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Die USA haben die Waffenruhe verlängert. Kommen die Verhandlungen mit Iran nun voran, oder vertieft sich der Konflikt? Vor möglichen weiteren Gesprächen sind mehrere Szenarien denkbar – von Durchbruch über Stillstand bis hin zur Rückkehr zum Krieg.
Szenario 1: Annäherung und weitere Verhandlungen
Immer wieder machen die USA der Öffentlichkeit Hoffnungen darauf, dass man kurz vor einer Einigung mit Iran stehe, dass das Regime in Teheran eine Übereinkunft wolle.
Dafür müssten aus US-Sicht 15 Forderungen erfüllt werden, von denen zwei mit besonderem Nachdruck vertreten werden: Iran trennt sich von seinem angereicherten Uran und verzichtet auf eine weitere Anreicherung. Zum anderen öffnet Iran die Straße von Hormus und erhebt auch keine Gebühren für den Transit.
Iran wiederum hat Anfang April einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, bei dem mehrere Forderungen im Mittelpunkt stehen: Die USA und Israel verpflichten sich auf Dauer, keine weiteren Angriffe gegen Iran zu starten. Die Waffenruhe betrifft auch den Libanon und damit die mit Iran verbündete Hisbollah-Miliz. Blockierte iranische Vermögen werden freigegeben und die Sanktionen gegen das Land aufgehoben.
Beide Seiten müssen eine Übereinkunft als Erfolg bei den Kernforderungen vermitteln können. Allerdings haben sich in der Vergangenheit insbesondere Verhandlungen über das iranische Atomprogramm als höchst komplex erwiesen. Das Wall Street Journal und CNN berichteten, dass es zuletzt um den Zeitraum gegangen sei, für den Iran auf eine Urananreicherung verzichtet – die USA hätten 20 Jahre verlangt, Iran habe fünf Jahre angeboten. Weitere komplexe Fragen könnten sich anschließen: Was geschieht mit dem bereits schon angereicherten Uran, was mit den Zentrifugen für die Anreicherung – und wie wird die Übereinkunft überprüft?
Für US-Präsident Donald Trump wird es dabei auch darum gehen, dass die Übereinkunft als besserer „Deal“ vermittelt werden kann als das von ihm 2018 gekündigte Atomabkommen mit Iran. Teheran wiederum könnte gerade im Besitz einer Atombombe einen besseren Schutz gegen künftige Angriffe sehen, hat andererseits aber durch diesen Krieg erlebt, welchen Druck es allein durch die Kontrolle der Straße von Hormus ausüben kann.
Szenario 2: Hängepartie hält an, Straße von Hormus weiter blockiert
Möglicherweise hält der gegenwärtige Zustand auch noch eine Weile an: Die USA und Iran überziehen sich weiter mit gegenseitigen Drohungen, ohne die Kämpfe wieder aufzunehmen. Beide Seiten könnten eher hinnehmen, dass ihre Streitfragen vorläufig ungelöst bleiben, als die Kosten und Risiken einer erneuten militärischen Eskalation zu tragen.
Auch nach den jüngsten Drohungen Trumps in Richtung Teheran hatte es Zweifel gegeben, ob der Präsident tatsächlich bereit wäre, massiv loszuschlagen. Ein von ihm selbst gestelltes Ultimatum hatte er zu Wochenbeginn um einen Tag verschoben. Kurz vor Auslaufen der seit dem 8. April geltenden Waffenruhe kündigte Trump nun überraschend an, die Feuerpause einseitig zu verlängern.
Der Schritt sei auf Bitten des Vermittlers Pakistan erfolgt, schrieb der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social. Damit wolle er Zeit geben, bis die iranischen Führer und Vertreter einen einheitlichen Vorschlag vorlegen könnten, erklärte Trump weiter. Er habe dies auch deshalb beschlossen, weil „die iranische Regierung ernsthaft gespalten ist, was nicht unerwartet kommt“.
Bei einer fortgesetzten Feuerpause ohne offizielle Friedensverhandlungen bliebe mutmaßlich auch die Straße von Hormus blockiert. Die Meerenge zwischen Persischem Golf und Golf von Oman hat eine große Bedeutung für die Weltwirtschaft.
Die Blockade geht momentan von beiden Seiten aus: Während Iran praktisch keine Schiffe passieren lässt, richtet sich die Blockade der USA gezielt gegen Frachter, die iranische Häfen ansteuern oder von dort kommen.
Die iranische Blockade hat dramatische wirtschaftliche Folgen, weil die Golfstaaten seit Kriegsbeginn kein Öl und Gas mehr per See transportieren können. Die Knappheit bei Treibstoffen würde sich in diesem Szenario weiter verschlimmern.
Bereits jetzt wird über Kerosinmangel auch in Europa diskutiert. Damit hat Iran ein mächtiges Instrument, um Trump unter Druck zu setzen. Auch in den USA ist infolge des Krieges die Inflation gestiegen – und dieser Trend würde sich bei einer anhaltenden Blockade mutmaßlich fortsetzen, was Trump innenpolitisch unter Druck setzt.
Doch auch Trump hat ein weiteres Druckmittel, das er vor der ersten Runde der Verhandlungen in Pakistan noch nicht hatte: Mit seiner Blockade der Straße von Hormus verhindert das US-Militär, dass Iran sein Öl verkaufen kann – mit entsprechenden Folgen für die ohnehin angeschlagene Wirtschaft des Landes.
Der Nahostexperte Hans-Jakob Schindler vom International Centre for Counter-Terrorism bezeichnete die US-Blockade der Straße von Hormus im ZDF als „extrem starkes finanzielles Druckmittel“, zumal die Amerikaner mit dem Entern eines iranisches Schiffs gezeigt hätten, dass sie diese ernst nehmen.
Szenario 3: Die Verhandlungen scheitern – der Krieg wird fortgesetzt
Für den Fall, dass sich die Differenzen und das Misstrauen zwischen den USA und Iran als vorerst unüberwindbar herausstellen, hat Trump schon drastische Konsequenzen angedroht – von der Zerstörung sämtlicher Kraftwerke und Brücken Irans bis hin zum Untergang „einer ganzen Zivilisation“.
Wie weit die USA und Israel nach einem Scheitern gehen werden, bleibt abzuwarten. Anzunehmen ist, dass die USA neben neuen Luftangriffen auch die Blockade iranischer Häfen aufrechterhalten werden, um das vielleicht wirksamste Druckmittel Irans in diesem Krieg gegen das Regime in Teheran zu wenden.
Iran dürfte versuchen, über die Schließung der Straße von Hormus den wirtschaftlichen Druck auf die USA, die Staaten des Westens und die Golfstaaten weiter zu erhöhen. In den bisherigen Kampfhandlungen hat das iranische Militär zudem die Öl- und Gasproduktion in den benachbarten Golfstaaten angegriffen, um diese für ihr Bündnis mit den USA zu bestrafen und um damit auch weltweit den Preis für den Krieg zu erhöhen.
Über wie viele Raketen und Drohnen Iran noch verfügt, ist unbekannt. Die New York Times berichtete am Sonntag, US-Offizielle hätten ihr gegenüber den Bestand an Drohnen auf 40 Prozent, an Raketenwerfern auf 60 Prozent und an Raketen auf 70 Prozent beziffert. Außerdem drängt laut dem Institute for the Study of War die Revolutionsgarde verbündete Gruppen in der Region zu neuen Angriffen auf Israel, die Golfstaaten und die USA, sollte der Krieg wieder aufflammen.