Etliche Minuten bevor es offiziell losgeht, sitzt der Preisträger schon auf seiner Bühne. Mehr am Rand wie am Katzentisch, ein paar Blätter sortierend und dies und das flugs notierend, die Gitarre zu seinen Füßen. Wolf Biermann in der schnieken Glashalle der Wuppertaler Sparkasse, in der ihm gleich wieder eine Ehrung zuteilwird. Eigentlich hat er ja schon fast alle, jene im Namen Heines und Büchners und Fontanes. Nun folgt noch der Else-Lasker-Schüler Lyrikpreis der gleichnamigen Gesellschaft, mit dem vor ihm schon Berühmte bedacht worden sind: Thomas Kling, Friederike Mayröcker, Nora Gomringer.
Keine Frage, Biermann liebt die Bühne, liebt es, all die großen und kleinen Geschichten aus seinem reichen Leben kräftig pointiert vor Publikum zu erzählen, seine Balladen zur Gitarre zu singen und mit dem, was er so sagt und denkt, unberechenbar zu sein. Biermann ist Biermann, ist geniales poetisches Großmaul, laut und leise, frech und verzagt. Doch bis zu seiner Ehrung und seinem Auftritt ist erst einmal der Nachwuchs an der Reihe mit der 1995 in Oberhausen geborenen Lyrikerin Sirka Elspaß. Für ihren Gedichtband „hungern beten heulen schwimmen“ wird ihr der Förderpreis verliehen, und ihre kurze, aber intensive Lesung lässt ahnen, dass man von ihr auch weiterhin hören und lesen wird.
Dann aber Biermann, der schon ein wenig kribbelig geworden schien und jetzt seiner Zuhörerschaft das präsentiert, was er auf einem „Spickzettel“ ankündigt. Den hatte er abends zuvor zusammengeschustert, kopieren und ins Programmheft legen lassen. Drei Lieder und ein paar Texte stehen darauf. Sie aber sind nur das grobe Konzept eines Abends, der zum Biermann-Konzert werden sollte. Die „Ballade vom preußischen Ikarus“ ist dabei sowie „Und als wir ans Ufer kamen“ – beide von 1976, das nicht nur für ihn ein bedeutsames Jahr wurde. Denn Biermann, der in der DDR schon als Dreißigjähriger mit Berufsverbot bedacht wurde, darf 76 plötzlich für Konzerte in den Westen reisen. Aber schon einen Tag nach seinem Konzert in Köln wird er offiziell ausgebürgert, nach Liedern wie „Die hab´ich satt“.
Doch das Regime unterschätzt die enorme Solidarität unter den Intellektuellen. Joan Baez und Louis Aragon protestieren; auch Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, vor allem sind es aber die Kunstschaffenden der DDR wie Jurek Becker, Sarah Kirsch und Günter Kunert, etwas später Manfred Krug und Amin Müller-Stahl. Mit der Ausbürgerung Biermanns beginnt der Exodus der DDR-Intellektuellen, es ist ein Anfang vom späteren Ende des Arbeiter- und Bauernstaates.
Biermanns Leben als Kinofilm
Biermann plaudert viel in Wuppertal, vermutet weithin verbreitete literarische Unkenntnis im Publikum, mokiert sich halb spaßend über Wuppertals Oberbürgermeisterin Miriam Scherff, weil die in unbesonnener Ehrlichkeit dem Preisträger gestand, dessen berühmtestes Lied „Ermutigung“ nicht zu kennen.
Biermann wird dieses Jahr 90 Jahre alt, und Ende Oktober wird sein Leben in einem Kinofilm dokumentiert. Da haben sich viele Legenden angesammelt. Eine war der Laudatio vom berühmten Schlagzeuger Günter Baby Sommer zu entnehmen, der erkrankt war, seinen Text aber verlesen ließ. Darin ging es auch um die Aufnahme der „Bilanzballade im 30. Jahr“ in Biermanns berühmter Ostberliner Wohnung an der „Chausseestraße 131“, die sogar einem Album seinen Namen gab. Biermann nörgelte damals permanent übers Trommelspiel, bis für den gewünschten Effekt eine Blechkiste voller Matchbox-Autos seines Sohnes auf den Boden gepfeffert wurde. Mit diesem Scheppern war Biermann dann zufrieden.
Ein Ende wollte das alles nicht nehmen. Und während schon die Essensgerüche des Buffets immer aufdringlicher wurden, kam es mit rigoroser Hilfe von Moderatorin Birte Fritsch doch noch zum Ausklang. Fast so lang wie das legendäre, vierstündige Köln-Konzert 1976 sei das gewesen. Nein, verbessert er uns sofort, das waren viereinhalb Stunden.