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Die Spritpreise steigen in Deutschland schneller als bei unseren EU-Nachbarn. Die neue Tankregel der Merz-Regierung zeigt kaum Wirkung. Experten sind enttäuscht.

Berlin – Wer in diesen Wochen an der Tankstelle steht und auf die Preisanzeige schaut, reibt sich ungläubig die Augen. Was noch vor wenigen Monaten selbstverständlich schien – bezahlbarer Sprit für den Weg zur Arbeit, den Wocheneinkauf oder den Familienausflug –, ist für viele Menschen in Deutschland längst zum Kostenfaktor geworden, über den man nachdenken muss. Eine neue Regel der Bundesregierung sollte Abhilfe schaffen. Doch die erhoffte Wende blieb aus.

Der Absturz des Ölpreises nach der Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran am 8. April 2026 hat zwar zumindest kurzfristig Erleichterung an deutschen Zapfsäulen gebracht. Laut Daten des ADAC sank der bundesweite Tagesdurchschnittspreis für einen Liter Superbenzin E10 am Mittwoch um 3,3 Cent auf 2,155 Euro. Diesel verbilligte sich um 2,8 Cent auf 2,419 Euro – der erste Rückgang nach zwölf Anstiegen in Folge, wie der ADAC mitteilte. Doch der kurzfristige Rückgang täuscht über ein größeres Problem hinweg: Insgesamt ist Tanken in Deutschland derzeit rund 38 Cent pro Liter teurer bei E10 und rund 67 Cent teurer bei Diesel als vor Beginn des Iran-Kriegs. Und die Maßnahmen der Bundesregierung, um die Bürger an der Zapfsäule zu entlasten, haben nach Einschätzung von Experten bisher keine durchschlagende Wirkung gezeigt.

Der „Rakete-und-Feder-Effekt“: Preise steigen schnell, fallen langsam

Dass der Rückgang an der Zapfsäule weit geringer ausfällt als der Einbruch am Ölmarkt, ist kein Zufall. Der Preis für ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent war nach der Waffenruhe und der Öffnung der Straße von Hormus um bis zu 16 Prozent gefallen – auf zeitweise 91,70 US-Dollar. Doch von diesem Einbruch kommt an der Tankstelle bislang nur ein Bruchteil an.

Das Bundeskartellamt weist in seinem aktuellen Kraftstoffbericht ausdrücklich darauf hin, dass sinkende Rohöl- und Großhandelspreise im Iran-Krieg an den Tankstellen zuletzt nur mit deutlicher Verzögerung ankamen. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Rakete-und-Feder-Effekt“ bekannt – so bezeichnet es die Bundesregierung selbst: Preise steigen schnell wie eine Rakete und sinken langsam wie eine Feder. Hinzu kommt, dass der Ölpreis am Donnerstagmorgen bereits wieder leicht gestiegen ist, was den Spielraum für weitere Senkungen zunächst verringert. Der ADAC fordert dennoch Konsequenzen: „Angesichts des stark gesunkenen Ölpreises am gestrigen Tag ist der Rückgang der Kraftstoffpreise mehr als angebracht. Bei andauernd niedrigeren Ölpreisen muss sich dieser Preisrückgang fortsetzen.“

Die 12-Uhr-Regel: Gut gemeint, kaum Wirkung erzielt

Seit dem 1. April 2026 gilt an deutschen Tankstellen eine neue Regelung: Preiserhöhungen sind nur noch einmal täglich erlaubt – um 12 Uhr mittags. Preissenkungen hingegen sind jederzeit möglich. Die Regel orientiert sich am österreichischen Modell und sollte Verbraucher vor willkürlichen Preissprüngen schützen. Doch die Bilanz nach der ersten Woche ist ernüchternd. Laut ADAC-Zahlen war Superbenzin eine Woche nach Einführung der Regel fast neun Cent teurer, Diesel sogar fast 13 Cent teurer als zuvor. Teils verzeichnete der ADAC bundesweite Durchschnittspreissprünge von mehr als zehn Cent zur Mittagszeit. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, zieht ein klares Fazit: „Die neue Tankregel hat sich als Enttäuschung erwiesen.“

Noch deutlicher formuliert es ADAC-Kraftstoffmarkt-Experte Christian Laberer: „Das österreichische Modell mit einer Preiserhöhung pro Tag funktioniert nicht. Die Realität straft den Namen Spritpreis-Bremse hier Lügen.“ Die Befürchtung, dass Mineralölkonzerne mit deutlichen Risikoaufschlägen auf die eingeschränkte Flexibilität reagieren würden, habe sich laut Laberer bestätigt.

Reiche, Merz und Klingbeil vor Euro-MünzeViele EU-Nachbarn senken die Steuern auf Kraftstoff, um ihre Bürger zu entlasten – die Merz-Regierung setzt stattdessen auf eine Tankregel, die kaum Wirkung zeigt. Der Benzinpreis steigt in Deutschland schneller als bei fast allen Nachbarn. © IMAGO / Wolfgang Maria Weber/ LNJSSpritpreise in Deutschland steigen schneller als bei EU-Nachbarn

Besonders aufschlussreich sind Daten der EU-Kommission, die von der dpa ausgewertet wurden: Demnach ist der Benzinpreis in Deutschland im Zeitraum vom vorletzten zum letzten Montag deutlich schneller gestiegen als in den EU-Nachbarländern. Der Vergleichszeitraum umfasst dabei auch mehrere Tage, an denen die neue 12-Uhr-Regel bereits in Kraft war.

Kritiker der Regel hatten im Vorfeld genau dies befürchtet: dass sie die Preise antreiben statt senken könnte. Ob ein direkter Kausalzusammenhang besteht, lässt sich aus den Daten zwar nicht abschließend belegen – beim Dieselpreis zeigten sich laut dpa zudem keine klaren Auffälligkeiten. Dennoch bleibt das Gesamtbild besorgniserregend: Deutschland entwickelt sich beim Benzinpreis zum Ausreißer innerhalb der EU.

Was Europa macht – und was Deutschland nicht tut

Während Deutschland auf die Wirkung seiner neuen Tankregel wartet, haben viele europäische Nachbarländer längst konkretere Maßnahmen ergriffen. Österreich und Italien haben die Mineralölsteuer gesenkt, um Verbraucher direkt an der Zapfsäule zu entlasten. Spanien plant eine deutliche Reduzierung der Steuern auf Benzin und Strom. Polen hat Steueranpassungen eingeführt, um dem Tanktourismus entgegenzuwirken. Ungarn und die Slowakei setzen auf Preisbremsen und staatliche Regulierungen.

Belgien und Luxemburg gehen noch einen Schritt weiter: Dort legt der Staat Höchstpreise für Kraftstoffe fest. In Belgien berechnet das Wirtschaftsministerium sogar an jedem Werktag die maximal erlaubten Preise für Benzin und Diesel anhand verschiedener Faktoren. Ein Modell, das in Deutschland bislang nicht ernsthaft diskutiert wird.

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Vorschaubild für einen Ratgeber zum Spritsparen als gratis DownloadLaden Sie sich die Spartipps jetzt kostenlos herunter. © IPPEN.MEDIAKartellamt bleibt in Beobachterrolle – trotz erweiterter Befugnisse

Auch die Aufsichtsbehörden stehen in der Kritik. ADAC-Technik- und Verkehrspräsident Karsten Schulze fordert: „Die Politik hat das Bundeskartellamt mit höheren Befugnissen ausgestattet. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass davon nicht Gebrauch gemacht wird und die Behörden in der Beobachterrolle bleiben.“ Die Mineralölbranche hingegen verweist auf externe Faktoren. Ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie erklärte: „Ursache für die Preisentwicklung ist weiterhin der Iran-Krieg, der zu einer erheblichen Störung der globalen Versorgung mit Mineralöl und Mineralölprodukten geführt hat.“ Weiter heißt es: „Die Tankstellenpreise folgen den Beschaffungskosten an den internationalen Märkten für die Produkte Benzin und Diesel.“ Eine Erklärung, die zwar sachlich nicht falsch ist – aber die Frage offenlässt, warum der Preisanstieg in Deutschland stärker ausfällt als bei den Nachbarn.

Laut EIA-Prognose dürften die Ölpreise wegen anhaltender Unsicherheiten über künftige Lieferausfälle bis zum Jahresende über dem Vorkrisenniveau bleiben – und die Kraftstoffpreise könnten selbst nach einer Wiedereröffnung der Meerenge noch monatelang weiter steigen. Seit Kriegsbeginn hat sich Diesel in Deutschland bereits um rund 70 Cent verteuert, E10 um mehr als 40 Cent, so das Bundeskartellamt in seinem Kraftstoffbericht. (ls mit dpa)