Die Bürgerbefragung zu einer Bewerbung der Region Köln-Rhein-Ruhr für Olympische Spiele ab 2036 ist überschattet worden von einer zähen Auszählung der Stimmen in Köln bis tief in die Nacht hinein und einem verpassten Quorum in Herten. Dennoch sieht der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in dem Votum aus NRW ein „klares, bundesweites Rückenwind-Signal für eine deutsche Bewerbung um Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044“. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte noch am Abend von einem spektakulären Ergebnis gesprochen: „Ein historischer Rückhalt für eine Bewerbung Deutschlands um Olympische und Paralympische Spiele kommt heute aus NRW.“

In den 17 abstimmenden Kommunen wurde jeweils eine Mehrheit für die Teilnahme am weiteren Bewerbungsprozess erzielt. In Herten verpasste die Befragung jedoch die benötigte Mindestanzahl von 15 Prozent der Abstimmungsberechtigten.

Es ist bereits das zweite Mal, dass die Ruhrgebietsstadt Herten eine unrühmliche Rolle im Zuge der Olympia-Bewerbung einnimmt. Im Vorfeld hatte die SPD-Ratsfraktion bei einer Abstimmung die Bürgerbefragung abgelehnt. Nur weil die Abstimmung wiederholt wurde und die AfD mitstimmte, gelang es doch noch, die Befragung durchzusetzen.

Bürgermeister Fred Toplak zeigte sich zerknirscht: „Natürlich tut es ein Stück weit weh, weil wir viel Engagement in die Vorbereitung gesteckt haben und die Idee, Teil eines solchen internationalen Ereignisses zu sein, viele begeistert hat“, sagte er. „Aber solche Entscheidungen gehören zur Demokratie dazu.“ Zwar erklärte Toplak, es müsse noch geprüft werden, welche Folgen das für den Austragungsort Herten habe.

Der DOSB hatte jedoch im Vorfeld erklärt, dass bei einem Nichtzustandekommen des Quorums die Mountainbike-Wettbewerbe an andere Städte gingen. Hertens Bewerbung fand gemeinsam mit der Nachbarstadt Recklinghausen statt. Dort wurde das nötige Quorum erreicht und auch die Zustimmung fiel deutlich aus. Bürgermeister Axel Tschersich (SPD) erklärte, man wolle sich auch ohne Herten die Chance erhalten, Austragungsort zu werden.

Auszählung in Köln erst am Montagmorgen um 3.01 Uhr beendet

Überschattet wurde die Party in Köln von der schleppenden Auszählung in der Domstadt. Erst am Montagmorgen um 3.01 Uhr waren alle 141 Bezirke in Köln ausgezählt, die anderen Städte waren da schon seit Stunden fertig. Und dann fiel die Zustimmung in Köln auch noch besonders mager aus: Hier votierten nur 57,4 Prozent mit Ja. In keiner Stadt war das Votum so knapp. Köln soll als „Leading City“ der Region ein temporäres Leichtathletikstadion und das Athletendorf beherbergen.

Eigentlich sollte die Hohenzollernbrücke in Köln am Sonntagabend in den Olympiafarben leuchten. Auch daraus wurde erst viel später etwas. Die (Ober-)Bürgermeister der anderen Städte waren zur gemeinsamen Verkündung eines Ergebnisses nach Köln gereist, doch Köln ließ sie warten. Was ist der Grund für die Pannen-Auszählung? Die Stadt Köln verweist auf die hohe Zahl an abgegeben Stimmen – hier wurden 322.000 Stimmen ausgezählt. Zudem habe man nicht wie sonst in den Messehallen auszählen können, wo die Sportmesse Fibo lief, sondern habe in ein Berufskolleg in Deutz ausweichen müssen.

Die Organisatoren haben nun bis zum 4. Juni Zeit, ihre Bewerbung zu konkretisieren und beim DOSB einzureichen. Auch München, Hamburg und Berlin bewerben sich um die Spiele. In München gab es bereits im Oktober eine Abstimmung – hier haben 66 Prozent für Olympia gestimmt. In Hamburg entscheiden die Bürger am 31. Mai. In Berlin ist bislang kein Referendum angesetzt.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will im September entscheiden, wer von den vier deutschen Bewerbern in das internationale Rennen geht. Kiel ist als Standort der Segelwettbewerbe bei allen vier nationalen Bewerbungen an Bord. Hier sprachen sich am Sonntag 63,5 Prozent der Teilnehmer für eine Bewerbung aus. Eine finale Entscheidung soll dann am 26. September bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB erfolgen. Dann liegt die Entscheidung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

BUND: „Kölner brauchen nicht noch mehr Verkehrschaos und Geldverschwendungssucht“

Gegner der Olympia-Bewerbung erneuerten am Montag ihre Kritik. So sagte Holger Sticht, Landesvorsitzender der Naturschutzorganisation BUND NRW, man müsse das mehrheitlich positive Votum anerkennen: „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Zustimmung in der ,Leading City‘ Köln nicht das klare Signal pro Olympiade ist, von welchem Hendrik Wüst am Vorabend gesprochen hatte.“ Das Signal sei zu schwach, um gegenüber Mitbewerbern konkurrieren zu können.

„Die Kölner kennen das Verkehrschaos und die Geldverschwendungssucht aus täglicher Erfahrung und brauchen davon nicht noch mehr. Diejenigen, die am stärksten betroffen sind, zeigen keine klare Zustimmung pro Olympia.“ Der Ministerpräsident sei gut beraten, die Notbremse zu ziehen und das Konzept zu überarbeiten. „Das neue Stadion und olympische Dorf in Köln mit seinen gigantischen Neuversiegelungen passen nicht zu der angeblichen Nachhaltigkeit der Bewerbung Rhein-Ruhr. Und es reicht auch nicht auf Dauer, nur die Karte Emotionen zu spielen.“

Linke will Bewerbung weiter kritisch begleiten

Auch die Linke in NRW hält den Druck weiter aufrecht. Deren Landessprecherin, Kathrin Vogler, sagte unserer Redaktion, man sei von dem Ausgang der Befragung weniger beeindruckt als der Ministerpräsident. „In mehreren Städten war die Beteiligung nur knapp über 25 Prozent, und an unseren Infoständen haben wir immer wieder gehört, dass viele Menschen in NRW ganz andere Sorgen und Probleme haben als die Austragung der Olympischen Spiele.“

Man werde die weiteren Schritte der Rhein-Ruhr-Bewerbung jetzt kritisch begleiten, sagte Vogler. „Denn die Gründe für unser Nein sind ja nicht durch die Abstimmungen vom Tisch. Nun ist die Landesregierung in der Pflicht, ein tragfähiges Finanzkonzept zu erarbeiten, das die Kommunen nicht noch mehr belastet, und die Versprechen, die sie den Menschen gemacht hat, umzusetzen.“ Die Linke will vor allem darauf achten, dass in den beteiligten Kommunen keine sozialen Projekte gestrichen würden, um die Kosten der Olympiabewerbung zu stemmen, und dass kein Wohnraum vernichtet oder noch weiter verteuert werde.

Der NRW-Landesvorsitzende der Jungen Union, Kevin Gniosdorz, attackierte hingegen das Lager der Kritiker. „Von Jan Böhmermann bis zur Grünen Jugend und Linkspartei haben viele versucht, die Bewerbung lächerlich zu machen – am Ende sind die Bürgerinnen und Bürger in NRW weiter als die üblichen Spötter und Nein-Sager.“ Die Menschen an Rhein und Ruhr hätten gezeigt, so Gniosdorz, dass sie trotz schwieriger Zeiten Lust auf Zukunft hätten und dem Land wieder etwas Großes zutrauten.