
Übergriffsvorwürfe erschütterten 2024 die Humboldt-Universität.
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Wenn der Chef für das berufliche Vorankommen körperliche Gefallen verlangt: Auch an Unis kommt es immer wieder zu Fällen von Machtmissbrauch. In die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gelangte das Thema zuletzt vor allem, als zwei Vorfälle an der Humboldt-Universität bekannt wurden. In einem Fall soll ein Dozent immer wieder Studierende in seiner Sprechstunde bedrängt haben. In einem Vergleich einigte er sich mit der Hochschule darauf, dass er seine Stelle aufgibt. In einem anderen soll ein Professor eine wissenschaftliche Mitarbeiterin unsittlich berührt haben – er klagte erfolgreich gegen eine Freistellung.
Machtmissbrauch kommt auch in der Privatwirtschaft vor. An den Hochschulen findet er aber einen besonders guten Nährboden. Denn dort sind die Entscheidungsstrukturen ausgesprochen hierarchisch geprägt. Als Lehrstuhlinhaber tragen Professoren für ihr Personal und die Studierenden eine im Kern ungeteilte Verantwortung – ein Einfallstor für Missbrauch. »Die Professoren entscheiden weitgehend alleine«, sagte Cornelia Schweppe am Montag vor dem Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses. Die Mainzer Erziehungswissenschaftlerin hat einen Sammelband zu dem Themenkomplex herausgegeben.
Die Überlagerung verschiedener Verantwortungen setze vor allem Mitarbeiter auf Qualifikationsstellen unter Druck, also wissenschaftliche Beschäftigte, die neben ihrer Tätigkeit an der Uni eine Dissertation oder eine Habilitation verfassen. »Da ist der Professor dann gleichzeitig Vorgesetzter, Betreuer und Gutachter«, sagte Schweppe. Wer seine Karriere nicht gefährden wolle, überlege sich zweimal, ob er einen Vorfall melde. »Manche verlassen das Wissenschaftssystem auch ganz«, so Schweppe. Damit gingen den Hochschulen wichtige Talente verloren.
Bei Machtmissbrauch gehe es dabei nicht nur um sexuelle Übergriffe – auch wenn diese einen großen Teil des Vorfallaufkommens ausmachen. Betroffene berichteten auch über Mobbing, Demütigung und Schikane, so Schweppe. So würden Professoren etwa Wissenschaftlern verweigern, trotz eines Beitrags zu einem Forschungsprojekt in Aufsätzen als Autor erwähnt zu werden. Betroffen seien nicht nur wissenschaftliche Mitarbeiter, sondern alle Statusgruppen. Auch Studierende erlebten demnach Machtmissbrauch, etwa bei der Bewertung von Abschlussarbeiten.
»Kollegen denken, dass es einfach dazugehört, das zu ertragen.«
Felicia Kompio GEW
Gemeldet wird nur eine Minderheit solcher Vorfälle. »Kollegen denken, dass es einfach dazugehört, das zu ertragen«, sagte Felicia Kompio, Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. Bei vielen Beschäftigten fehle das Wissen darüber, welches Verhalten einen Machtmissbrauch darstelle. Andere fürchteten sich, dass eine formale Beschwerde zu Nachteilen auf ihrem Karriereweg führen könnte. Denn die Täter übten etwa in universitären Gremien Einfluss aus oder entschieden über die Verteilung von Drittmitteln.
Es gebe zwar Anlaufstellen an den Hochschulen, sagt Corinna Tomberger, Frauenbeauftragte an der Freien Universität. »Aber Personen sind unsicher, an wen sie sich wenden sollen.« Je nachdem wo und wie der Machtmissbrauch stattfinde, seien Personalräte, Frauenbeauftragte, Prüfungsausschüsse oder andere Stellen zuständig. Für Ratsuchende sei diese Vielfalt oft verwirrend.
Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa zehn Prozent der Fälle von Machtmissbrauch auch gemeldet werden. Für Ali Mehrens, Studierendenvertreter an der Humboldt-Universität, liegt das auch daran, dass die Verfahren oft im Sande verlaufen. »Man beobachtet, dass es keine Folgen hat, wenn man sich beschwert«, sagte er.
Corinna Tomberger sieht eine weitere Hürde: »Viele Betroffene wollen anonym bleiben.« In formalen Beschwerdeverfahren müssten sie jedoch ihren Namen offenlegen. Sie wünscht sich, dass neue Beschwerdestellen geschaffen werden, die auch anonymen Hinweisen nachgehen könnten.
Für Cornelia Schweppe ist entscheidend, dass es eine zentrale Anlaufstelle für Beschwerden über Machtmissbrauch gebe. »Der Umgang mit Machtmissbrauch erfordert komplexes Wissen«, sagte sie. Diese Expertise müsse gebündelt werden – nach Meinung der Erziehungswissenschaftlerin am besten auf Landesebene. So werde auch sichergestellt, dass die Anlaufstelle unabhängig von den Abhängigkeitsverhältnissen an den Hochschulen sei.
Auch strukturell müssten sich die Hochschulen verändern. Das Lehrstuhlsystem müsse durch sogenannte »Departments« ersetzt werden. Personalressourcen würden dann nicht mehr an einzelnen Professoren hängen, sondern von der gesamten Fakultät gemeinsam verwaltet. »Es geht um einen Abbau von Machtakkumulation«, so Schweppe.
Beschwerdestrukturen seien wichtig, jedoch verhinderten sie keinen Machtmissbrauch, gab Studierendenvertreter Ali Mehrens zu bedenken. »Das Einzige, was fundamental etwas ändern würde, sind bessere Arbeitsbedingungen«, sagte er. Prekäre Beschäftigungsbedingungen ermöglichten es erst, dass Vorgesetzte ihre Macht missbrauchen könnten, etwa weil befristet Beschäftigte vom Wohlwollen ihres Chefs abhingen. Unter besseren Arbeitsbedingungen würde diese Drohkulisse wegfallen.