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Jelena Burggraf (links) und Sarah Hahn präsentieren Apfelwein-Accessoires von „Abgerippt“. © Hans Hofele
Die Cider World im Palmengarten in Frankfurt zieht vorwiegend junge Besucher an. Doch heimische Hersteller kämpfen gegen die Marktmacht der Getränkeriesen.
Frankfurt – Noch ist es übersichtlich im Gesellschaftshaus im Palmengarten. Bis 14 Uhr waren nur Fachbesucher zur Cider World zugelassen, konnte man noch von Stand zu Stand gehen und fachsimpeln. Das ist jetzt vorbei. Draußen am Eingang hat sich eine lange Schlange gebildet. Das Publikum will rein. Will, bewaffnet mit einem Probierglas, die kleine Weltreise des Apfelweins machen. Auffallend viele junge Menschen sind es, die sich auf die Suche nach Apfelwein-Inspiration erst mal in Geduld üben müssen.
Eine Gruppe Zwanzigjähriger ist aus Preungesheim gekommen: „Cider ist cool. Nicht so spießig wie Wein. Es gibt Mischgetränke, weniger Alkohol, viel zu entdecken“, sagt Manuel. „Es ist ein bisschen wie bei Craft Beer, so viele kleine Hersteller aus allen möglichen Ländern. Das finden wir spannend“. Steffen und Iris sind aus Sachsenhausen da: „Das Schlimmste an der Schlange ist, dass wir womöglich verdursten, bevor wir drin sind“, sagt sie und lacht.
Frankfurt ist die Apfelweinhauptstadt
Das wird nicht passieren. Es geht zügig durch den Eingang. Mit einem kleinen Booklet kann man sich durch die Cider World testen und Geschmacksnotizen machen. Ob von der Cidrerie Milton in Kanada, der Mosterei Möhl in der Schweiz oder Siderruta Ulvig in Norwegen. Apfelwein kann viele Formen annehmen und wird weltweit produziert. Dass man den Cider in seiner ganzen Vielfalt in Frankfurt bewundern kann, ist der Verdienst von Michael Stöckl und Christine Isensee-Kiesau.
Stöckl ist seit 2001 Cider-Sommelier, reist dafür durch die ganze Welt: „Bei einer Reise zur Eisapfelernte in Quebec 2007 kam ich auf die Idee, diese verrückten Produkte im Herzen von Europa, nämlich der Apfelweinhauptstadt Frankfurt am Main, zu präsentieren. Ab da war ich mit dem Virus Apfelweinmesse infiziert und konnte sie 2009 dann zum ersten Mal mitveranstalten“, verriet er dem Fachmagazin „about-drinks“. Neben der Publikumsmesse wird ein umfangreiches Programm für Fachbesucher veranstaltet. Zum Grad der Professionalisierung gehört die Zusammenarbeit mit der Hochschule in Geisenheim.
Der Cider ist ein weltweites Produkt
Aus der 2009 gegründeten Apfelwein-Messe wurde 2017 die Cider World. Diese Messe ist einzigartig in Europa: „Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Stilistiken, Herkünften und Herstellungsmethoden sowie eine nicht zu zählende Anzahl an Apfelsorten, aus denen man die Produkte herstellen kann. Beim Cider ist man eben nicht auf bestimmte Rebsorten einer Region festgelegt, sondern kann alles verwenden, was auf Apfelbäumen wächst und zum Apfelweinmachen taugt.“
Wenn auch der Apfelwein überwiegend als Nischenprodukt wahrgenommen wird, gibt es einen weltweiten Boom des Apfelgetränks. Sechzehn Milliarden Euro wurden letztes Jahr in diesem Bereich umgesetzt, Tendenz steigend. Großbritannien ist der mit Abstand größte Markt. Doch es boomt auch im ehemaligen Empire, von Kenia über Australien bis Singapur. China. Japan und Korea haben ebenfalls das Getränk entdeckt.
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Auch die großen Getränkehersteller bringen immer neue Variationen auf diese Märkte. Der geringere Alkoholgehalt und das kultige Marketing tun ein Übriges. Es scheint fast, als würden die heimischen Apfelweinhersteller einen globalen Trend verpassen. Der Marktmacht der Getränkeriesen wie Heineken oder Anheuser-Busch InBev, die erfolgreich Cider in diese Märkte bringen, haben sie wenig entgegenzusetzen.
Neben den großen Marken sind es die traditionellen Apfelwein-Hersteller, die nicht alle Frankfurter sofort auf dem Schirm haben. Die Kelterei Nöll aus Alt-Griesheim ist ein solcher Fall. Seit 1962 als Familienbetrieb geführt, wird aus Äpfeln des Taunus, des Odenwalds und der Wetterau Apfelwein, Saft und Apfelsecco hergestellt: „Es ist klar ein Frankfurter Produkt. Der Weg in die Gaststuben und Märkte ist jedoch nicht immer einfach“, wird am Stand verraten.
Es sind zahlreiche Obst- und Gartenbauvereine aus der Region vertreten. Der Regionalverband FrankfurtRheinMain macht es möglich. Die Ernte der Streuobstwiesen wird zunehmend zu Apfelwein gekeltert. Der OGV Fischbach hat 250 Mitglieder, darunter auch einige aus Frankfurt: „Seit 2020 stellen wir Cidre her. Das werden, je nach Ernte, circa 1000 Flaschen. Die sind dann auch schnell weg“, sagt Dietmar Drossel vom Vorstand. Das Besondere: „Wir haben durch die Stadt Kelkheim auch ein Brennrecht. An drei Tagen im Jahr darf auch Schnaps destilliert werden.“
Natur-Apfelwein aus dem Baskenland
Dass Apfelwein kultig ist, erkennt man nicht nur am Bembel-Roller von Jens Koske, der auch vertreten ist. Jelena Burggraf und Sarah Hahn haben mit „Abgerippt“ ein eigenes Label rund um das Stöffche kreiert. In Schwarz und Weiß gibt es vom T-Shirt bis zur Trucker-Cap stylische Apfelwein-Motive: „Unser Online-Shop boomt, das hätten wir nicht gedacht. Ein stationärer Handel ist zu kostspielig. Wir wären gerne mehr auf den großen Events in Frankfurt. Das wird uns als Newcomer nicht einfach gemacht. Die Platzhirsche beäugen uns kritisch. Wir bleiben dran.“
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Das diesjährige Gastland Baskenland (siehe Artikel unten) hat einen zentralen Gemeinschaftsstand im Festsaal. Die Basken nennen ihren Apfelwein Sagardoa und teilen dieselbe Liebe zum Produkt: „Wir stehen für mehrere hundert Jahre Apfelweintradition“, sagt man am Stand von Isastegi aus der Nähe von San Sebastián. Fest steht: Für die Besucher der Cider World gibt es diesen Nachmittag viel zu entdecken.