Die Welt ist in erheblicher Unruhe, natürlich flackern die Krisen auf dem Erdball auch in München auf. Das gilt nicht nur politisch und weltanschaulich, sondern auch was Religionsfragen angeht. Um an der Isar ein friedliches und konstruktives Miteinander zu fördern, hat die Stadt vor sechs Jahren mit SPD-Stadtrat Marian Offman, der auch Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde ist, einen eigenen Beauftragten für interreligiösen Dialog ernannt. Der erfahrene Kommunalpolitiker hält nicht nur eine solche Stelle in „schwierigen Zeiten“ für unerlässlich, sondern würde den Job selbst gerne auch weiterführen – auch, wenn seine Amtszeit als Stadtrat in wenigen Tagen endet.

Die Entscheidung darüber fällt aber der neu gewählte Stadtrat. Wer hier bald das Sagen hat und mit wem koaliert, ist bislang offen, die erste Sondierungsrunde ist bekanntlich geplatzt. Offman will sein Anliegen aber rechtzeitig platzieren, damit es Chancen hat, sich auch im künftigen Koalitionsvertrag zu finden. Es geht darum, dem interreligiösen Dialog in München einen festen Platz im Rathaus zu sichern, „für eine friedliche Stadt“. Deshalb hat Offman gerade jetzt im Rathaus Vertreter der Münchner Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsgemeinschaften zusammengetrommelt, damit diese sich beizeiten dazu erklären und der Politik gegenüber positionieren.

Dabei treffen sich hier keinesfalls nur Vertreter der großen Religionen, sondern etwa auch Jesiden, Aleviten, Humanisten, Buddhisten und damit der große vielfältige Kreis, der sich unter Koordination der städtischen Fachstelle für migrationsgesellschaftliche Diversität regelmäßig im Rathaus bespricht. Es ist eine offene Gruppe, Offman ist das Bindeglied zur Stadtpolitik, trägt gesellschaftliche und politische Themen der Runde in die Öffentlichkeit. Es ist ein großes Netzwerken. Als einen der größten Erfolge feiert man hier die 2024 verabschiedete Münchner Charta der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, in der man sich zu gemeinsamen Werten und dem deutschen Grundgesetz bekennt und jede Form von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit ablehnt.

„Wenn man München vergleicht mit der Situation von Hamburg und Berlin während des Gaza-Krieges, dann waren wir auf der Insel der Glückseligen“, sagt Offman beim Treffen am Freitagabend. „Auch wegen unseres interreligiösen Dialogs.“ Er lobt den guten Austausch mit den Muslimen in der Stadt, dankt ihren Gemeinden, „dass sie derart kooperativ waren“. Anhaltender Applaus in der Runde. Auch der Anschlag auf das israelische Lokal Eclipse in der Maxvorstadt vor wenigen Tagen, „Antisemitismus, der mich sehr bedrückt, soll uns bestärken und Antreiben, mit unserem Dialog weiterzumachen“. Offman hält die Tatsache, dass er als Jude interreligiöser Beauftragter der Stadt ist, obendrein für „ein Signal“.

„Das Wichtigste ist, Menschen unterschiedlicher Denkrichtung zusammenzubringen“

Sie finde es „ganz großartig“, dass es diese ehrenamtliche Position in der Stadt gebe, sagt eine Vertreterin der Humanistischen Vereinigung. Nur wenige Kommunen könnten dies vorweisen. Die direkte Anbindung an „die Stadt, den Stadtrat und die Kommunalpolitik“ sei eine „großartige Chance“, die sie nie aufgeben würde. Man solle die Stadt nicht aus der Verantwortung nehmen, sagt auch Stefan Rappenglück als Vertreter des Katholikenrats, und sich einsetzen, dass diese Arbeit und das Gremium auch so weiterexistieren könnte wie bisher. Der Dialog mit der Politik sei dringender denn je. „Das Wichtigste ist, Menschen unterschiedlicher Denkrichtung zusammenzubringen.“ Wolfgang Wuschek von der Humanistischen Vereinigung spricht von gemeinsamen Werten, „die gleichwertig in positivem Kontext umgesetzt werden“.

Im Dialogforum der Münchner Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind auch kleinere Gruppen vertreten wie der hinduistische Matri Mandir Kulturverein.Im Dialogforum der Münchner Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind auch kleinere Gruppen vertreten wie der hinduistische Matri Mandir Kulturverein. Robert Haas

Der Großteil spricht sich für einen Fortbestand der Dialogstelle und die Eigenständigkeit des offenen Gremiums aus. Im Gespräch war auch eine Art Zusammenschluss mit dem Rat der Religionen, einer enger gefassten Parallelstruktur. Belmin Mehic, Imam des Münchner Forums für Islam, sagt, „dass wir hier geschafft haben, was gar nicht so einfach ist: an einem Strang zu ziehen“.