Am Sonntag endet eine wichtige Etappe für die Olympia-Kampagne der Außenseiter-Bewerbung Köln/Rhein-Ruhr für die Spiele 2036, 2040 oder 2044. Gegen 21.30 Uhr sollen erste Hochrechnungen über den Willen der Bevölkerung aus den 17 beteiligten NRW-Kommunen vorliegen, den sie per Briefwahl kundtun konnte.

Eine am Donnerstag veröffentlichte Forsa-Meinungsumfrage ergab, dass 54 Prozent der abstimmungsberechtigten Menschen an Rhein und Ruhr mit „Ja für Olympia“ votieren würden, 38 Prozent mit „Nein“.

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Rhein-Ruhr mit der Stadt Köln als sogenannter „Host City“ stellt sich national gegen die Mitbewerber Berlin, Hamburg und München auf. Gegenüber diesen Metropolen gilt das 17-Städte-Ansinnen aus NRW als am wenigsten aussichtsreich und als am meisten zerfasert. Der ZDF-Comedian Jan Böhmermann fiel unlängst mit einer Bemerkung auf, die aufhorchen ließ: „Köln will eure Scheiße nicht.“

Gemeint war die Olympia-Bewerbung. Und Torsten Burmester, seit 1. November Chef der Verwaltung in der Millionenstadt, sei laut Böhmermann ein „fucking Bürgermeister“.

Dazu sagte Burmester: „Wir neigen in Deutschland dazu, immer Nein zu sagen – mit dem Hinweis, dass wir ohnehin nichts auf die Kette kriegen. Herr Böhmermann gehört zu dieser Nein-Fraktion.“ Die Gesellschaft benötige aber „mehr Menschen mit einer positiven Haltung und einem grundsätzlichen ,Ja‘“.

Wir beteiligen vier Millionen Wahlberechtigte in der Region. So viele wie kein anderer Mitbewerber.

Torsten Burmester, Oberbürgermeister Köln (SPD)

Burmester geht davon aus, dass die abstimmungsberechtigten Menschen an Rhein und Ruhr, zwischen Aachen und Recklinghausen, die 66,4 Prozent Zustimmung überbieten können, die München bei der Volksbefragung erhielt. Begründung: „Hinter der Bewerbung von Köln/Rhein-Ruhr stehen deutlich mehr Menschen als hinter der Bewerbung von München. Wir beteiligen vier Millionen Wahlberechtigte in der Region. So viele wie kein anderer Mitbewerber.“

Die bloße Anzahl der Abstimmenden ist jedoch nicht unbedingt eine Hilfe für das Erreichen eines Spitzenergebnisses. Burmester präzisiert daher noch einmal: „Glücklich bin ich, wenn wir die Mehrheit für Olympia erreichen. Ich lasse mich nicht auf Zahlenspiele ein.“

Sollte eine Stadt bei der Abstimmung ein negatives Ergebnis unter 50 Prozent erzielen, schiede sie aus dem Projekt aus. Für solche Fälle gibt es Ersatz-Kommunen. Grundsätzlich müsse man dann aber „neu denken und das Konzept ändern“, sagt Burmester.

Schwimmen in der Schalker Arena, Reitsport in Aachen

Auch er weiß, dass die Rhein-Ruhr-Kampagne mit Städten wie Krefeld oder Oberhausen im Konkurrenzkampf etwa mit Berlin und seinen Möglichkeiten wie die Bewerbung eines kleinen Bruders erscheint. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst stemmt sich gleichwohl gegen diesen Eindruck. Er sagt, sein Bundesland könne „die kompaktesten, nachhaltigsten und spektakulärsten Spiele“ präsentieren, sogar die größten überhaupt.

Das während der Briefwahlphase am intensivsten diskutierte Thema an Rhein und Ruhr waren die Finanzierung und der Knebelvertrag, den das Internationale Olympische Komitee Bewerbern aufzwingt. Niklas Börger, der die Olympia-Projektgruppe in der Düsseldorfer Staatskanzlei leitet, rechnet mit „4,8 Milliarden Euro Durchführungskosten bei zu prognostizierenden Einnahmen von 5,2 Milliarden Euro.“

Investitionen seien vorrangig nur für das zu erbauende temporäre Olympiastadion im Kölner Norden, das nach den Spielen zu einem Stadtquartier umgewandelt werden soll, und das Olympische Dorf zu leisten. „Die Kosten sind dadurch überschaubar“, glaubt Börger.

Tatsächlich warten die Organisatoren mit einigen Pluspunkten in Bezug auf bereits bestehende Anlagen auf: Die Schwimmwettbewerbe etwa sollen vor 50.000 Zuschauern in der Schalker Arena stattfinden. Fußball im Dortmunder Stadion. Reiten in der Aachener Soers. Hockey in der hochmodernen Anlage in Mönchengladbach.

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Zur problematischen Finanzierung des Olympia-Projekts sagt Kölns Oberbürgermeister Burmester: „Diese Bewerbung ist eine Gemeinschaftsbewerbung des Bundes, des Landes und der Kommunen. Deshalb ist das Risiko für die Stadt kalkulierbar.“ Außerdem „würden wir mit 14 Millionen deutlich mehr Tickets als unsere Mitbewerber anbieten. Dadurch könnten wir zwischen 200 und 400 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften.“

Burmester sieht vor allem den Nutzen, den Olympische Spiele für den Westen der Republik hätten. Den hat er auch den Briefwählern offensiv mitgeteilt: „Olympia wird einen Investitionsbooster für die Infrastruktur auslösen und viele Entwicklungen beschleunigen, die sonst angesichts der finanziellen Lage auf sich warten ließen.“