Bilder-Rückseiten waren schon wiederholt Thema von Malerei-Ausstellungen. Der Brasilianer Vic Muniz etwa ließ die Rahmen berühmter Gemälde von Leonardo („Mona Lisa“), van Gogh („Sternennacht“), Klimt („Der Kuss“) und Vermeer („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) nachbauen, um exakt dann die Rückseiten mit allen Kuratoren-Notizen und Ausleih-Aufklebern zu präsentieren. Doch die gezielte Absicht, Front und Rückfront einer im Prinzip nichttransparenten Malerei gleichermaßen ins Bild zu setzen, dies darf wohl Singularität beanspruchen. Da fragt sich ein jeder, der das noch nicht gesehen hat: Wie funktioniert denn dies?

Wer es sehen will, hat sich jetzt in die Kunsthalle des Augsburger Glaspalasts zu begeben. „Neue Wege der Abstraktion“ oder – weil es wohl mehr her macht – „Shift of vision“ („Perspektivenwechsel“) lautet dort der Titel der neuen Schau der Kunstsammlungen Augsburg. Integriert ist eine Präsentation überwiegend kleinformatiger Arbeiten von Manuel Frattini, die ihren eigenen Weg des Abstrahierens beschreiten. Somit wird den Bildern von insgesamt vier Kunstschaffenden Raum gegeben, die – mit den Worten des Kurators Jan T. Wilms – ein „Spannungsfeld und Koordinatensystem der Gegenwartsmalerei“ erstellen, dabei jedoch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen. Also: keine gemeinsame Handschrift, keine Angehörigkeit zu einer gemeinsamen Schule. 

Vorder- und Rückseite sind gleichzeitig zu betrachten

Nicht aufgrund von Etikette ist der Frau unter den vier Künstlern der Vorrang einzuräumen, sondern weil sie hinsichtlich eines originären, eigenständigen, kraftvollen und – dies bleibt entscheidend – ästhetisch wirkungsvollen Schaffens das beste Argument bietet, diese Schau eingehend zu studieren. In Jutta Haeckels Großformaten auf Stoff passiert eben genau das, was seinesgleichen sucht: dass Vor- und Rückseite eines Bildes gleichermaßen zu beachten sind. Wie geht nun das?

Jutta Haeckels Gemälde sind in einem gewissem Sinne fadenscheinig. Aus dem Jute-Gewebe entfernt sie passagenweise Fäden, was den Malgrund halb durchlässig macht und auch Teile des Rahmens hinter dem Jute-Stoff freilegt. Dann malt sie, wobei ihr als Vorlage computerbearbeitete Aufnahmen von u. a. organischen oder architektonischen Strukturen dienen. Und sie malt auf beiden Seiten der Jute, nicht unbedingt schon wissend, was sie beim abgeschlossenen Malprozess zur Vorder- und Rückseite erklären wird, und worin sie oben und unten, rechts und links sieht. Hängt aber dann das Bild und quillt die Farbe von hinten nach vorne durch, kommt zur Malgrund-Membran noch die (oftmals weiße) Wand dahinter als optisch Beteiligte hinzu – sowohl in Form von Tiefe wie in Form von Farblichtreflexion der Bildrückwand.

Jutta Haeckel wünscht sich die Schärfung der Wahrnehmung

Das alles ist raffiniert und klar des Berichtens wert. Doch natürlich sind Idee und Technik allein noch keine Garanten für gesuchte künstlerische Qualität. Dass aber auch diese beeindruckt in ihren abstrakten Kompositionen mit sanft schimmernden mineralischen Farben, mit Ruhepassagen und malerischen Verdichtungen, das darf man schon als ein Ereignis, als eine Erscheinung bezeichnen. Solche Arbeiten entstehen in der Regel nicht ohne Studium, ohne Meisterklasse. Jutta Haeckel war unter anderem Schülerin von Katharina Grosse und Meisterschülerin von Karin Kneffel. Das Ergebnis heute: dass sich in ihren Arbeiten Malerei mehrfach bricht – und das exakt tut dieser gut. Was sie sich wünscht vom Publikum? „Schärfung des Wahrnehmungsprozesses.“ 

Ist der Wahrnehmungsprozess geschärft, nützt er auch beim Betrachten der Gemälde von Moritz Neuhoff. Von ihm werden Großformate gezeigt, die den Pinselstrich an sich – oder die gesprühte Leuchtfarblinie – zum Motiv haben. Zu seiner Kunst gehört es, den Strichen und Linien einerseits reliefhafte Plastizität zu verleihen, sie andererseits aber auch als digitales Abbild erscheinen zu lassen. Dies führt zu paradoxen Wirkungen, etwa dass Schatten imstande zu sein scheint, Licht zu werfen. Wer das Illusionistische liebt, dazu Wirkung und Effekt, findet bei Moritz Neuhoff reiches Anschauungsmaterial.

Zu Manuel Frattini gibt es einen Katalog

Seitensprung in die drei Kabinette zu den komponierten Bilderwänden von Manuel Frattini unter dem Titel „Die Landschaft der Malerei“. Durchbrochen werden die in unterschiedlicher Höhe, unterschiedlichem Rhythmus gehängten Zeichnungen, Malereien, Aquarelle immer wieder von eigenen Stillleben-Fotos, deren Motiv-Strukturen der Künstler aufgreift für seine Kunst – ebenso wie er die Senkrechte und Waagerechte des Bilderrahmens immer wieder aufgreift zu dann mit freier Hand entwickelten Raster-, Gitter- und Netzstrukturen. Dass die Betrachter „andocken“ mögen und Assoziationen entwickeln beim Schauen, dies wünscht Frattini sich. Seinen Arbeiten ist ein 126-seitiger Katalog der Augsburger Kunstsammlungen mit einem Vorwort von Jan T. Wilms gewidmet.  

Ein Sonderfall schließlich ist Peter Krauskopf. Er hat sich einen Namen durch präzise Nachahmungen der farbsprühenden Rakel-Abstraktionen Gerhard Richters gemacht. Auf mancher Kunstmesse war bereits zu staunen über solch riskant kopierenden Mutwillen. Nun ist Krauskopf mit Bildern zu sehen, deren Motiv aufragt wie ein Monolith – oder wie eine stark geometrisierte Schulter-/Kopfansicht. Aber auch jetzt ist Richter mit starken Schultern noch präsent im Raum – anhand von chromatischen „Himmels“-Hintergründen und intensiven Farbbahnen, überrakelt von leuchtenden Farbfetzen. Das ist ein Hingucker, wenn auch kein rein originärer. Peter Krauskopf sagt: „An Richter kommt keiner richtig vorbei.“ Aber der Maler beginnt sich freizuschwimmen. Jutta Haeckel indessen hat genau das schon hinter sich.

Shift of Vision/Manuel Frattini. In der Kunsthalle Augsburg (Glaspalast) bis 11. Oktober, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

  • Rüdiger Heinze

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