Die Vorfälle um den Messengerdienst Signal sind offenbar brisanter als bisher bekannt: Auch Mitglieder der Bundesregierung sind Berichten zufolge von Angriffen auf ihre Konten betroffen. Es soll sich nach Informationen der Agentur dpa um einzelne Kabinettsmitglieder handeln.
Offiziell äußert sich die Regierung bislang nicht. Nach Angaben des „Spiegel“ gehören Bauministerin Verena Hubertz (SPD) und Familienministerin Karin Prien (CDU) zu den Opfern der Kampagne, die sich unter anderem in Deutschland gegen Politiker, Journalisten und Militärs richtet. „Die Signal-Konten der beiden Politikerinnen sollen kompromittiert worden sein“, schreibt das Magazin weiter. Aus Regierungskreisen wurde demnach bestätigt, dass „dieser Angriff mutmaßlich aus Russland kommt“.
Der für sicherheitsrelevante Themen zuständige Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zählt dem Vernehmen nach nicht zu denjenigen, auf deren Chats und Daten die Angreifer zugreifen konnten, so die dpa. Zur Zahl der Betroffenen und der Identität weiterer Betroffener macht die Bundesregierung keine Angaben. Nach Informationen des Magazins wurden mindestens 300 Signal-Konten von Personen aus dem politischen Betrieb attackiert.
Russland-Experte erhebt Vorwürfe gegen
Erst am Mittwoch hatte das Blatt berichtet, dass Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zu den Opfern der Phishingkampagne gehöre. Die Politikerin bekleidet das zweithöchste Staatsamt und ist Mitglied des CDU-Präsidiums. Das Parteigremium kommunizierte dem Bericht zufolge bislang in einem Signal-Gruppenchat – Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz eingeschlossen.
Das Magazin berichtete weiter, Mitarbeiter des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) hätten den Kanzler in der Sache persönlich aufgesucht. Anders als bei der Bundestagspräsidentin habe sein Signal-Nutzerkonto aber offenbar keine Auffälligkeiten gezeigt.
Eine Sprecherin von Prien erklärte demnach auf Anfrage: „Zu Kommunikationsmitteln der Bundesregierung können wir keine Auskunft geben.“ Ein Sprecher von Hubertz sagte dem Bericht zufolge, für die Integrität und Sicherheit von interner und externer Kommunikation des Ministeriums gälten klare Grundsätze. „Dazu gehört, dass wir uns grundsätzlich nicht zu möglichen oder tatsächlichen Sicherheitsvorfällen äußern“, wurde der Sprecher zitiert.
Im Zusammenhang mit der seit Monaten andauernden internationalen Phishingkampagne gegen Nutzer der Messaging-App Signal ermittelt Generalbundesanwalt Jens Rommel bereits seit Februar. Laut einer Sprecherin der Bundesanwaltschaft geht es um den Anfangsverdacht der Spionage.
Die Angriffswelle zur heimlichen Übernahme von Signal-Konten richtet sich außer gegen Politiker auch gegen Beamte, Diplomaten, Militärs und Journalisten.
Messenger Signal
Der Dienst Signal wurde 2012 vom Unternehmer Moxie Marlinspike ins Leben gerufen. Im Februar 2018 gründet er gemeinsam mit dem WhatsApp-Mitgründer Brian Acton die gemeinnützige Signal Foundation, die Entwicklung und Betrieb des Messengers überwacht. Acton hatte WhatsApp 2017 im Streit um den Umgang mit Nutzerdaten für zielgerichtete Werbung verlassen.
„Wir sind an keines der großen Technologieunternehmen gebunden, und wir können auch niemals von einem aufgekauft werden“, schreibt Signal auf seiner Webseite. Die Entwicklung werde unterstützt durch Zuwendungen und Spenden. Acton hatte der Stiftung eine Anschubfinanzierung von 50 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. (Tsp)
Mit dem CDU-Politiker Marc Henrichmann, der Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) im Bundestag zur Kontrolle der Nachrichtendienste ist, machte am Freitag erstmals ein deutscher Politiker Russland für die Angriffswelle verantwortlich. Die Bundesanwaltschaft hat sich zu einem möglichen Auftraggeber bisher nicht geäußert.
Die Regierung der Niederlande, wo ebenfalls entsprechende Angriffe wie in Deutschland festgestellt wurden, sieht Russland hinter der Kampagne. Der niederländische Geheimdienst schreibt in einer Mitteilung explizit, dass die Angriffe auch darauf zielten, WhatsApp-Konten zu übernehmen.

Stefan Meister ist Programmleiter Internationale Ordnung und Demokratie bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).
Auch Russland-Experte Stefan Meister hält es für wahrscheinlich, dass der Kreml hinter den Angriffen steht. „Ich selbst und einige Kollegen, die zu Russland arbeiten, sind bereits vor über einem Jahr darauf aufmerksam geworden“, sagte er dem Tagesspiegel. „Signal wurde sehr beliebt, weil sichere Verbindungen besonders wichtig geworden sind. Vor allem, wenn man mit Personen in Russland oder in autoritären Staaten kommuniziert.“
Gerade unter deutschen Politikerinnen und Politikern sei Signal im Vergleich zu anderen Ländern populär geworden, sagte Meister. Entsprechend seien sie derzeit stärker von den Angriffen betroffen.
Durch die sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung können Nachrichten nicht ohne Weiteres abgefangen werden. Die russische Regierung selbst sperrte den Nachrichtendienst 2024 – angeblich, weil Signal „gegen die Vorschriften der russischen Gesetzgebung“ verstoße, die einzuhalten seien, damit es nicht „für terroristische und extremistische Zwecke“ genutzt werde.
Behörden, Politik und Öffentlichkeit haben lange gebraucht, um auf die seit vielen Jahren bestehenden Gefahren angemessen zu reagieren.
Stefan Meister, Russland-Experte
Kern der aktuellen Phishingkampagne ist keine Sicherheitslücke des Signal-Messengers, den Experten sogar für einen recht sicheren Kommunikationskanal halten. Vielmehr setzen die Angreifer auf die Schwachstelle Mensch.
Um Zugriff auf die Adressbücher und Daten bestimmter Nutzer zu erhalten, schicken die Angreifer zunächst eine Nachricht, in der sie den Nutzer auffordern, eine PIN einzugeben beziehungsweise Links oder einen QR-Code anzusteuern. Als Absender erscheint dabei etwa „Signal-Support“.
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Der Zugang ermöglicht es den Angreifern dann nicht nur, noch vorhandene Chats zu lesen, die über den Messenger geführt wurden, sondern auch, sich unter falscher Identität in internen Chat-Gruppen zu bewegen.
„Inzwischen sind die deutschen Behörden sensibilisiert und warnen offen davor“, sagt Russland-Experte Meister. „Aber wir sehen, wie lange Behörden, Politik und Öffentlichkeit brauchen, um auf die seit vielen Jahren bestehenden Gefahren angemessen zu reagieren.“