Düsseldorf · Ein Solardach, das sich wie eine Ziehharmonika bewegt: Auf dem Klärwerk Düsseldorf-Süd steht nun die größte Anlage ihrer Art in Deutschland. Sie soll Energie liefern, Kosten senken – und ist ein weiterer Schritt in Richtung klimaneutrale Infrastruktur.

Ein leises Surren liegt über dem Gelände des Klärwerks Düsseldorf-Süd. Wo sonst vor allem Pumpen und Belüfter den Takt vorgeben, entfaltet sich nun eine neue technische Anlage: Wie eine riesige Ziehharmonika fährt ein Dach aus Stahlseilen und Solarmodulen über die Klärbecken hinweg. Es ist ein Projekt, das Technik und Klimaschutz auf ungewöhnliche Weise verbindet – und ein sichtbares Zeichen für den Wandel der städtischen Infrastruktur.

Größte Anlage ihrer Art in Deutschland

Auf dem Gelände des Stadtentwässerungsbetriebs der Landeshauptstadt Düsseldorf (SEBD) ist ab sofort das größte Solarfaltdach Deutschlands installiert. Die Photovoltaikanlage erreicht eine Nennleistung von 1,37 Megawatt Peak und erstreckt sich über eine Fläche von knapp einem Hektar. Am Mittwoch stellten Stadtkämmerin Dorothée Schneider und Frank Heuner, Technischer Betriebsleiter des SEBD, die Anlage und ihre Funktionsweise vor.

Die Besonderheit: Das Dach lässt sich innerhalb von nur 60 Sekunden ein- und ausfahren. Möglich wird das durch eine Konstruktion, die an eine Seilbahn erinnert. Insgesamt 2640 Solarmodule sind an Stahlseilen aufgehängt und entfalten sich in etwa sechs Metern Höhe über den Klärbecken. Die tragende Struktur wird von weit auseinanderstehenden Stützen gehalten, die Abstände von bis zu 32 Metern überbrücken. Für das Projekt wurden rund 150 Tonnen Stahl verbaut sowie jeweils acht Kilometer Trag- und Zugseile verlegt.

Schritt Richtung Energieautarkie

„Schon im Januar konnte die Bilanz gezogen werden, dass durch den Bau eines zweiten Blockheizkraftwerks auf dem Klärwerk Süd die Eigenversorgung auf 75 Prozent gesteigert werden konnte“, sagte Stadtkämmerin Schneider. „Mit dem Solarfaltdach geht der SEBD nun einen weiteren Schritt in die Energieneutralität.“ Tatsächlich zählt der Betrieb von Kläranlagen zu den energieintensivsten Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. Allein der Standort Düsseldorf-Süd benötigt jährlich rund 16 Millionen Kilowattstunden Strom.

Mit der neuen Anlage sollen künftig etwa sechs Prozent dieses Bedarfs gedeckt werden. Für Heuner ist das ein wichtiger Baustein: „Jede zusätzliche Kilowattstunde aus eigener Erzeugung macht uns unabhängiger und stabiler.“ Auch wirtschaftlich rechnet sich das Projekt. Nach Angaben der Stadt soll sich die Investition von rund 6,8 Millionen Euro bereits nach etwa fünf Jahren amortisieren. Mehr als vier Millionen Euro davon stammen aus Fördermitteln.

Erprobte Technik, aber in neuer Dimension

Die Technik hinter dem Faltdach gilt als erprobt, wenn auch in dieser Größenordnung bislang einzigartig. Entwickelt wurde sie von dem Schweizer Unternehmen dhp Technology. „Wir haben schon zahlreiche kleinere Anlagen dieser Art gebaut“, erklärte Servicetechniker Marco Berthel vor Ort. Projektleiter Roman Reiner ergänzte, dass die Nachfrage wachse – etwa für partielle Überdachungen von Supermarktparkplätzen.

„Es ist denkbar, dass wir die Technik noch an anderen Stellen einsetzen können. Auch hier in der Kläranlage gäbe es noch Potenzial“, sagte Stadtkämmerin Schneider. Unter Umständen sei künftig auch der Bau von Energiespeichern sinnvoll. „Wir werden sehen, wie sich der Bedarf und die Wirtschaftslage entwickeln.“

 Die 2640 Solarmodule der Anlage sind an Stahlseilen aufgehängt und entfalten sich in sechs Metern Höhe über den Klärbecken.

Die 2640 Solarmodule der Anlage sind an Stahlseilen aufgehängt und entfalten sich in sechs Metern Höhe über den Klärbecken.

Foto: Landeshauptstadt Düsseldorf/David Young

Gesteuert wird das System durch einen intelligenten Algorithmus. Bei Sonnenschein fährt das Dach automatisch aus, bei Sturm, Schnee oder Hagel zieht es sich in eine geschützte Position zurück. So bleibt die Anlage auch im Winter weitgehend schneefrei und kann kontinuierlich Strom erzeugen. Für Wartungsarbeiten oder Eingriffe an den Klärbecken lässt sich das Dach zudem manuell einfahren.

Die Inbetriebnahme erfolgt vermutlich im September

Die Bauzeit für das Solarfaltdach selbst betrug lediglich rund ein halbes Jahr. Allerdings ist die Integration in die bestehende Anlage technisch anspruchsvoll. Anpassungen an den vorhandenen Becken sowie die komplexe Anbindung an das Stromnetz verzögern die endgültige Inbetriebnahme: Wohl erst Ende September soll die Anlage tatsächlich Strom einspeisen.

Bis dahin bleibt das Faltdach vor allem eines: ein eindrucksvolles Symbol dafür, wie selbst an unscheinbaren Orten neue Lösungen für die Energiewende entstehen.