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17 Tage ohne Essen, nur Regenwasser zum Überleben: Berichte über Hunger an der Oskil-Front setzen die ukrainische Militärführung unter Druck.
Charkiw – „Als die Jungs an der Front ankamen, wogen sie über 80 bis 90 Kilogramm. Jetzt wiegen sie nur noch um die 50 kg“, schreibt die Frau eines ukrainischen Soldaten über den Zustand der Einheit ihres Mannes. Anastasiia Silchuk lud in den sozialen Medien Fotos der Männer hoch, auf denen sie sichtbar ausgemergelt wirken – ihre Rippen zeichnen sich deutlich ab. Der ukrainische Generalstab bestätigte am Samstag (24. April), dass es bei Übergängen über den Oskil-Fluss Versorgungsengpässe für ukrainische Truppen am linken Flussufer gebe.
Russische Soldaten im Ukraine-Krieg (Symbolbild). © Uncredited/Russian Defense Ministry Press S/AP/dpa
Das Verteidigungsministerium in Kiew entließ einen hochrangigen Kommandeur der 14. Separaten Mechanisierten Brigade. Auch ein Kommandeur des 10. Armeekorps musste seinen Posten räumen und wurde an eine andere Stelle versetzt. Er sei die Logistikprobleme nicht ausreichend angegangen, hieß es zur Begründung. Seine Entlassung stünde aber nicht in direktem Zusammenhang mit den nun öffentlich gewordenen Fotos der abgemagerten Soldaten, wie die ukrainische Zeitung Prawda berichtete.
Ukrainische Soldaten an der Front in extremer Not
Russland versucht im Ukraine-Krieg vermehrt, das Hinterland der Ukraine unter Druck zu setzen und die Logistik zu schwächen, so die aktuelle Analyse der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW). Etwa durch Angriffe auf ukrainische Nachschublinien Richtung Kupjansk. Für die ukrainischen Soldaten an der Front bedeutete das Berichten zufolge, bis zu 17 Tage ohne Essen zu verharren.
Sie tranken demnach Regenwasser und schmolzen Schnee, um zu überleben. Ivanna Poberezhnyuk, eine Angehörige eines weiteren Soldaten, bestätigte dies. „Kämpfer verlieren vor Hunger das Bewusstsein“, zitiert sie der Guardian. Ihr Vater sei aus der Stellung evakuiert worden, andere säßen aber noch immer dort fest, fügte Poberezhnyuk hinzu.
Neuer Kommandeur an der Front: „Mehr gegessen als in den letzten acht Monaten“
Die Versorgung der Soldaten in diesem Bereich werde mit Drohnen erledigt, teilte ein Sprecher des Generalstabs mit. Die Russen würden aber so viel wie möglich von ihnen abfangen oder abschießen. „Manchmal sind sie tatsächlich weniger an unserer militärischen Ausrüstung als an der Logistik interessiert“, so der Sprecher. Russland hatte zuvor auch Brücken über den Fluss Oskil zerstört, um die Nachschubwege abzuschneiden.
Allerdings habe sich die Situation nun mit dem neuen Kommandeur gebessert, hieß es von der Front. „Es gibt einen neuen Kommandanten“, schrieb Silchuk. Er habe sie angerufen und bekräftigt, dass die Situation gelöst werde. „Und das stimmt auch. Mein Mann schrieb mir, er habe gerade mehr gegessen als in den vergangenen acht Monaten.“ Vonseiten des Militärkommandos hieß es, es sei eine Untersuchung eingeleitet worden und Lebensmittellieferungen seien auf dem Weg. „Sollten günstige Bedingungen vorliegen, werden unsere Soldaten umgehend evakuiert“, so der Generalstab laut Prawda.
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Fotostrecke ansehenZwei Millionen Tote und Verletzte im Ukraine-Krieg: Kiew setzt auf unbemannte Systeme
Bislang wurden laut einer Schätzung der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) im Ukraine-Krieg bereits zwei Millionen Menschen verwundet, verletzt oder gelten als vermisst. 1,2 Millionen davon auf russischer Seite. Sowohl Russland als auch die Ukraine haben mit Personalengpässen zu kämpfen. Die nötige Rotation der ukrainischen Truppen ist daher nicht immer möglich. Ein Programm für 18- bis 24-Jährige, das durch attraktive finanzielle Anreize neue Rekruten gewinnen wollte, hatte in der Ukraine bislang keinen durchschlagenden Erfolg. Zudem gebe es „systematische Fälle von unerlaubter Abwesenheit“, wie es in einer Analyse des International Institute for Strategic Studies (IISS) heißt.
Laut einem Bericht von Kyiv Independent lag die Zahl der ukrainischen Deserteure Ende 2025 bei 250.000, wie das Medium unter Verweis auf die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft mitteilte. Kiew setzt deshalb vermehrt auf unbemannte Systeme. Unbemannte Bodenfahrzeuge, sogenannte UGVs, „übernehmen mittlerweile einen erheblichen Anteil der Nachschubfahrten zur Frontlinie, der medizinischen Evakuierungen und sogar der Aufklärungs- und Angriffsmissionen an der Front“, so die IISS-Experten weiter. Am Fluss Oskil ist das Gelände allerdings auch für die Roboter schwer zu erreichen. (Quellen: ISW, Guardian, Prawda, CSIS, IISS, Kyiv Independent) (bme)