Stand: 20.04.2026 21:10 Uhr

Gut drei Stunden war die geplante Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover am Montag Thema im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages. Das Interesse an der öffentlichen Anhörung war groß.

Politiker aus Niedersachsen und Mitglieder verschiedener Bürgerinitiativen waren extra nach Berlin gereist, um die Sitzung des Ausschusses vor Ort mitzuerleben. Die musste in einen größeren Raum verlegt werden, damit möglichst viele Zuschauerinnen und Zuschauer dabei sein konnten. Allein das zeigt: Bei der geplanten Neubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover ist noch viel Redebedarf. Bei der Anhörung konnten die Fraktionen des Deutschen Bundestages in insgesamt sechs Runden ihre Fragen an geladene Interessenvertreter und Sachverständige stellen.

Einigkeit: Istzustand ist kein Zustand

Während der Anhörung wurde deutlich: Allen ist bewusst, dass die aktuelle Situation auf den Gleisen zwischen Hamburg und Hannover kein haltbarer Zustand ist. Die Abgeordneten fragten gezielt, inwieweit die ab Mai anstehenden Baumaßnahmen und die geplante Generalsanierung 2029 bereits für eine spürbare Entlastung auf der Strecke sorgen kann. „Es ist alles ein bisschen schmerzlindernd, aber es kuriert nicht die Krankheit“, fasste es Matthias Hudaff von der Deutschen Bahn (DB) am Ende zusammen. Die Strecke sei völlig überlastet. Nach der Generalsanierung könnten dort 200 Züge täglich fahren, der Bedarf liege aber bei 400, sagte Hudaff. Peter Dörsam (Grüne), der für den Projektbeirat Alpha-E im Ausschuss angehört wurde, zeigte sich hingegen überzeugt, dass mit zusätzlichen Weichen bereits sehr schnell eine deutliche Verbesserung erzielt werden könnte.

Lange Bauzeit befürchtet

Die Bahn hat laut Hudaff in den vergangenen drei Jahren und zehn Monaten insgesamt 29 Varianten untersucht, wie mehr Kapazität auf die Schiene zwischen Hamburg und Hannover gebracht werden kann. Vier Varianten wurden öffentlich abgebildet. Die Kriterien – mehr Pünktlichkeit, mehr Kapazität und der Deutschlandtakt – erfülle nur die vorgelegte Planungsvariante einer Neubaustrecke, erklärte Hudaff im Ausschuss. Nun brauche es rasche politische Entscheidungen und schnelle Genehmigungsverfahren, dann könne die neue Trasse sogar schneller fertig sein, als in den bisherigen Plänen angenommen. Dort kalkuliert die Bahn mit einer Inbetriebnahme 2050 – möglich ist nach Einschätzung Hudaffs auch 2045. Der Landrat des Heidekreises, Jens Grote (parteilos), sieht das kritisch. Er befürchtet, dass die Strecke so wie viele Bauprojekte erst deutlich später fertiggestellt werden, als geplant. Die Menschen in der Region bräuchten aber jetzt eine Lösung.

Video:
Strecke Hamburg-Hannover: Bahn hält Neubau für alternativlos (3 Min)

Ausbau würde deutlich länger dauern

Landrat Grote merkte im Ausschuss an, dass in der Diskussion ein völlig falsches Bild der Region vermittelt werde. Diese würde nicht zum Schutz von ein paar Äckern ein so wichtiges Infrastrukturprojekt verhindern wollen. Die Region sei durch eine Vielzahl von Verkehren wie Autobahnen geprägt. Viele Menschen würden auch eine bessere Anbindung an das Schienenetz wollen – aber nicht erst in 25 Jahren. Geschlossen mit dem Land Niedersachsen plädieren die Landkreise deshalb auf einen schnelleren Ausbau der Bestandsstrecke, argumentierte Grote. Doch dieser würde deutlich länger dauern, sagte Bahnvertreter Hudaff. „Ein Ausbau bedeutet de facto einen Neubau im Bestand“, gab er auf Nachfrage der Abgeordneten an. Eine Sorge, die insbesondere Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch (Grüne) beschäftigt. Sie geht von 32 Jahren Baustelle auf der Bestandsstrecke aus. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Lüneburg als Oberzentrum so lange eingeschränkt ist“, argumentierte die Oberbürgermeisterin.

Neubau mit regionalem Nutzen?

Bei der Anhörung sprachen neun Interessenvertreter und Sachverständige.

Bei der Anhörung sprachen neun Interessenvertreter und Sachverständige.

Für Kalisch sei eine Neubaustrecke der einzige Weg, um mehr Kapazität für den Nahverkehr zu schaffen. Lüneburg dürfe allerdings den Anschluss an den Fernverkehr keinesfalls verlieren. Dass die gesamte Region von einer Neubautrasse profitieren kann, davon ist Lukas Iffländer vom Fahrgastverband Pro Bahn überzeugt. Er führte Beispiele in anderen Regionen an. Die Express-Züge zwischen Nürnberg und Erfurt seien beispielsweise immer voll. Etwas vorsichtiger sehen das die regionalen Vertreter Dörsam und Grote. Sie befürchten, dass die Pläne der Bahn für die Kommunen nicht finanzierbar seien und der regionale Nutzen, etwa durch neue Bahnhalte, ausbleibe. Kay Rabe von Kühlewein vom Verkehrsclub Deutschland forderte in der Hinsicht, dass die Pläne der Bahn erweitert werden, etwa durch die Finanzierung der regionalen Bahnhalte und einem besseren Lärmschutz.

Seehäfen hoffen auf bessere Anbindung

Dass eine neue Zugverbindung zwischen Hamburg und Hannover gerade für die Wirtschaft von großem Wert sei, betonte Lutz Könner vom Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe. Die Strecke sei ein Schlüsselprojekt für die deutsche Wirtschaft. Sie verbinde Häfen und Industriezentren in Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland, so Könner. Die bestehende Strecke sei überlastet, es komme häufig zu Konflikten, wer die Gleise nutzen dürfe. Die Bestandsstrecke müsse dringend saniert werden, an einem Neubau führe aber kein Weg vorbei.

Verkehrsexperte: Planung für Neubau „extrem teuer“

Dem widersprach der Verkehrsexperte der TU Braunschweig, Thomas Siefer. Er bezeichnete die Pläne als „extrem teuer“. Der Fahrzeitgewinn liege im Vergleich zur Bestandsstrecke bei gerade einmal 14 Minuten. Eine Minute Fahrzeitgewinn würde man also mit einer Milliarde Euro erreichen, bemängelte Siefer. Das sei im Vergleich zu anderen Großprojekten ein extrem hoher Wert. Zudem befürchtet der Verkehrsexperte, dass die neue Trasse auch für den Güterverkehr zu teuer werde. Unternehmen müssten laut Siefer durch höhere Trassenpreise mit Mehrkosten von etwa 750 Euro pro Zugfahrt rechnen. Unter diesen Umständen werde die Trasse nicht marktfähig sein.

Zweifel an Berechnung

Auch Grünen-Politiker Dörsam äußerte seine Bedenken hinsichtlich der Kennzahlen der Bahn. Als zentraler Wert, ob das Bauvorhaben wirtschaftlich ist, gilt das Nutzen-Kosten-Verhältnis (NKV). Dieses gibt die Bahn mit 1,5 an – damit gilt die Neubaustrecke als wirtschftlich. Dörsam zweifelte im Ausschuss jedoch die Berechnung an. Die Projektgegner gehen von einem NKV unter 1 aus, was eine Unwirtschaftlichkeit bedeuten würde. Zweifel an den prognostizierten Fahrgastzahlen äußerte der niedersächsische AfD-Landtagsabgeordnete Omid Najafi. Seiner Ansicht nach sollte die bestehende Strecke erst ausgebaut werden. Dann habe man realistische Kennzahlen und könne vielleicht auf deren Basis über einen Neubau nachdenken.

Video:
ICE-Trasse Hamburg-Hannover: Neubau angeblich wirtschaftlich (1 Min)

Drei Stunden hochkonzentriert

Um 16.08 Uhr schloss der Vorsitzende des Verkehrsausschusses Tarek Al-Wazir (Grüne) die Sitzung. Zuvor zeigte er sich sichtlich zufrieden mit dem Verlauf der Anhörung. Auch die Zuhörerinnen und Zuhörer seien während der dreistündigen Anhörung hochkonzentriert gewesen, dafür sprach Al-Wazir seinen Dank aus. „Sie haben gesehen, dass wir uns im Ausschuss mit den verschiedensten Positionen beschäftigen, um so eine Entscheidung zu treffen.“ Wann es soweit ist, steht noch nicht fest.

Diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden im Ausschuss angehört:

  • Peter Dörsam (Bündnis 90/Die Grünen), Bürgermeister der Samtgemeinde Tostedt und Sprecher des Projektbeirats Alpha-E
  • Jens Grote (parteilos), Landrat des Landkreises Heidekreis
  • Matthias Hudaff, Deutsche Bahn AG, Leiter Großprojekte Ausbaustrecke/Neubaustrecke Hamburg-Hannover
  • Lukas Iffländer, Fahrgastverband Pro Bahn e. V., Bundesvorsitzender
  • Claudia Kalisch (Bündnis 90/Die Grünen), Oberbürgermeisterin der Hansestadt Lüneburg
  • Lutz Könner, Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe e. V. (ZDS), Geschäftsführer
  • Kay Rabe von Kühlewein, Verkehrsclub Deutschland Landesverband Niedersachsen e. V., Mitglied des Landesvorstands
  • Thomas Siefer, Technische Universität Braunschweig, Institut für Verkehrswesen, Eisenbahnbau und -betrieb
  • Omid Najafi (AfD), Landtagsabgeordneter Niedersachsen, Ausschuss Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung

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Der bisherige Streckenverlauf und die von der DB bevorzugte Neubauroute (links).

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