Zwei Nachrichten haben unsere Leserinnen und Leser in den vergangenen Tagen so richtig in Wallung gebracht. Zunächst einmal die Schlagzeile, dass der Spritpreis an einer Steinhagener Tankstelle auf mehr als acht Euro geklettert ist. Und dann war da noch das mysteriöse, etwa fünf Meter tiefe Loch, das bislang nicht ermittelte Erdarchitekten im Teutoburger Wald zwischen Bielefeld, Steinhagen und Werther gebuddelt haben.
Nun muss ich zur ersten Schlagzeile mal einen Blick in den Maschinenraum der Redaktion zulassen. Ja, wir wussten schon bei Veröffentlichung des Textes, dass der Sprit in Steinhagen nicht mehr als acht Euro kostet. Aber wir wollten Sie neugierig machen – schuldig im Sinne der Anklage auf das Buhlen um Aufmerksamkeit im Netz. Zu unserer Verteidigung sei gesagt: Wir müssen im Dschungel des World Wide Web auch irgendwie gefunden werden – und natürlich haben wir dann journalistisch sauber erklärt, dass die Preisanzeige durchdrehte, während an der abgesperrten Tanke das Kassensystem ausgetauscht wurde.
Es war also eine Schlagzeile mit humorigem Unterton und schneller Aufklärung, die dennoch auf eine unglaubliche Resonanz stieß. Sie ging binnen weniger Stunden viral. Zum einen freut es uns natürlich, wenn unsere Nachrichten gefunden werden. Zum anderen habe ich schnell darüber nachgedacht, was die Reaktionen auf diesen Text über unsere aktuelle Verfassung aussagen. Wir leben in alarmierten Zeiten, der Spritpreisschock ist noch lange nicht ausgestanden, viele Menschen fürchten um die Folgen für ihren Alltag und machen sich Sorgen, wie sie ihren Lebensunterhalt sichern sollen.
Spritpreis-Krise im Altkreis Halle sägt am Selbstverständnis von Freiheit
Da zahlt eine solche Nachricht natürlich voll auf die jüngsten Schockwellen ein. Was? Sprit jetzt mehr als acht Euro? Spinnen die? Was ist da los? Viele Bürgerinnen und Bürger haben das Grundvertrauen in das Funktionieren unserer Institutionen, in die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens verloren.
Die Krise: Sprit-Preis klettert an Steinhagener Tankstelle auf mehr als 8 Euro pro Liter
Da spielt es auch keine Rolle, dass der Spritpreis nur einen kleinen Teil des durchschnittlichen Warenkorbs ausmacht, dass die Preissteigerungen vor allem bei den Lebensmitteln in den vergangenen Jahren vielleicht noch stärker ausfielen und uns de facto mehr weh tun.
Gefühlt sägt die Spritpreis-Krise an unserem Selbstverständnis von Freiheit. Können wir uns bald nicht mal mehr unsere individuelle Mobilität leisten? Das Gefühl, vor dem ganzen Mist auch mal wegfahren zu können, nicht auf andere angewiesen zu sein?
Auch das Loch im Teuto bei Steinhagen ist Ausdruck einer Flucht
Das ominöse Loch in der Nähe der Schwedenschanze auf der Grenze zwischen Bielefeld, Steinhagen und Werther.
| © Susanne Lahr
Sie fragen sich sicher, wie ich jetzt die Kurve von der Tanke zum Loch im Wald kriegen will. Und zwar am besten so, dass es am Ende auch noch Sinn ergibt. Aufgepasst. Wenn individuelle Mobilität das Versprechen auf ein Stückchen Freiheit ist, auf die Möglichkeit, den Dingen zu entfliehen – ja dann könnte das Loch im Teuto doch die Flucht 2.0 bedeuten.
Das Rätsel: Riesiges Loch an der Schwedenschanze nahe Steinhagen
Was wurde nicht alles spekuliert über die Erbauer und ihre Motive. Übrigens irgendwie typisch deutsch, wie selbst die Illegalität hier einen professionellen Anstrich erhält. Mit Treppensprossen an den sorgsam ausgebuddelten Wänden, mit einer Trittleiter. Womöglich wären demnächst Schreibtisch und Leselampe dazugekommen.
Ich lege mich fest: Hier hatte jemand keine Lust mehr auf unsere aufgeregten Zeiten – und weil er mit dem Auto nicht wegkonnte, hat er oder sie eben begonnen, eine Höhle zu bauen. Als Zufluchtsort. Ob es darum ging, hier den Weltuntergang zu überstehen oder einen eigenen Staat im Staate zu gründen, wie manche Kommentatoren vermuten, sei dahingestellt. In jedem Fall wollte hier jemand die Decke über den Kopf ziehen, damit die Welt nicht mehr so gnadenlos auf ihn oder sie scheint.
Wenn bloß die Spaziergänger nicht gewesen wären …
Blöd nur, dass die Architekten dabei die Spaziergänger völlig außer Acht gelassen haben. Man kann aber auch nirgendwo in Ruhe eine Parallelwelt aufbauen. In jedem Fall haben die Buddler uns ein paar spannende Nachrichten-Tage beschert. Und wenn die Aufregung abgeklungen ist, könnten wir ja alle mal darüber nachdenken, woher die Fluchtreflexe aktuell eigentlich kommen.
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