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Der Frankfurter Architekt Stefan Forster ist auf Wohnungsbau spezialisiert. © Monika Müller
Der Frankfurter Architekt Stefan Forster spricht im Interview mit der FR über die Nachverdichtung der Frankfurter Platensiedlung und Potenziale für Wohnungsbau jenseits der grünen Wiese.
In einem der größten Nachverdichtungsprojekte in Deutschland sind in der Platensiedlung im Frankfurter Stadtteil Ginnheim 681 Wohnungen entstanden. Wie die städtische Wohnungsgesellschaft ABG nach Plänen des Architekten Stefan Forster durch Aufstockung und Neubauten die Zahl der Wohnungen fast verdreifacht und die Struktur der früheren US-Army-Siedlung verändert hat, gilt jetzt schon als modellhaft. Dass es rasch zu ähnlich großen Projekten in Frankfurt kommt, glaubt Forster dennoch nicht. Dabei bescheinigt der auf Wohnungsbau spezialisierte Frankfurter Architekt der Nachverdichtung großes Potenzial.
Herr Forster, für den Umbau der Platensiedlung in Frankfurt ist Ihr Büro gerade beim Deutschen Baupreis mit einem dritten Platz ausgezeichnet worden. Auch die ABG als Bauherr und die Stadt zeigen sich sehr zufrieden. Einfach war das Projekt aber offenbar nicht.
Heute sind alle voll des Lobes, der Weg dahin war jedoch alles andere als einfach. Jetzt, nach der Fertigstellung, hat der Erfolg natürlich viele Väter, wenn ich zynisch werden darf. Vor zehn Jahren haben wir mit den ersten Skizzen für die Weiterentwicklung der Platensiedlung begonnen, damals noch zusammen mit dem Kollegen Michael Landes. In diesen Jahren hatten wir es mit drei Stadtregierungen, drei Planungsdezernenten und zwei Oberbürgermeistern zu tun. Diesen politischen Schwankungen war das Projekt permanent unterworfen. Am Ende hat es etwa dazu geführt, dass weniger Wohnungen entstanden, als wir das ursprünglich geplant hatten.
Auf Linkedin schreiben Sie, Sie hätten manchmal das Gefühl, dass niemand das Projekt so richtig wollte.
So ist es, wir hatten das Gefühl, einen Kampf gegen alle zu führen. So hatte zum Beispiel die SPD, bereits vor unseren ersten Skizzen, ihren Widerstand gegen die Nachverdichtung propagiert („Da wohnen unsere Wähler“). Die Zustimmung der SPD wurde durch die Reduktion der Wohnungsanzahl erkauft. Alle Beteiligten fühlten sich bemüßigt, die Bestandsbewohner vor uns und den Neubauten zu schützen. Dabei leben diese dort bis heute in einer absolut privilegierten Situation, zentrumsnah, in sehr schönen, großzügigen früheren Offizierswohnungen mit relativ günstigen Mieten.
Solche Projekte wecken doch nicht ohne Grund Ängste. Die Menschen mussten jahrelang Lärm, Dreck und andere Beeinträchtigungen ertragen. Manche hatten Angst vor stark steigenden Mieten oder gar verdrängt zu werden.
Am Ende geht es doch darum, dass die bisherigen Bewohner auch von den Baumaßnahmen profitieren; das ist aus meiner Sicht gelungen. Die Qualität des neuen Wohnumfeldes ist jetzt wesentlich höher als vorher. Die Hauseingänge sind neu gestaltet, die Erdgeschosswohnungen verfügen jetzt, ohne Mieterhöhung, über Gärten auf beiden Seiten. Die Höfe zwischen den Häusern sind aufwendig begrünt. Es gab so gut wie keine Fluktuation, auch ein klares Zeichen für Zufriedenheit mit der Wohnsituation. Das ganze Vorhaben glich oft einem Kampf gegen Windmühlen, was ich aus anderen Städten so nicht kenne. Regelrecht absurd war für uns, dass wir während der gesamten Entwicklungszeit mehr über Autos als über das Wohnen gesprochen haben.
Wieso über Autos?
Von Seiten des Stadtplanungsamtes wurde argumentiert, die Bestandsbewohner würden befürchten, die Neubewohner würden ihnen ihre Parkplätze im öffentlichen Raum, vor den Häusern, wegnehmen. Aus diesem Grunde müssten die Bestandsstellplätze vor den Neubewohnern geschützt werden. Wir schlugen eine Quartiersgarage als Lösung vor, was ich nach wie vor als die beste und günstigste Lösung ansehe. Diese Idee wurde leider vom Stadtplanungsamt verworfen. Am Ende mussten sehr aufwendig kleine halbgeschossige Parkhäuser zwischen die Häuser gebaut werden. Das hatte immerhin den positiven Nebeneffekt, dass die Höfe jetzt auf Höhe der Erdgeschosse liegen.
Aber?
Leider werden die Garagen offensichtlich nicht genutzt, da die Siedlung völlig wild zugeparkt ist und man den Eindruck eines rechtsfreien Raumes gewinnt. Durch den wild verstreuten Sperrmüll gibt die Siedlung kein gutes Bild ab. Wir hatten das Projekt für den renommierten Wüstenrot-Preis angemeldet und kamen in die Vorauswahl. Die Jury wollte eine Besichtigung vor Ort durchführen – ich wollte mich nicht blamieren und habe dann die Bewerbung zurückgezogen. Schon absurd: Man baut extrem teure Garagen und die Autos parken wild im öffentlichen Raum, man schafft ein bundesweit richtungsweisendes Projekt und keiner kümmert sich um seinen Zustand. Städte, die ihren öffentlichen Raum ernst nehmen, handeln sichtbar und durchsetzungsstark, das ist in Frankfurt leider nicht der Fall. Trotzdem: Das Projekt ist absolut gelungen. Es ist aus unserer Sicht bundesweit wegweisend, nicht nur von der Dimension her.
Inwiefern?
Neben den 681 neuen Wohnungen haben wir die ganze Typologie der Siedlung verändert. Eine Siedlung mit Vorortcharakter wurde in ein Stück Stadt transfomiert. Durch die Schließung der Häuserzeilen sind begrünte Höfe entstanden. Die Bebauung begrenzt nun direkt die Platenstraße und schafft dadurch eine neuen Straßenraum. In den Erdgeschossen sind Läden entstanden, die sich durch die stark gestiegene Einwohnerzahl nun auch rechnen.
Die Grünen werben dafür, nun auch den südlich der Platenstraße gelegenen Teil der Siedlung nachzuverdichten.
Das wäre sinnvoll, auch wenn dort die Baustruktur schlechter sein soll. Nachverdichtung hat viele Vorteile, gerade wenn bezahlbare Wohnungen entstehen sollen. Die Grundstücke sind schon im Besitz, sie müssen nicht erst teuer gekauft werden. Hinzu kommt, dass, anders als bei einem Neubauprojekt auf Ackerland, die ganze technische Erschließung schon vorhanden ist – eine enorme Kostenersparnis. Auch ökologisch ist eine solche Innenentwicklung sinnvoller, als neue Flächen zu bebauen. Viele Siedlungen gehören zudem öffentlichen Wohnungsgesellschaften wie ABG und Nassauische Heimstätte.
Wie viele Wohnungen könnten in Frankfurt entstehen, wenn Siedlungen nachverdichtet werden?
Einige tausend bestimmt. Ich bezweifle aber, dass das politisch gewollt ist in Frankfurt. Das Nachverdichtungspotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Die Nassauische Heimstätte hat sich bei ihrem Projekt in der Sachsenhäuser Fritz-Kissel-Siedlung etwa darauf beschränkt, die Häuser aufzustocken, statt die bauliche Struktur der Siedlung, die ebenfalls aus Zeilen besteht, zu verbessern, etwa mit einer neuen Bebauung entlang der Mörfelder Landstraße. So hat man die Chance verpasst, die Siedlung städtischer zu machen. Dabei liegt sie nur wenige Minuten vom Schweizer Platz entfernt. Man muss jedoch zur Entschuldigung der Nassauischen Heimstätte anmerken, dass die Fritz-Kissel-Siedlung aus unerfindlichen Gründen unter Denkmalschutz steht. Das heißt: Die ausgeführten Verdichtungen wurden dem Denkmalamt schon abgerungen.
Welches Potenzial sehen Sie in der Umwandlung von Bürofläche in Wohnraum? Immerhin stehen dauerhaft weit mehr als eine Million Quadratmeter Bürofläche leer in Frankfurt. Wohnungen sind aber knapp…
Wenn das so einfach wäre, wie man immer annimmt, muss man sich fragen, warum doch relativ wenig Fläche umgewandelt wird. Der Umbau ist relativ teuer und aufwendig, die vermietbare Fläche im Wohnen ist zudem wesentlich geringer als im Bürobau.
Ihr Büro hat selbst zwei Bürohochhäuser in Niederrad umgebaut. Wie schwierig ist das?
Baulich ist das in der Regel möglich. Ich bin nicht der Meinung, dass es an Bauvorschriften oder an den anderen Grundrissen liegt, dass so wenig passiert. Man kann aus jedem Bürogebäude ein Wohnhaus machen.
In der Bürostadt Niederrad wurde vor einigen Jahren in größerem Stil umgewandelt. So ist das gemischter genutzte Lyoner Quartier entstanden. Könnte es eine neue Welle geben?
Wir spüren davon nichts. Untersuchungen halten das Potenzial aber auch für begrenzt. Solche Umwandlungen werden das Problem des Wohnungsmangels nicht lösen. In Niederrad gab es besondere Gründe für die Konversionen. Die Bürostadt Niederrad hat mit dem Bau des neuen Büroviertels Gateway Gardens ihre Daseinsberechtigung verloren.
Wenn das Potenzial, das Nachverdichtung bietet, kaum genutzt wird, und nur in Einzelfällen Büroraum in Wohnungen ungewandelt wird, was bleibt dann? Auf der grünen Wiese bauen?
Ja. Und das ist schon auch ein Armutszeugnis, wenn ich ehrlich bin. Wenn wir Frankfurt architektonisch mit anderen Städten vergleichen, etwa Paris, könnten wir durchaus zwei Geschosse mehr vertragen in der ganzen Stadt.
Man sollte die ganze Stadt aufstocken?
Wenn wir uns immer gerne mit den Weltstädten vergleichen, warum denn nicht durchgängig sieben Geschosse? Dazu müsste allerdings ein politischer Wille da sein, mit der Konsequenz, dass man alle städtischen Satzungen und Bebauungspläne außer Kraft setzt. Bei der derzeitigen Konstellation ist das völlig undenkbar.
Was spricht denn für noch mehr Dichte?
Mehr Menschen in der Innenstadt hat weniger Pendelverkehr zur Folge. Ökologisch ist es besser, die Stadt am Mainufer weiterzuentwickeln, als auf der grünen Wiese neue Flächen zu erschließen. Fünf Minuten vom Römer entfernt liegt der Osthafen, ein Industriegebiet mit Containern und Sandhaufen. Den Osthafen bisher nicht mit Wohnungen bebaut zu haben, ist stadtstrukturell gesehen ein kompletter Unsinn. Dasselbe gilt für den Gutleuthafen im Westen, wo jetzt immerhin ein bisschen was passiert. Mir wären neue Wohnviertel am Main viel lieber als die „Josefstadt“, der geplante Stadtteil an der A5. Dort wären Gewerbegebiete sinnvoller als mitten in der Stadt.
Begrünte Innenhöfe sind in der Platensiedlung entstanden. Die Häuser erhielten zwei neue Etagen. © Monika Müller
Solche Torhäuser überspannen jetzt die Sudermannstraße in der Frankfurter Platensiedlung. © Monika MüllerZur Person
Stefan Forster (68) ist geschäftsführender Gesellschafter des auf Wohnungsbau spezialisierten Frankfurter Büros Stefan Forster Architekten, das er 1989 in Darmstadt gründete.
Nach dem Studium der Architektur in Berlin und Venedig arbeitete Forster zunächst in Berlin und Mannheim, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wohnungsbau der TU Darmstadt.
Das Büro mit etwa 30 Architektinnen und Architekten hat seinen Sitz seit 1995 in Frankfurt. Zu dessen Schwerpunkten zählen der Umbau von Büro- und Verwaltungsgebäuden sowie die Transformation von Siedlungsstrukturen. Stefan Forster versteht seine Arbeit als Plädoyer für eine qualitätsvolle Alltagsarchitektur und für Städte, in denen man gerne lebt. cm