Karl-Heinz Siemer steht vor den Asphaltplatten im Mahnmal in Ahlem.

Stand: 25.04.2026 09:12 Uhr

Der jüngste Angriff auf das Mahnmal in Hannover-Ahlem war der heftigste, sagt Karl-Heinz Siemer. Mit antisemitischen Parolen beschmierte Stelen zeugen davon. Doch Siemer gibt nicht auf. Ein Interview.

Seit bald 40 Jahren leistet der Arbeitskreis „Bürger gestalten ein Mahnmal“ unweit des ehemaligen KZ-Außenlagers in Hannover-Ahlem wichtige Erinnerungsarbeit. Siemer ist genauso lange dabei, er ist Gründungsmitglied. Der NDR hat sich mit dem 82-Jährigen an dem Gedenkort getroffen, um über den Vandalismus zu sprechen, bei dem Unbekannte Gedenktafeln und Stelen mit antisemitischen Parolen beschmiert haben. Es geht um Konsequenzen daraus und darum, was der Vorfall für die Erinnerungsarbeit bedeutet.

Herr Siemer, stellen wir uns vor, die Polizei nimmt die Täter fest und Sie dürften mit denen reden. Was würden Sie sagen?

Karl-Heinz Siemer: „Schämt euch, dass Ihr das überhaupt gemacht habt. Wisst Ihr überhaupt, wer die Menschen waren, deren Andenken Ihr geschändet habt?“ Und dann würde ich ihnen die Geschichte von Nachum Rotenberg erzählen, der als zwölfjähriger Junge nach Ahlem verschleppt wurde und unsere Arbeit als letzter Überlebender bis zu seinem Tod 2023 begleitet hat. Wir lassen uns durch diese Schändung nicht von unserem Weg abbringen.

Einer Studie der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft von 2025 zufolge wollen 38 Prozent der Befragten* einen Schlussstrich unter die Erinnerungskultur zur NS-Zeit und dem Holocaust ziehen. Was macht diese Zahl mit Ihnen?

Siemer: Das macht erst einmal betroffen. Auf der anderen Seite zeigt mir das auch, dass wir mit der Gruppe weiter dagegen arbeiten müssen. Vor allem mit dem Blick in die Zukunft in Verbindung mit den jungen Leuten und Schülern. Das sind wir den Überlebenden, von denen ich einige persönlich kennengelernt habe, schuldig. Wir setzen uns dafür ein, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert. Und deswegen sind wir auch von der Schändung des Mahnmals so betroffen.

In der vergangenen Woche haben Unbekannte – nicht zum ersten Mal – das Mahnmal verwüstet, Kränze zerstört, Stelen und Gedenkplatten beschmiert, auf denen Namen der Opfer des Nationalsozialismus stehen. Ist das ein Ausdruck dieser Forderung nach einem Schlussstrich?

Siemer: Das kann ich nicht sagen. Ich habe eher den Eindruck, dass diese Tat eher gegen den Staat Israel und die israelische Regierung gerichtet ist. Das geht eher in eine andere Richtung. Aber auch das ist kein Grund, diesen Gedenkort zu schänden.

Wie haben Sie von dem Angriff auf das Mahnmal erfahren?

Siemer: Durch die Polizei. Wir stehen regelmäßig in Kontakt. Gegen 8.30 Uhr hat mich eine Beamtin aus Davenstedt angerufen und mitgeteilt, was passiert ist. Ich bin gleich hergefahren und habe Fotos gemacht.

Die Tat ereignete sich in der Nacht von vergangenen Donnerstag auf Freitag – noch agieren der oder die Täter im Dunklen. Haben Sie Sorge, dass Täter demnächst auch bei Tageslicht – beispielsweise bei Führungen oder Gedenkveranstaltungen – kommen könnten?

Siemer: Ich kann so etwas natürlich nicht ausschließen. Aber ich kann es mir auch nicht wirklich vorstellen. Wir liegen hier auf der Grenze zwischen Ahlem und Seelze. Hier wohnt niemand, alles ist dunkel. Die Dunkelheit schützt.

Ruth Gröne betrachtet in der Gedänkstätte Ahlem eine Porträtfotografie, die ihren Vater Erich Kleeberg zeigt.

Am 10. April 1945 rückten US-Truppen in das Lager vor. Der Vater von Ruth Gröne war ins KZ gekommen, weil er Getreidekörner aufgefegt hatte.

Was kann man tun, um weitere Angriffe zu vermeiden?

Siemer: Es ist so ein großes Gelände. Vielleicht kann die Stadt Hannover vom Konzept eine Überarbeitung vornehmen. Wir haben hier das Tor zum Rundgang, das kann man abschließen. Zu Anfang haben wir gemeinsam mit der Stadt gesagt, dass wir das Tor offen lassen. Mit Licht kann man hier viel machen an dem Verbindungsweg. Es wäre wünschenswert, wenn die zuständigen Behörden das angehen würden.

Farbschmierereien und Zerstörung sind kein Einzelfall – das geschieht nicht nur in Ahlem. Im März wurde das Mahnmal auf dem Opernplatz in Hannover erneut Ziel von Farbattacken und antisemitischen Sprüchen. Die Täterinnen und Täter kommen aus unterschiedlichen Milieus. Warum ist das Gedenken an die Opfer des Holocausts so oft Ziel von Angriffen?

Siemer: Antisemitismus im Verborgenen war und ist seit Jahrzehnten vorhanden gewesen. Aber jetzt tritt er offen zutage. So fing es vor 1933 auch langsam an. Das muss konsequent benannt, verhindert und bekämpft werden. Vordergründig werden die Opfer des Holocaust geschändet. In Wirklichkeit soll der Staat Israel mit diesen israel-feindlichen Parolen getroffen werden. Die Vorfälle häufen sich, wie die Attacken auf die Gedenkstätten des KZ Buchenwald oder des KZ Mittelbau-Dora zeigen – und sie werden immer dreister.

Während die Bundesregierung Fördergelder für Demokratiearbeit kürzen möchte, stiften Sie als Privatperson alle zwei Jahre einen Jugend-Demokratiepreis für Schulen in Hannover. Warum ist Erinnerungsarbeit in Ihren Augen so wichtig?

Siemer: Wir müssen die Jugendlichen auf dem Weg mitnehmen, damit sie lernen, was in der NS-Zeit passiert ist. Und wir müssen in die Zukunft schauen. Das geht nicht anders. Wir müssen unsere Demokratie fördern und festigen und jeden Tag darum kämpfen. Die ist uns nicht in die Wiege gelegt worden. Ich bin hier als Kind befreit worden, das kann ich so sagen. Als ich ein kleiner Junge war, ich bin 1943 geboren, da haben die alten Ahlemer nicht über das KZ und die Zwangsarbeiter gesprochen. Alle haben geschwiegen. Auch in meiner Familie hat niemand etwas gesagt. Die Zwangsarbeiter waren unter den Menschen. Die waren nicht im Ungefähren. Die waren vor Ort. Da konnte jeder hingucken. Die Menschen konnte man sehen. Darum brauchen wir Erinnerungsarbeit, vor allem für die Jugend. Die Jugend ist unsere Zukunft.

Das Interview führte NDR Reporter Philipp Schaper.

Zur Person: Karl-Heinz Siemer

Karl-Heinz Siemer wurde im August 1943 geboren. Er wuchs in unmittelbarer Nähe zum KZ in Hannover-Ahlem auf. In den frühen 1980er-Jahren war Siemer in der Friedensbewegung aktiv. 1987 gründete er gemeinsam mit mehreren Dutzend Bürgerinnen und Bürgern aus Ahlem und umliegenden Stadtteilen den Arbeitskreis „Bürger gestalten ein Mahnmal“. Die Intention der Gruppe mit der Errichtung eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter von Continental sei es gewesen, „mit dem Tunneleingang und den Asphaltplatten die Gefühle der Gefangenen sichtbar zu machen“, sagt Siemer.

1987 gründete sich der Arbeitskreis „Bürger gestalten ein Mahnmal“, um einen würdigen Gedenkort für die Opfer und überlebenden Zwangsarbeiter des KZ-Außenlagers in Ahlem zu schaffen. Die Mitglieder gestalteten das Mahnmal in unmittelbarer Nähe des Lagergeländes, das sich zu diesem Zeitpunkt in Privatbesitz befand. Der Gedenkort stellte zunächst den Zugang zu einem der Stollen dar, in denen die Zwangsarbeiter ab November 1944 bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen am 10. April 1945 arbeiten mussten. Das Mahnmal wurde am 4. Februar 1994 eingeweiht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vor dem Stolleneingang sind 14 Eisenbahnschienen senkrecht in den Boden eingebracht. Auf drei Stelen stehen die Namen von 325 umgekommenen oder ermordeten KZ-Häftlingen. Die Stadt Hannover pachtete den bis dahin nicht zugänglichen Bereich des ehemaligen Lagergeländes. In Zusammenarbeit mit dem ZeitZentrum Zivilcourage der Stadt konzipierte der Arbeitskreis einen Rundgang mit 24 Erinnerungstafeln, der auf den ursprünglichen Appellplatz vor den Baracken führt und seit 2022 zugänglich ist.

Mit „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ erforscht das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Stiftung EVZ den aktuellen Stand des kritischen Geschichtsbewusstseins in Deutschland.

*Für die Gedenkanstoß MEMO-Studie untersuchten die Stiftung EVZ und das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld in einer repräsentativen Online-Befragung das kritische Geschichtsbewusstsein in Deutschland. Hierfür wurden die Antworten von 3.000 Befragten mit dauerhaftem Wohnsitz in Deutschland sowie mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft ausgewertet.

Quelle: Pressemitteilung der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft vom 29. April 2025

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