Zwei Frauen lieben einen Mann, ein Mann liebt zwei Frauen – klingt ganz einfach, ist aber ziemlich kompliziert, wie nicht nur jeder weiß, der sich schon selbst einmal in dieser Situation befunden hat. Denn literarisch ist die Dreiecksbeziehung ein dankbares Thema, weil sie nicht nur ein emotionales Dilemma beschreibt, sondern auch gesellschaftliche Konventionen hinterfragt. Zumal im Jahr 1776, als Goethes „Stella“ uraufgeführt wurde und einen satten Skandal produzierte. Der ist nun am Staatstheater Augsburg nicht zu erwarten, wenn das Stück am Samstag in der Brechtbühne Premiere hat. Anlass zu Kontroverse und zum Nachdenken gibt es dennoch reichlich, verspricht Dramaturg Max Sauer.
Die Augsburger Inszenierung von „Stella“ wird als „Schauspiel für Liebende“ tituliert
Fernando, Stella, Cäcilie, das sind die drei Personen, um die es in Goethes Stück geht. Der Offizier ist mit Cäcilie verheiratet, hat mit ihr ein Kind, aber auch von der Baroness Stella will er nicht lassen. Ursprünglich hatte der Dichter ein Ende geschrieben, in dem Fernando, Cäcilie und Stella sich zu einer glücklichen Dreierbeziehung arrangieren und dies „Schauspiel für Liebende“ genannt. Nachdem dieses „Happy End“ zum Skandal geworden war, schrieb Goethe das Stück mehrmals um, bis schließlich knapp 30 Jahre später eine weitere Fassung auf die Bühne kam, die nun aber den Untertitel „Trauerspiel“ bekam und mit dem Tod von zwei der Beteiligten endete.
Die Augsburger Inszenierung von Milena Mönch wird als „Schauspiel für Liebende“ tituliert. Ein Hinweis auf die Lesart und das Ende? Nicht ganz, schränkt Dramaturg Sauer ein. „Für uns der wichtigste Punkt des Stückes ist der, dass die drei Personen ihre Gefühle sehr klar artikulieren und alles aussprechen, was sie empfinden.“ An diesem Punkt sei dann eben auch alles möglich: die Beziehung zu dritt ebenso wie der Tod eines oder mehrerer Beteiligter. „Deshalb sehen wir das größte Potenzial darin, hier zu enden und damit den Raum zu geben, dass sich die Zuschauer mit dem Text auseinandersetzen.“
Max Sauer wechselt vom Staatstheater Augsburg ans Theater Heilbronn
Es gehe um Liebe, nichts als Liebe, die einfach entsteht, nicht steuerbar ist, und die Beteiligten dazu zwinge, mit diesem Gefühl umzugehen, beschreibt Max Sauer den Fokus in „Stella“. Weil Goethe die verschiedenen Formen von Liebe und ihren Konsequenzen so radikal ausstelle, hat das Team sich dazu entschieden, auch radikal bei Goethe zu bleiben. Heißt: die Originalsprache beizubehalten, obwohl sie in vielen Passagen, das gibt Sauer unumwunden zu, schwer und schwülstig ist. „Es war ein langer Prozess, die Sprache zu akzeptieren, wie sie ist“, beschreibt er, „aber wenn wir es überschrieben oder etwas hinzugefügt hätten, wäre viel von der Dimension der Gefühle verloren gegangen“. Trotzdem werde es – auch abgesehen davon, dass die Aufführung nur pausenlose 70 Minuten dauern wird – „ganz flott“, verspricht der Dramaturg. Denn die Inszenierung konzentriert sich allein auf die drei Liebenden Stella (Mirjana Milosavljević), Cäcilie (Natalie Hünig) und Fernando (Patrick Rupar) „und es gibt reichlich Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungen“, ist sich Sauer sicher. „Denn in der Figur von Stella formuliert Goethe sehr klar dieses Angebot: Steht zu eurer Liebe.“

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Patrick Rupar und Mirjana Milosavljević in einer Szene von Goethes „Stella“.
Foto: Jan-Pieter Fuhr/Staatstheater Augsburg
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Patrick Rupar und Mirjana Milosavljević in einer Szene von Goethes „Stella“.
Foto: Jan-Pieter Fuhr/Staatstheater Augsburg
Für Max Sauer ist „Stella“ die letzte große Produktion, die er am Staatstheater Augsburg betreut. Für eine Spielzeit war er hier, bevor er nun zusammen mit Swantje Lea Kleff (Regisseurin des Weihnachtsmärchens „Rapunzel“) die Leitung des Schauspiels am Theater Heilbronn übernimmt. Hierbei kann Sauer, der in Unterfranken aufgewachsen ist und im kleinen Ort Wipfeld seinen Lebensmittelpunkt hat, nicht nur auf sein Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, sondern auch auf eine reichhaltige Erfahrung bei diversen Theatern zurückblicken: Regensburg, Bremen, Tübingen, Basel zählten unter anderem zu seinen Stationen.
Goethes „Stella“ läuft ab dem 25. April am Staatstheater Augsburg
Nicht zu vergessen eben auch Wipfeld, wo er anlässlich eines Ortsjubiläums eine Bürgerbühne aufbaute, die dem Amateurniveau längst entwachsen ist. „Die sind in hochprofessionell“, urteilt er, mittlerweile nur noch als Zuschauer beteiligt. Zuletzt arbeitete Max Sauer am Landestheater Tübingen, wo sein Schwerpunkt auf dem Kinder- und Jugendtheater lag. „Da muss man sein Publikum zielgenau abholen“, weiß er. Ein wenig habe er die Brille des Kinder- und Jugendtheaters noch auf, gesteht er. „Es ist immer noch so, dass ich denke, jetzt könnten aber mal alle mitklatschen, wie man es vom jugendlichen Publikum gewohnt ist“, sagt Sauer und schmunzelt ein wenig. Auch bei Goethes „Stella“ wird er darauf wohl vergeblich warten.
Info: „Stella – Schauspiel für Liebende“, von Johann Wolfgang von Goethe, in einer Inszenierung von Milena Mönch am Staatstheater Augsburg. Premiere: Samstag, 25. April, um 19.30 Uhr auf der Brechtbühne im Gaswerk. Infos: www.staatstheater-augsburg.de.