Wenn man sich die Exponate der Ausstellung „Spurensuche in der Ukraine“ im Uttinger „raumB1“ ansieht, denkt man, gut gemachte Schnappschüsse vor sich zu haben. Bei näherer Betrachtung allerdings stellt der Betrachter fest, dass man mehr und mehr in imaginäre Biografien der Abgebildeten gezogen wird. Da sind lachende Teenager, die stolz ihre Gewehre präsentieren. Eine gestandene Bauersfrau, die eine Kuh vorführt. Ein Zweifler mit Kippe in der tätowierten Pranke, der einen Briefkasten beäugt. Was mag in all diesen kantigen Charakteren vorgehen, fragt der Betrachter sich irgendwann unweigerlich.
Auch die Entstehungsgeschichte der „Spurensuche“ ist ungewöhnlich: Die in New York ausgebildete Münchener Fotografin Louisa Marie Summer, deren Bilder in Europa, Asien und Nordamerika ausgestellt werden, führte immer wieder lange Gespräche mit dem Großvater über seine Vergangenheit. Dieser war als Wehrmachtssoldat vor mehr als 80 Jahren in der Ukraine beim Überfall auf die Sowjetunion dabei, er war gerade mal 20. Louisa Marie Summer rekonstruierte die Marschroute des Soldaten, danach entschlossen sich die beiden, diese Route gemeinsam abzufahren. Doch Gevatter Hein hatte anderes mit dem Großvater vor und nahm ihn zu sich.
Der Großvater konnte nicht mehr mit in die Ukraine fahren
Nun lag die Verantwortung für diesen Trip in die Vergangenheit bei Summer. Sie schnappte sich einen Freund und fuhr in drei, vier Wochen den ersten Teil der Route mit einem Auto ab. Es war Sommer 2012. Bei ihrer zweiten Reise hatte die abenteuerlustige Künstlerin einen ortskundigen einheimischen Fahrer an Bord, was die Verständigung erleichterte, weil Summer weder Ukrainisch noch Russisch spricht. Den dritten und letzten Aufenthalt bestritt sie alleine und mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
„Als deutsche Frau von damals nicht mal 30 in ein Land zu reisen, in dem der Zweite Weltkrieg eine immense Anzahl von Opfern gefordert hatte, war ein Vabanque-Spiel“, gesteht die heute 43-Jährige. „Mein Anliegen war es, Annäherung und Versöhnung zu vermitteln. Im Gegenzug machte ich keinerlei schlechte Erfahrungen. Nur wenn zu viel Wodka floss, werde es gelegentlich ein wenig brenzlig. Doch letztlich wurde ich mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit empfangen. Übernachtungs- und Essenseinladungen privater Natur standen oben auf der Tagesordnung. Kommuniziert haben wir mit Händen, Füßen und viel Gelächter.“
Familiäre Dokumente ergänzen die Fotos von der Spurensuche
Über zehn Jahre nach der letzten Reise zeigt Louisa Marie Summer nun ihre Dokumente in Form einer Ausstellung. Sie begnügt sich dabei nicht alleine mit hyperrealistisch wirkenden Fotografien, die übrigens auf seltenem, hochwertigem Baryt aufgezogen sind, sondern zeigt auch Briefe an die Braut und spätere Gattin des Großvaters, an die Familie, Tagebucheinträge sowie Bücher aus jener Ära, was dem Event einen dokumentarischen Wert verleiht.
„Raum B1“-Laudator Yorck Dertinger bringt es vor gut 40 Besuchern in seiner Einstiegsrede auf den Punkt, wenn er schwärmt: „Was mich persönlich an der Arbeit dieser Künstlerin begeistert, ist ihr Blick auf soziale Gegensätze, die uns Einblicke in fremde Welten zeigen, ohne zu werten. Ein warmer Blick, voller Mitgefühl und Respekt, der uns auch einen Blick auf ihre Seele erlaubt. Louisa Marie Summer hat den Mut, sich auf fremde Welten einzulassen. Sie zeigt ruhige, emotionale Fotos, Fenster in andere Realitäten – die sich zum Glück deutlich von der aktuellen Bilderflut unterscheiden.“
Die Ausstellung ist noch am Sonntag, 26. April, zwischen 15 und 19 Uhr zu sehen. Die Finissage findet am Sonntag, 3. Mai, ab 17 Uhr statt.
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Michael Fuchs-Gamböck
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