„Für uns ist es ein erhebender Moment“, sagt Sebastian Gairhos, „wenn sich die Zentrale in der Peripherie meldet.“ Die Zentrale, das ist Rom, die Peripherie meint Augsburg. Im Klartext: Das Museo della Civiltà in Rom hat in Augsburg beim Römischen Museum angefragt, ob man ein Objekt der hiesigen Sammlung als Leihgabe für eine geplante Antiken-Ausstellung erhalten könne. Verständlich, dass Stadtarchäologie-Chef und Römer-Experte Gairhos da der Stolz überkommt, denn es ist ja nun wirklich nicht so, dass in Rom selbst Mangel an Artefakten aus der Zeit des Römischen Reiches herrschen würde. Aber das Museo della Civiltà, direkt dem italienischen Kulturministerium unterstellt, wollte eben ein ganz besonderes Stück präsentieren, und das gibt es nur in Augsburg.

„Negotium – Il Business dell’Imperio Romano“ (frei übersetzt: Handel – Warenfluss im Römischen Reich) lautet der Titel der groß dimensionierten Ausstellung, die im Herbst in der Ewigen Stadt an den Start gehen soll. Wie aber kommt dafür Augsburg ins Spiel? Die Stadt am Lech besitzt eine Reihe hochkarätiger steinerner Reliefs, präsentiert einige davon auch in seinem Römischen Museum, welches bekanntermaßen mangels eines eigenen Hauses derzeit im Zeughaus unterkommen muss. Hier ist unter anderem das Kalksteinrelief eines Grabdenkmals mit der Darstellung eines Weintransport ausgestellt, und ebendieser Reliefs wegen meldeten sich die Museumsleute aus Rom vor einigen Wochen bei Sebastian Gairhos.

Ein Ochsenkarren mit vielen Details

Das Grabdenkmal zählt zu den bekanntesten Objekten des Römischen Museums. Ein Karren, beladen mit einem Weinfass, wird von zwei Ochsen gezogen, die Darstellung ist herausragend in ihrer Detailfreude, in der Gestaltung des Räderwerks an dem Karren, der Haltung des Kutschers, ja selbst dem auf dem Weinfass thronenden kleinen Hund mit hechelnder Zunge.

Was aber, so erzählt es Gairhos, die Museumskollegen aus Rom nicht wussten: Dass Augsburg aus seiner Zeit als römische Provinzhauptstadt Augusta vindelicum noch weitere hochkarätige steinerne Darstellungen des „Business dell’Imperio Romano“, des antiken Berufs- und Geschäftslebens, zu bieten hat. Ob die römischen Kollegen noch Weiteres sehen wollten?

Männer, die sich gegen Stoffe stemmen

Etwa das Relief einer Textilballenverschnürung, welches ebenfalls einst ein Grabmal in Augusta vindelicum zierte. Ungemein lebensecht sind hier vier Arbeiter dargestellt, die mit erheblichem Kraftaufwand an Seilen zerren und mit Stangen hantieren, um einen übermannsgroßen Stoffballen zum Transport zu verschnüren, während ein danebenstehender die Ausfuhr der Ware notiert.

Oder, weiteres Beispiel, die beiden Reliefs zu Seiten eines monumentalen Steinblocks, auch dies Überrest eines Grabdenkmals. Auf der einen Seite ist hier die Szene eines Weinausschanks mit viel Detailgenauigkeit in den Stein getrieben, während gegenüberliegend quasi das Hinterzimmer des Ausschanks dargestellt ist, wo es bei drei mit Geld und Rechnung tätigen Figuren um das „Business des Weinhandels in großem Stil“ (Gairhos) geht.

Die Ausstellungsmacher aus Rom mussten nicht erst lange überzeugt werden. Und so werden nicht nur die Wein transportierenden Ochsen, sondern auch die beiden anderen Darstellungen  zur Leihe ins Museo della Civiltà gegeben. Alle im Original, selbst der wuchtige Block mit den beiden Weinverkaufsszenen, der in der Toskanischen Säulenhalle des Augsburger Zeughauses aufgrund seines Gewichts nur in (Kunststoff-)Kopie gezeigt werden kann.

Dass die drei Berufsdarstellungs-Reliefs des Römischen Museums Augsburg nun zu Ausstellungszwecken nach Rom geholt werden, ist für Sebastian Gairhos ein Zeichen dafür, welche Qualität den Augsburger Objekten im internationalen Maßstab beigemessen wird. Denn die Stücke aus Augsburg werden in der Ausstellung zusammen mit 500 weiteren Exponaten aus italienischen und internationalen Museen zu sehen sein.

„Negotium“ wird in Rom auf zwei Orte verteilt werden, auf das Museo della Civiltà im Stadtviertel EUR sowie auf die Engelsburg im Zentrum der Stadt. Die Schau soll im Oktober beginnen und bis Januar 2027 laufen. Wem bis Rom der Weg zu weit ist und wer die so bedeutenden Augsburger Reliefdarstellungen trotzdem sehen will, der hat dazu bis zu ihrem Abtransport noch Gelegenheit an ihrem jetzigen Standort in des Toskanischen Säulenhalle des Zeughauses (geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr).

  • Stefan Dosch

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