Wenn Besucher des Kulturgebiets Consol zum ersten Mal die nördliche Maschinenhalle betreten, braucht Gastgeber Ullrich Tyrichter zum Empfang meistens gar nicht viele Worte zu machen. Denn die Ausstellung, die dort im Inneren wartet, sie spricht sofort für sich selbst. Und lässt in ihrer imposanten Erscheinung nicht wenige Gäste sofort verstummen und ehrfürchtig staunen.

In 20 Jahren über 50.000 Besucher nach Gelsenkirchen gelockt

Seit genau 20 Jahren fasziniert die Kunstinstallation „Sammlung Werner Thiel“ nun bereits die Massen. Über 50.000 Interessenten haben in den vergangenen zwei Dekaden Gelsenkirchens größtes begehbares Kunstwerk in Augenschein genommen. Und der nun anstehende runde Geburtstag an diesem Samstag und Sonntag, 25./26. April, er soll nicht etwa laut und bunt mit ganz viel Sekt, Party und Live-Musik gefeiert werden. Sondern seine ganze Faszination in aller gebotenen Ruhe und Stille entfalten und verströmen.

Ullrich Tyrichter ist der Hausherr der Kunstinstallation „Sammlung Werner Thiel“ in Bismarck.

Ullrich Tyrichter ist der Hausherr der Kunstinstallation „Sammlung Werner Thiel“ in Bismarck.
© Thomas Richter

„Dies ist nicht nur für mich ein wahrlich magischer Ort“, sagt Tyrichter in seiner bedächtigen, verbindlich wirkenden Sprechweise. Vom ersten Tag an, also dem 23. April 2006, bis heute hat der Mann mit der weißen Mähne und dem gleichfarbigen Rauschebart diese Sammlung betreut. An 52 Wochenenden pro Jahr, 20 Jahre am Stück. „Einen längeren Urlaub hab ich seitdem nicht mehr gemacht. Und selbst wenn Heiligabend oder Silvester auf einen Samstag oder Sonntag gefallen ist, habe ich hier immer geöffnet“, erzählt der Hausherr. Diese Treue und Hingabe zeugt davon, wie sehr sich Tyrichter mit dieser Ausstellung und ihrem geistigen Schöpfer Werner Thiel verbunden fühlt.

Werner Thiel zählte zu den international gefragtesten Künstlern der Stadt

Zur Einordnung: Thiel zählte bis zu seinem Tode im Jahr 2003 zu den angesehensten und international gefragtesten Künstlern in der Geschichte Gelsenkirchens. Neben seinen bedeutenden und richtungsweisenden Fotografien und Zeichnungen begann er im Jahr 1980 damit, tausende Objekte auf dem Areal jener Ruhrgebiets-Zechen zu sammeln, die längst geschlossen und zum Abriss freigegeben waren. So hortete er Metallteile, Werkzeuge, Helme, Bergschuhe, Hinweisschilder und verschiedenste Werkstücke, die ohne ihn auf dem Schrott oder im Müll gelandet wären. Dank Thiels Akribie und Weitsicht wurden sie zu materiellen Zeugen für ein identitätsstiftendes Stück der Zeitgeschichte. Und sind es bis heute geblieben.

Kunst aus Metallteilen: Es scheint so, als ob eine Mutter ihr Kleinkind auf den eigenen Schoß gesetzt hat.

Kunst aus Metallteilen: Es scheint so, als ob eine Mutter ihr Kleinkind auf den eigenen Schoß gesetzt hat.
© Thomas Richter

Aus diesem Wust an gesammelten Gegenständen erstellte Thiel dann zunächst eine Kunstinstallation, die er auf der Zeche „Unser Fritz“ in der östlichen Nachbarstadt Herne ansiedelte. Doch schon damals schmiedete er den Plan, dass das nördliche Maschinenhaus des Consol-Geländes in Bismarck der endgültige Ideal-Standort wäre. Mitten in den Umzugsplanungen verstarb Thiel am 28. April 2003. Seine Künstlerfreunde Helmut Bettenhausen und Lutz Kahnwald vollendeten Thiels Pläne dann ab 2004. Zwei Jahre später war alles vollbracht. Und am 23. April 2006 öffnete die Kunstinstallation „Sammlung Werner Thiel“ dann feierlich erstmals ihre stählernen Pforten.

Sammlungs-Betreuer Ullrich Tyrichter stammt aus einer Bergbau-Familie

Betreiber der Sammlung ist die Stadt Gelsenkirchen. Und die hatte 2006 Ullrich Tyrichter zum Sammlungs-Betreuer auserkoren, weil der Künstler und Sozialpädagoge zuvor bereits zahlreiche Ausstellungen für die Stadt erfolgreich organisiert hatte. Tyrichter erwies sich auch deshalb als Ideallösung für den Job, weil er auf Consol einst den Beruf des Starkstromelektrikers erlernt und insgesamt vier Jahre aktiv ausgeübt hatte. „Ich komme aus einer Bergbau-Familie“, erzählt er beim Besuch der WAZ vor Ort. Auch sein Vater und Großvater hätten auf Consol malocht.

Auch zahlreiche Werkzeuge rettet Werner Thiel einst aus den abrissreifen Zechen.

Auch zahlreiche Werkzeuge rettet Werner Thiel einst aus den abrissreifen Zechen.
© Thomas Richter

Er selbst bezeichnet sich gern als den „stillen Begleiter dieser Sammlung“. Wirklich still? Da lacht der Mann, der in Bulmke lebt. Natürlich erzähle er auch etwas, wenn wieder mal eine 50-köpfige Besuchergruppe die auf zwei Ebenen präsentierte Ausstellung erkundet und dabei Fragen stellt. Doch die Erfahrung zeigt, dass dieser beinahe mystisch wirkende Ort jeden Gast schnell so sehr in seinen Bann zieht, dass jeder den Raum für sich allein entdecken möchte. Schweigend und staunend.

„Gesprochen wird viel öfter und intensiver danach, wenn Gäste ihre Runde beendet haben“, erzählt Tyrichter. „Jeder“, er betont dieses Wort, „jeder kommt danach zu mir und erzählt von seiner Verbindung zum Bergbau oder zu Gelsenkirchen“. Und diese Geschichten, die er da zu hören bekommt, nennt er seinen „größten Schatz, den er in den vergangenen 20 Jahren anhäufen durfte“. Deshalb fühle er sich auch als „ein wirklich reicher Mann“.

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Sammlung Werner Thiel, Klarastraße 6 in Bismarck, Eintritt frei, Sa. und So. 12-18 Uhr, Infos: 0209 169 91 06. Anlässlich des runden Geburtstags verschenkt Tyrichter an diesem Wochenende aus seiner Privatsammlung an die ersten Gäste als Souvenir ein Stück Kohle, Bimsstein oder Ascheklumpen vom Krater des Vesuv – nur so lange der Vorrat reicht.