Jörg Böhme war leider dienstlich verhindert, als der FC Schalke 04 am Sonntagmittag seine Pokalsieger von 2001 zum Jubiläumstreffen in der Arena empfing. Vor 25 Jahren hatte er im Pokalfinale gegen Union Berlin beide Tore zum 2:0-Sieg geschossen, aber am Sonntag musste er in der Landesliga Westfalen die erste Herren-Mannschaft des 1. FC Nieheim coachen. Ortstermin 15 Uhr beim TuS Dornberg. Ansonsten waren die Altstars weitgehend vollzählig. Überall liefen den Leuten Helden von damals über den Weg: Oliver Reck, Andy Möller, Ingo Anderbrügge oder auch, im Sonntagsanzug aus Polen zugereist, der seinerzeit berüchtigte Vorstopper Tomasz Hajto.
Es war ein guter Tag zum Wiedersehen, nicht nur, weil es Freibier gab, sondern weil es auch ein guter Tag war, um Schalker zu sein. Das hat es ja lange nicht gegeben, dass Schalke in einem Pflichtspiel von elementarer Wichtigkeit nach nicht mal einer Stunde beim Spielstand von 3:0 schon aller Sorgen ledig war und die Fans Lieder aus einer Zeit anstimmten, in der die Pokalsieger von 2001 nicht mal geboren waren. „Oh, wie ist das schön“, hieß es in der Nordkurve mit Referenzen an die Ära von Sepp Herberger und Helmut Schön. Am Ende stand ein 4:1-Erfolg gegen Preußen Münster, der das Bild, das auf dem Platz entstanden war, unzureichend wiedergibt. Zwischen dem Tabellenersten und dem Tabellenletzten der zweiten Liga tat sich in weiten Teilen der 90 Minuten ein solcher Unterschied auf, dass die Münsteraner zwischenzeitlich bereuen durften, überhaupt angereist zu sein.
MeinungHängende Spitze
:Paderborn nuckelt am Aufstieg
Kolumne von Ulrich Hartmann
Dass in der nächsten Saison zwei Spielklassen die beiden Klubs trennen werden, ist nach dieser Begegnung keine verwegene Annahme mehr. Schalke lässt nicht erkennen, dass der mögliche Aufstieg in die erste Liga für Nervosität sorgt, Euphorie herrscht nicht nur auf den Rängen, sie treibt auch die Mannschaft an. Seit dem 0:2 in Bochum Ende Januar haben die Knappen nicht mehr verloren. Allmählich wird es wirklich ernst.
Schon die erste Viertelstunde war dazu angetan, Angst und Schrecken im mit 6500 lautstarken Preußen-Fans ausgebuchten Gästeblock zu verbreiten – bei den Betroffenen auf dem Spielfeld ohnehin. Angesichts des furiosen Ansturms der Hausherren wirkten die Preußen komplett überfordert. Ein halbes Dutzend sehr reeller Torchancen hatten die Tickerdienste zu vermelden, sofern sie beim Aufschreiben der Einzelheiten mithielten. Angefangen bei der Rettungsaktion auf der Torlinie von Verteidiger Niko Koulis nach dem Kopfball von Schalkes Kapitän Kenan Karaman (4. Minute) bis zu der Serie von Glanztaten des Torwarts Johannes Schenk.
Allmählich aber wurde der an der Schulter verletzte Torjäger Edin Dzeko doch wieder vermisst. Als es nach der wilden Serie von Attacken immer noch 0:0 stand, kamen die Angreifer ins Grübeln. Der Druck ließ nach, Münster formierte sich defensiv, und das Schalker Spiel verlor an Tempo. Es bedurfte eines Geniestreichs von Adil Aouchiche, um in der 36. Minute den Bann zu brechen. Der 23 Jahre alte Franzose, in der Winterpause gekommen, hat seine Ausbildung bei Paris Saint-Germain erhalten, und was er dort gelernt hat, das führte er mit einer Pirouette vor, an der Zinedine Zidane das Urheberrecht hält. Der Ball gelangte zu Dejan Ljubicic und von diesem zu Karaman, der zum 1:0 traf. Timo Beckers 2:0 nach Eckstoß von Aouchiche stellte noch vor der Pause klare Verhältnisse her. Aouchiches 3:0 und Moussa Syllas 4:0 beseitigten, falls vorhanden, die restlichen Zweifel.
Zu Beginn der Saison hatten die Schalker Verantwortlichen um Sportvorstand Frank Baumann einen halbwegs ruhigen Saisonverlauf zum Ziel erklärt. Erst im Winter nahm man den Aufstieg in die Planung auf und startete Transferaktivitäten, die den Verein dorthin gebracht haben, wo er jetzt steht. Besser haben die Gelsenkirchener selten für wenig Geld eingekauft. Die Zugänge Aouchiche (wundersamerweise ablösefrei in Sunderland angeworben), Ljubicic, Dzeko und der in Anderlecht geliehene und sofort heimisch gewordene Linksverteidiger Moussa Ndiaye verwandelten einen leidenschaftlichen und kämpferisch starken Tabellenführer in ein Zweitligaspitzenteam, das auch spielerisch Maßstäbe setzt.
Die Pokalsieger von 2001, auch als Meister der Herzen bekannt geworden, durften stolz auf ihre Nachfahren sein. Das Wort Aufstieg hat Trainer Miron Muslic dennoch am Sonntag nicht in den Mund genommen: „Es war ein sehr, sehr souveräner Auftritt“, sagte er, „man muss die Ausgangslage sehen: Jeder erwartete ein klares Ding, aber das gibt es in unserer Liga nicht.“ Gibt es doch.
Noch vier Spiele in dieser Liga, dann wechselt Schalke 04 möglicherweise die Rolle: Dann ist man nicht mehr Favorit, sondern als Aufsteiger wieder Außenseiter.
