: Oberlin-Institut (Fachschule für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen)
  • Herne: Ev. Pflegevorschule
  • Hohenlimburg: Ev. Pflegevorschule („Justus-Winkelmann-Heim“)
  • Höxter: Ev. Pflegevorschule
  • Lippstadt/Stift Cappel: Landheim für Mädchen des Ev. Gymnasiums
  • Lübbecke: Ev. Pflegevorschule
  • Meinerzhagen: Ev. Landesschule zur Pfort

Die EKvW betont dabei, dass die Studie ergebnisoffen sei und darum jeder Hinweis zur Erkenntnisgewinnung beitrage. Da die Landeskirche selbst die Studie nur in Auftrag gegeben hat, sei es durchaus auch möglich, dass der Rahmen der Studie, deren Ergebnisse voraussichtlich im Juli 2027 präsentiert werden sollen, im Laufe der Untersuchungen noch geweitet werden könne.

Lehren für Gegenwart und Zukunft

„Von dieser Studie versprechen wir uns Erkenntnisse über missbräuchliche Machtstrukturen in kirchlichen Einrichtungen in der Vergangenheit, um daraus für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen“, sagte Präses Adelheid Ruck-Schröder.

Jede Kontaktaufnahme sowie die gesamte Kommunikation zwischen Menschen, die sich melden, und den Forschenden werden vollständig vertraulich behandelt. Interviews können persönlich, telefonisch oder per Videogespräch geführt werden. Die Auswertung und spätere Veröffentlichungen erfolgen in anonymisierter Form. Auch die EKvW erhalte keinen Einblick in die Inhalte der Gespräche, sondern lediglich Sachstandsberichte im Rahmen der Landessynoden sowie einen anonymisierten Abschlussbericht.

Alle Informationen zu Kontaktmöglichkeiten, Ansprechpersonen und Studienaufbau sind im gemeinsamen Aufruf von EKvW und DHPol zu finden.