Werther. „Wahrscheinlich ist es ihnen zu kalt.“ Das ist die einzige Erklärung, die Conny Oberwelland einfällt. Die Mitarbeiterin der Biologischen Station Gütersloh/Bielefeld sagt es fast entschuldigend. Noch Tage vorher hätten die Laubfrösche hier ein unglaubliches Quak-Konzert abgeliefert. „Es war kilometerweit zu hören.“ Und jetzt: nichts.
Es ist Mittwochabend, 20.30 Uhr. Das Haller Kreisblatt steht mit der Wertheranerin Conny Oberwelland, zwei Kolleginnen der Biologischen Stationen Gütersloh und Herford sowie zwei Studentinnen an den Hainteichen zwischen Häger und Bardüttingdorf – und wartet. Auf das Konzert der Laubfrösche, die zu retten die fünf Frauen angetreten sind.
Jennifer Heermann von der Biologischen Station Herford versucht es ganz ausgebufft: Sie spielt auf ihrem Handy in voller Lautstärke den Ruf der Laubfrösche ab, in der Hoffnung, die echten im Wasser und an der Böschung aus der Deckung zu locken. Klappt zwar nicht, ist aber lustig. Alle müssen lachen.
Einzigartiges Naturschauspiel mit Surround-Sound
So klein er ist: Die Rufe des Laubfroschs sind oft über mehrere Kilometer zu hören.
| © Manfred Aulbur
Und dann, es ist fast dunkel, gehts plötzlich los. Erst ein Frosch in einem Teich, dann ein zweiter im Teich daneben, dann kommt es aus allen Richtungen. Ein eindrucksvolles Naturschauspiel mit Surround-Sound. „Bei wärmerem Wetter wirds noch lauter“, sagt Conny Oberwelland. Sie und Jennifer Heermann gehen davon aus, dass allein an dieser Stelle bestimmt 100 oder 150 Laubfrosch-Männchen leben. Zusammen mit einer ähnlich hohen Zahl an – nicht quakenden – Weibchen also 200 bis 300 Frösche. „Eine große Population“, sagen sie.
Was die Ausnahme ist. Die kleinste heimische Froschart, nur drei bis fünf Zentimeter groß und auffällig blattgrün, steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten und gilt als gefährdet. „Früher hieß es: Aus jeder Pfütze quakt ein Frosch“, blickt Conny Oberwelland zurück. Das sei lange vorbei. „Heute sind Laubfrösche von Naturschutzmaßnahmen abhängig. Ohne sie wären sie vielerorts ausgestorben.“
Was daran liegt, dass Laubfrösche besondere Ansprüche an ihren Lebensraum haben: Sie brauchen zwar ein Gewässer, dieses darf aber nicht verschlammt, nährstoffreich oder stark zugewachsen sein. Muss aber Wasserpflanzen enthalten, weil die Frösche daran ihren Laich ablegen. „Frisch ausgebaggerte Teiche mit einem sonnigen, abgeflachten Ufer sind ihnen am liebsten“, beschreibt Conny Oberwelland. Was ihr Fressverhalten angeht, seien Laubfrösche wenig anspruchsvoll. „Sie ernähren sich von Insekten, Larven, Spinnen und anderen Kleinstlebewesen.“
Kleine Frösche haben zahlreiche Fressfeinde – und weitere Probleme
Lena Brenstein hängt einen kleinen Song-Meter-Rekorder in eine Weide, der speziell entwickelt wurde, um Laute von Wildtieren, in diesem Fall Fröschen, aufzunehmen.
| © Anja Hanneforth
Ein Problem für die Frösche sei, dass im Zuge des Klimawandels viele Gewässer in heißen Sommern trocken fallen. Zwar seien die Tiere aufgrund ihrer Haftscheiben an den Füßen gute Kletterer und hielten sich nicht nur im und am Wasser, sondern auch auf Bäumen und Sträuchern auf. „Aber anders als Erdkröten leben sie auch abseits der Paarungszeit in Gewässernähe.“ Dazu hätten sie zahlreiche Fressfeinde. Fische, vor allem Karpfen, liebten Laich und Kaulquappen der Laubfrösche, genau wie Enten und Gänse. Manche Waschbären hätten sich sogar auf Laubfrösche spezialisiert, sagt Conny Oberwelland. „Sie häuten die Tiere regelrecht“, zeichnet sie ein wenig appetitliches Bild.
Lesen Sie auch: Spaziergänger und frei laufende Hunde gefährden Feldlerchen in Werther
Ein weiteres Problem seien viel befahrene Straßen. „Viele Laubfrösche kommen im wahrsten Wortsinn unter die Räder“, beklagt Conny Oberwelland. Im gesamten Kreis Gütersloh gebe es noch etwa 20 Laichgewässer, an denen der Laubfrosch ansässig ist. „Das ist nicht viel“, bedauert sie.
Um die Populationen zu vergrößern, haben die Biologischen Stationen Gütersloh/Bielefeld und Herford jetzt zusammen mit der Stiftung für Ornithologie und Naturschutz Melle ein grenzübergreifendes Projekt initiiert. Sie wollen vorhandene Vorkommen erfassen und Maßnahmen umsetzen, den Laubfrosch an weiteren Orten anzusiedeln. Gefördert wird das Projekt von der Stiftung für die Natur Ravensberg.
Naturschützerinnen bitten die Bevölkerung um Mithilfe
An den Hainteichen steht eine Infotafel, auf der nachzulesen ist, warum es die Teiche überhaupt gibt. Sie waren im 19. Jahrhundert angelegt und als Rötekuhlen für die Flachsverarbeitung genutzt worden.
| © Anja Hanneforth
Denn natürlich kostet ein solches Projekt Geld. Rund 40.000 Euro stehen für die Erfassung der Populationen und die Planung der einzelnen Maßnahmen zur Verfügung. Beides soll noch in diesem Jahr erfolgen. Die eigentliche Umsetzung, die über weitere Fördergelder finanziert wird, ist für 2027 geplant.
In beiden Fällen bitten die Naturschützerinnen um Mithilfe der Bevölkerung. Wer einen Teich kennt, an dem Laubfrösche vorkommen, sollte sich melden. Genau wie Grundstücksbesitzer, die einen Teich Laubfrosch-gerecht umbauen oder neu anlegen wollen. „Wir gehen davon aus, dass wir in den drei Fördergebieten Maßnahmen an zusammen etwa 15 Gewässern durchführen können“, so die Fachfrauen.
Ähnliches Thema: Kröten und Co. geraten unter Druck – so reagiert die Stadt Halle
Zu erreichen sind Conny Oberwelland unter Tel. 05209 980101, E-Mail conny.oberwelland@biostation-gt-bi.de, und Jennifer Heermann unter Tel. 05223 78250 und E-Mail heermann@bshf.de. Auch Lena Brenstein freut sich über Anrufe. Die Mitarbeiterin der Biostation Gütersloh/Bielefeld ist im Rahmen des Leader-Projekts tätig und berät Grundstücksbesitzer, die nicht nur für den Laubfrosch, sondern auch darüber hinaus etwas für die heimische Tier- und Pflanzenwelt tun wollen. Sie ist erreichbar unter Tel. 0160 4230765 und lena.brenstein@biostationgt-bi.de.
Exkursion mit Froschkonzert als Live-Erlebnis
Das Froschkonzert begann erst nach 21 Uhr, als es fast dunkel war.
| © Anja Hanneforth
Wer den Laubfrosch überhaupt erst einmal kennenlernen und das Froschkonzert erleben will, sollte sich den 12. Mai vormerken. Dann findet von 20 bis etwa 21.30 Uhr eine Exkursion zu den Rötekuhlen in Bardüttingdorf statt. Die Leitung haben Jennifer Heermann und Conny Oberwelland. Treffpunkt ist der Parkplatz der Grundschule Wallenbrück-Bardüttingdorf, Kreuzfeld 162. Festes Schuhwerk wird empfohlen, die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Aktuelle News bekommen Sie täglich über den WhatsApp-Kanal des HK



