Es ist schon verrückt: Lange war sonntags nicht mehr so viel gleichzeitig los in Neuss. Landesgartenschau, Blaulichtmeile auf dem Markt, verkaufsoffener Sonntag. Und dann ist die vielleicht größte Attraktion die Warteschlange vor einem Schnäppchenmarkt am Büchel.
Dicht gedrängt stehen die Menschen hier vor dem Eingang des „City-Popup-Stores“ gegenüber von Gewürzmühle Engels, die Schlange geht einmal um die Ecke bis weit auf den Münsterplatz. Die Straßenbahn 709, die während der Laga auch am Wochenende fährt, muss sich den Weg freibimmeln. Gibt’s hier denn was umsonst?
„Hier kostet heute alles 3 Euro“, löst City-Popup-Chef Miro Rundic auf. „Airfryer, Staubsauger, Bügeleisen. Alles außer Koffer.“ Für seine „3-Euro-Party“, bei der er nach eigenen Angaben Amazon-Bestände verscherbelt, hat Rundic online Werbung gemacht. Jetzt rennen ihm die Leute buchstäblich die Türe ein.
Mit Spannung und großen Erwartungen hatte diese Stadt auf das Wochenende geguckt: das erste mit der am Donnerstag gestarteten Landesgartenschau, obendrein mit geöffnetem Einzelhandel. Wie viele Leute würden da wohl kommen? Zieht die Laga wirklich viele Gäste von außerhalb? Und laufen die dann auch in die Innenstadt, Kostenpflichtiger Inhalt um was zu kaufen oder wenigstens einen Kaffee zu trinken?
Nach diesem Sonntag mit teilweise verrücktem Aprilwetter – von strahlendem Sonnenschein bis zum heftigen Platzregen war alles dabei – lässt sich eine vorsichtige Bilanz ziehen. Erstens: Jawohl, viele Neusser entdecken tatsächlich ihre Laga-Liebe. Der Andrang auf dem Gelände hat kein Kirmes-, aber ordentliches Tierparkniveau. Deutlich mehr als an den ersten beiden (Werk-)tagen. Zweitens: Jawohl, die Laga ist ein Anziehungspunkt für Menschen auch aus der Ferne. Auf dem Hauptparkplatz sieht man Kennzeichen aus Krefeld, Köln, Bergheim, sogar aus Münster und Frankfurt. Und drittens: Jawohl, wer zur Laga kommt, für den ist auch die Neusser City ein Ziel. Die Fußgängerzone jedenfalls ist am Sonntagmittag rappelvoll – und zwar nicht nur da, wo es Airfryer für drei Euro gibt.
Strategische Bedeutung hat dabei die Einflugschneise Markt – Wendersplatz – Laga-Eingang. Reger Fußverkehr herrscht in beide Richtungen. Viele Familien mit Kinderwagen oder Fahrrad-Anhängern sind zu sehen, ältere Leute, viele Paare.
So wie Wolfgang und Andrea Nick, die aus Euskirchen gekommen sind und jetzt über den Büchel schlendern. „Wir waren heute Vormittag schon auf der Laga“, sagt Wolfgang, „jetzt wollten wir kurz in der Innenstadt was essen und dann wieder zurück in den Park. Unser Auto steht ja gut!“ Die beiden sind heute zum ersten Mal in Neuss. „Wir hatten gar keine Vorstellung von der Stadt“, sagt Andrea. „Jetzt sind wir angenehm überrascht. Es ist natürlich größer als Euskirchen, vor allem sehr vielfältig.“ Gerade die Laga sei „wirklich doll, nur das Geläuf ist ein bisschen tief nach dem Regen.“
Laga-Besucher, die die City für Schnitzel, Pizza oder Kuchen ansteuern – genau das ist die Hoffnung vieler Neusser Gastronomen. Und die scheint jedenfalls zum Teil aufzugehen. „Es kommen immer wieder Gäste, die vorher auf der Landesgartenschau waren“, sagt Stavros Bailas, Geschäftsführer im Vogthaus. „Es sind halt Touristen, Holländer zum Beispiel.“ Aktuell sei viel los im Restaurant, auch durch den verkaufsoffenen Sonntag. Er erwarte aber auch darüber hinaus einen positiven Effekt. „Vor allem im Sommer, wenn es wärmer wird. Das wird schon knallen.“
Doch die Konkurrenz ist groß – auch auf der Laga selbst, wo man es sich zum Beispiel mit einem Pils und einer Rhabarberschorle auf der RP-Seeterrasse gutgehen lassen kann. So wie Dorothee (73) und August (78) aus Grevenbroich, die ihren Nachnamen lieber nicht öffentlich nennen wollen. „Viele Sachen hier sind wirklich sehr schön“, sagt August über den neuen Park, und Dorothee ergänzt, sie sei vor allem von der Kunst im ehemaligen Hengststall beeindruckt. „Hier werden wirklich Impulse für die Stadt gesetzt“, sagt sie. Nur an manchen Stellen wirke das Gelände noch ein bisschen unfertig, und es sei manchmal etwas matschig. „Aber das darf natürlich auch alles noch wachsen, es geht ja gerade erst los“, sind sich die beiden einig. Ob sie gleich noch die Innenstadt zum Shoppen ansteuern? „Ich weiß noch nicht, ob ich ihn überredet kriege“, lacht Dorothee.
Da sind die Pläne von Familie Neumann schon konkreter. Mutter Carry, Vater Oliver und Sohn Phil (4) wollen den Tag über auf der Laga bleiben. „Wir finden es echt schön hier, vor allem die Spielplätze sind für die Kinder super“, sagt Oliver Neumann. Eben haben sie mit einem Roller und einem Skateboard schon die Skate-Anlage ausprobiert, jetzt geht es auf den Basketballplatz: Phil lässt sich von seinem Papa hochheben, um den Ball im Korb zu versenken. Dass drüben in der City die Geschäfte geöffnet sind, dass es sogar eine Blaulichtmeile mit echten Feuerwehrautos und Rettungswagen gibt – „wir haben das noch gar nicht mitbekommen“, sagt Mutter Carry Neumann.