Herr Weidner, in Fischach gab es eine sogenannte Hachscharah? Was ist damit gemeint?
Hachscharah ist das hebräische Wort für Vorbereitung. Im Rahmen der zionistischen Bewegung bezeichnete es Ausbildungsprogramme, die junge jüdische Erwachsene auf das Leben im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina vorbereiteten. Vor allem Landwirtschaft, Handwerk, jüdische Kultur und die hebräische Sprache wurden den Auswanderungswilligen vermittelt.
Die meisten europäischen Juden lehnten eine Auswanderung nach Palästina ab. Wieso?
Ganz so pauschal ist es nicht unbedingt. Der Verbreitungsgrad des Zionismus muss immer in Abhängigkeit zum vorherrschenden Antisemitismus verstanden werden. Im Osteuropa der Zwischenkriegszeit, wo die Qualität und Quantität antisemitischer Gewalt zunächst deutlich gravierender war, fand er deshalb weit mehr Anschluss als im deutschsprachigen Raum. In Deutschland gewinnt die Bewegung erst unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung an zahlenmäßiger Bedeutung.
Warum entschieden sich doch einige, nach Palästina zu gehen?
Die Gründe waren vielschichtig und reichten von tiefer Verbundenheit zum Land bis hin zu reinem Pragmatismus. Einzig die Flucht vor dem grassierenden Antisemitismus eint nahezu alle jüdischen Pionierinnen und Pioniere. Oftmals bot die Region Palästina die einzige Möglichkeit der Verfolgung zu entfliehen, da das Vereinigte Königreich anfangs weniger restriktiv mit der Visa-Vergabe war als die Schweiz oder USA.
Wo kamen die Menschen her, die in Fischach ausgebildet wurden, und wie kamen sie während der Ausbildung unter?
Das NS-Regime gestattete es nicht, dass die lokale jüdische Bevölkerung an der örtlichen zionistischen Auswanderungspraxis teilnahm. Deshalb kamen die jüdischen Pionierinnen und Pioniere aus dem gesamten Reich nach Fischach. Der Ort war mit seiner langen landjüdischen Tradition ideal. Untergebracht waren sie in zwei Häusern, die im Besitz ortsansässiger jüdischer Familien waren. Die Fischacher Hachscharah war ab 1936 gemeinsam mit dem Augsburger Kibbuz Teil der zionistischen Organisation Hechaluz (= Pionier).
Wie sah diese Ausbildung aus?
Während im Kibbuz Augsburg der Fokus auf der handwerklichen und kulturellen Ausbildung lag, sollte in Fischach parallel dazu die landwirtschaftliche Vorbereitung stattfinden; durch die Repressionen des NS-Regimes fand sie jedoch häufig nur auf dem Papier statt. Ab Juni 1936 durften Jüdinnen und Juden nicht mehr bei sogenannten „deutschblütigen“ Bauern arbeiten, deshalb wurde im Garten der israelitischen Schule ein kleiner Gärtnereibetrieb eingerichtet. Vor allem auf die Vermittlung der hebräischen Sprache wurde ein großes Augenmerk gelegt. Hierfür kam eigens ein Lehrer aus München.
Wie reagierte die Bevölkerung auf die Ankommenden?
Die jüdische Gemeinde Fischach sammelte Sachspenden für alltägliche Dinge und stiftete sie an das Haus. Als die männlichen Pioniere nach der Pogromnacht 1938 in Dachau „interniert“ wurden und das Auswanderungshaus vorübergehend geschlossen war, kamen die Pionierinnen zeitweise auch bei der christlichen Bevölkerung unter.
Wie viele wanderten so von Fischach aus? Gab es auch Fischacher Familien, die diesen Auswanderungsweg nutzten?
Mir ist nur ein Junge bekannt, der direkt und ohne Umwege von Fischach aus ins heutige Israel auswanderte. Die Fischacher Hachscharah wurde im Nachgang der Novemberpogrome 1938 durch das Regime aufgelöst. Die verbliebenen 25 Pionierinnen und Pioniere gingen teilweise in ihre Heimatstädte zurück, manche wurden dort Opfer der Shoah. Einige schlossen sich auch den Augsburger und Nürnberger Abteilungen an und migrierten zunächst über Dänemark nach Schweden. Erst nach der Staatsgründung Israels 1948 schafften sie es, ihre neue Heimat zu erreichen.

Icon vergrößern
Historiker Philip Weidner promoviert an der Uni Augsburg in Neuester Geschichte.
Foto: privat
Schließen
Icon Schließen
Icon vergrößern
Icon verkleinern
Icon Pfeil bewegen
Historiker Philip Weidner promoviert an der Uni Augsburg in Neuester Geschichte.
Foto: privat
Vortrag am 20. April in Fischach
Info: Philipp Weidner ist Doktorand im Fach Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Seine Promotion soll den Titel tragen: „Handlungsfelder und soziale Praxis deutschsprachiger Zionismen, ca. 1890–1955“. Zudem ist er wissenschaftliche Hilfskraft der Direktion am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Er berichtet bei einem Vortrag im Pfarrheim Adoph Kolping in Fischach am Montag, 20. April, von 19 bis 20.30 Uhr, über die Zionistische Bewegung in Fischach 1936 bis 1939. Kooperationspartner sind der Heimatverein für den Landkreis Augsburg und dem Kulturkreis Fischach Kern.
-
Ruth Seyboth-Kurth
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis
-
86850 Fischach
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis
-
Sprungbrett
Icon Haken im Kreis gesetzt
Icon Plus im Kreis