Kommentar
Standdatum: 25. April 2026.
Autorinnen und Autoren:
Frank Schulte
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Jedes zweite Bremer Kita-Kind im Vorschulalter spricht nicht gut Deutsch.
Bild: Radio Bremen
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Viele Kinder starten ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Schule. Solange frühe Sprachförderung vor allem ein Angebot bleibt und keine Pflicht, wird sich daran wenig ändern, meint unser Regionalchef Frank Schulte.
Die bremische Bildungspolitik kennt ein Ritual bei schlechten Nachrichten: Betroffenheit zeigen, auf „soziale Lage“ und „besondere Herausforderungen“ verweisen, neue Programme und Projekte ankündigen und die Verantwortung in die Zukunft schieben. Nach dem Motto: „Die Effekte werden wir in einigen Jahren sehen.“
Es gibt also immer etwas „in Arbeit“, immer neue Ansätze. Nur: Die aktuelle Studie des Bremer Instituts für Qualitätsentwicklung zeigt das Gegenteil. Von einer Verbesserung kann keine Rede sein – in zentralen Bereichen verschlechtert sich die Lage sogar: Rund die Hälfte der Kinder im letzten Kita-Jahr spricht nicht richtig Deutsch – der schlechteste Wert seit zehn Jahren. Zwei Drittel der Drittklässler haben erhebliche Probleme in Deutsch. Ein Drittel verfehlt im Lesen die Mindeststandards, ein weiteres Drittel gilt als Risikogruppe.
Bremen hat einen der höchsten Migrationsanteile in Deutschland. Das ist kein Problem an sich, aber eine klare Aufgabe: In einer solchen Stadt müsste Sprachbildung absolute Priorität haben. Wenn viele Kinder in Familien aufwachsen, in denen offenbar kaum Deutsch gesprochen wird oder die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, ist es Aufgabe des Staates, früh und verbindlich gegenzusteuern. Geschieht das nicht, nimmt die Politik in Kauf, dass Schulversagen zur Massenerscheinung wird.
Genau hier liegt das strukturelle Problem: Bremen hat Programme, Projekte, Konzepte – aber zu wenig echte Verbindlichkeit. Ja, es gibt alltagsintegrierte Sprachbildung in Kitas und zusätzliche Förderangebote, besonders im letzten Jahr vor der Einschulung. Auf dem Papier wirkt das beeindruckend. In der Praxis ist vieles davon an den Kita-Besuch gekoppelt – Kinder, die selten oder gar nicht kommen, entziehen sich leicht der Förderung, pädagogisch gut gemeint, aber nicht mit harten Rechten und Pflichten unterlegt, so organisiert, dass Sprachförderung „stattfinden soll“, ohne dass garantiert ist: Jedes Kind mit Defiziten durchläuft auch wirklich ein intensives, strukturiertes Programm.
Verbindliche Sprachförderung als Schutzrecht der Kinder
Mit Björn Rackles (SPD) steht ein neuer Bildungssenator an der Spitze. Er spricht von besserem Management, effizienteren Strukturen, einer dienstleistungsorientierten Behörde. Rackles benennt auch Sprachförderung als Schwerpunkt. Aber er bricht nicht mit der Logik des Freiwilligen und halb Verbindlichen. Was in Bremen nötig wäre, ist unbequem – und deshalb seit Jahren politisch unterblieben.
Es braucht eine Verbindlichkeit für frühe Sprachförderung: Sprachstandstests, Förderprogramme und Vorschulangebote dürfen nicht länger primär „gute Angebote“ sein. Sie müssen zur Pflicht werden – rechtlich abgesichert, kontrolliert, mit Konsequenzen bei Nichtteilnahme. Nicht als Strafe für Eltern, sondern als Schutzrecht der Kinder.
Außerdem müssen klare Mindeststandards verbindlich gelten. Wer die Mindeststandards verfehlt, braucht nicht weichere Noten, sondern intensivere Förderung, Wiederholung von Lernschritten – auch dann, wenn das kurzfristig unpopulär ist. Und schließlich braucht es eine radikale Schwerpunktsetzung: Die besten Kräfte, die meiste Zeit, das meiste Geld gehören in Kitas und Grundschulen in Stadtteilen mit besonders großen Herausforderungen. Wenn man hier scheut, hart zu priorisieren, braucht man über „Chancengleichheit“ nicht mehr zu reden.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Wer Kinder mit deutlich zu schwachen Deutschkenntnissen in die erste Klasse einschulen lässt, entscheidet oft über eine Bildungsbiografie, die nur schwer zu retten ist. Genau das passiert in Bremen – trotz jahrelanger Warnsignale. Solange Bremen sich mit wohlmeinenden Angeboten statt klaren Pflichten zufrieden gibt – und dem vertrauten Ritual aus Empörung, Ankündigungen und Aussitzen folgt – bleibt alles im Kern beim Alten. Und eine Generation von Kindern bezahlt den Preis dafür, dass aus „Es wird besser“ nie ein „Es ist besser geworden“ wird.
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Dieses Thema im Programm:
buten un binnen, 23. April 2026, 19:30 Uhr