Nicht alle wollen sich festkleben. Deshalb sitzen sie jetzt im Stuhlkreis zusammen. Ein Dutzend Aktivistinnen und Aktivisten haben sich an diesem Montagmorgen in der evangelischen Heilandskirche im Berliner Ortsteil Moabit eingefunden. Im gemeinsamen Gespräch sollen sie herausfinden, zu welchem Protest sie bereit sind – und wozu nicht.

Die Kirche an der Thusnelda-Allee ist in dieser Woche so etwas wie das Basislager der „Neuen Generation“ in der Bundeshauptstadt. Der Anlass: die bevorstehenden „Revolution Days“. Die Nachfolgeorganisation der „Letzten Generation“ plant Protesttänze, eine Kunstaktion und am Donnerstag sogar den „Revolutionsversuch im Regierungsviertel“. Ein Protesttraining stimmt die Gruppe am Montag darauf ein.

Straßenszenen der Thusnelda Allee in Berlin Moabit. Eine der kürzesten Alleen nur eine Kirche steht an dieser Straße. Foto: doris spiekermann-klaas Die evangelische Heilandskirche steht der Protestgruppe für ihre Arbeit zur Verfügung.

© Doris Spiekermann-Klaas TSP

Zwischen Interviews und praktischen Übungen wie „Sich wegtragen lassen“ organisiert Lina Eichler, ehemaliges Mitglied der „Letzten Generation“ und Sprecherin der neuen Gruppierung, die „Revolution Days“. Sie weiß, warum sich die Bewegung neu aufgestellt hat, was die „Letzte Generation“ anders machen möchte und ob sich Autofahrer wieder auf Sitzblockaden und klebrige Fahrspuren einstellen müssen.

Lina Eichler von der "Neuen Generation", credit: Marlene Charlotte Limburg. Lina Eichler verteidigt die „Neuen Generation“ gegen den Vorwurf, radikal zu sein.

© Marlene Charlotte Limburg

Wer ist die „Neue Generation“ und was ist wirklich neu?

Die „Neue Generation“ entstand im März 2025 als Nachfolgeprojekt der „Letzten Generation“. 200 bis 300 Aktive gebe es inzwischen bundesweit, sagt Lina Eichler, zwischen 50 und 100 würden zur Protestwoche erwartet. Viele der früheren Aktivisten seien weiterhin dabei, personell habe sich also wenig verändert.

Der größere Unterschied liege in der inhaltlichen Breite: Statt sich wie früher vor allem auf Klimapolitik zu konzentrieren, nehme die Bewegung heute auch Rechtsruck, Lobbyismus und demokratische Defizite in den Blick. Unter dem Schlagwort „Merz-Mafia“ wollen die Aktivisten etwa auf Verflechtungen zwischen Politik und wirtschaftlichen Eliten aufmerksam machen.

Neben Protestaktionen gehört heute auch das sogenannte „Parlament der Menschen“ zum Angebot der „Neuen Generation“. Dabei handelt es sich um selbstorganisierte Bürgerräte, die parallel zu den Protesten stattfinden. Sie sollen eine Möglichkeit bieten, sich abseits politischer Institutionen auszutauschen und Entscheidungen zu diskutieren.

Woher kommt der neue Name?

Für die Wahl des neuen Namens spielt laut Lina Eichler auch eine wissenschaftliche Einschätzung eine Rolle, die sie als „absolut dramatisch“ beschreibt: Die Bewegung könne nicht mehr davon ausgehen, dass ihre Generation die letzte vor den Kipppunkten ist. Einige dieser Kipppunkte seien nämlich bereits erreicht oder hätten begonnen zu kippen.

Damit sei die Grundlage des bisherigen Namens weggefallen, sagt Lina Eichler. Der neue Name „Neue Generation“ solle verdeutlichen, dass sich die Bewegung an diese veränderte Lage anpasst und ihre Arbeit unter noch schwierigeren Bedingungen stattfindet als zuvor angenommen.

Wie radikal ist die „Neue Generation“?

Trotz der inhaltlichen Erweiterung hält die „Neue Generation“ an Protestformen fest, die bereits ihre Vorgängerbewegung geprägt haben. Laut Lina Eichler wird die Gruppe weiterhin Straßen blockieren und Farbe einsetzen, „wenn dies notwendig wird“. Für die Bewegung gehören diese Aktionen zum friedlichen Protest dazu und sollen auf Probleme aufmerksam machen.

Die Menschen, die nichts tun, sind radikal. Nicht wir.

Lina Eichler, Sprecherin der „Neuen Generation“

Der Begriff „radikal“ taucht in der Debatte um die Bewegung regelmäßig auf, vor allem wenn es um Protestformen wie das Festkleben auf Straßen oder Farbattacken in Museen geht. Eichler weist diese Einstufung zurück. Für sie seien weder das Ankleben noch Aktionen mit Farbe radikal, solange sie friedlich seien und niemanden verletzen.

Die Straßenblockaden der Vorgängergruppe waren auch deshalb scharf kritisiert worden, weil immer wieder Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, insbesondere Rettungswagen, deshalb im Stau steckenblieben. Einer internen Behördenstatistik zufolge wurden zwischen Mitte Juni 2022 und Mitte Mai 2023 in 104 Fällen Feuerwehrfahrzeuge in Berlin durch die Blockaden ausgebremst. Medizinische Folgen für Patienten wurden nicht erfasst.

Ziviler Ungehorsam habe eine lange historische Tradition und sei immer dann eingesetzt worden, wenn politische Entscheidungen als unzureichend empfunden wurden, sagt Lina Eichler. Radikal sei vielmehr das Gegenteil: „Die Menschen, die nichts tun, sind radikal. Nicht wir.“ Laut Eichler müsse sich eigentlich jeder von den Protestaktionen der „Neuen Generation“ angesprochen fühlen, „weil uns allen die Lebensgrundlagen genommen werden“.

Was plant die Gruppe bei den „Revolution Days“ in Berlin?

Die „Revolution Days“ sind für die „Neue Generation“ vor allem eine Woche voller Proteste. Es gehe darum, sichtbar zu sein, sich zu vernetzen und neue Leute an Aktionen heranzuführen. Immer wieder zusammenzukommen sei wichtig, sagt Lina Eichler, weil eine einzelne Großaktion im Jahr nicht ausreiche, um Menschen einzubinden oder Strukturen aufzubauen.

Am Dienstag soll es einen Kunstprotest an unbekanntem Ort geben, „dazu gerne schicke schwarze Kleidung und etwas Orangenes mitbringen“, heißt es. Am Mittwoch tauscht sich die Gruppe in der Heilandskirche über Crowdfunding und Gewaltfreiheit aus. Für Donnerstag plant sie nach einem „Mitbring-Frühstück“ ab 12 Uhr einen friedlichen „Revolutionsversuch im Regierungsviertel“.

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Was genau passieren soll, verrät Eichler nicht, nur so viel: „Das wird groß!“ Dann fügt sie hinzu: „Ich gebe zu, es kann auch sein, dass die Revolution am Donnerstag nicht gelingen wird. Aber wir versuchen es trotzdem.“