rbb: Können Sie eine dieser Anekdoten anreißen?
Stefan Wolle: Wohnungen in Berlin war ein Kapitel für sich. Das begann schon in der DDR. Da gab es eine Besetzer-Szene, die aber mit der West-Szene wenig zu tun hatte. Ihnen ging es darum, Wohnraum in Berlin zu bekommen. Das war schwierig und es stand viel leer, war zum Teil schon für den Abriss leergeräumt. Da zogen die Menschen einfach ein und schlossen persönliche Abkommen mit der Wohnungsverwaltung. Das ging schon irgendwie.
Parallel dazu kam dann in Berlin eine stärker ideologisch motivierte Besetzerszene hinzu, die sich Freiräume erarbeiten wollte – unabhängig vom Establishment und staatlichen Systemen. Und diese beiden Szenen stießen seit Ende der 1980er Jahre gewissermaßen zusammen und vereinigten sich. Speziell in den Stadtbezirken Prenzlauer Berg und Friedrichshain war das der Fall.
Der Berliner Senat meinte, diesen Zustand nicht länger dulden zu können. Besonders die CDU machte da eine große Wahlkampfnummer draus und sagte, in Berlin müsse endlich Recht und Ordnung einziehen. So fühlte sich der Senat bemüßigt, im Jahre 1990 schon mit Gewalt diese Wohnungen zu räumen. Es gab bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen. Speziell die Mainzer Straße wurde regelrecht zum Symbol dieses Konflikts. Heute ist sie eine Straße wie jede andere. Das hat sich also gänzlich gewandelt. Das ganze Milieu ist verschwunden, was auch viele bedauern.