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Die Ukraine entlässt zwei Kommandeure nach schweren Vorwürfen. An der Front bei Kupjansk sollen Soldaten ohne Essen und Wasser ausgeharrt haben.

Kupjansk/Kiew – Ein Skandal um geschönte Lageberichte sorgt für Unruhe in der ukrainischen Armee. Im hart umkämpften Frontgebiet bei Kupjansk sollen Kommandeure die tatsächliche Lage über längere Zeit verzerrt dargestellt haben. Für die eingesetzten Soldaten im Ukraine-Krieg gegen den Aggressor Russland hatte das offenbar dramatische Folgen, insbesondere bei der Versorgung mit Nahrung und Wasser.

Olexander Syrskyj und ukrainische Soldaten auf dem Weg zur Frontlinie.Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj (links) und ukrainische Soldaten auf dem Weg an die Front: Nach Berichten über geschönte Lageeinschätzungen und Versorgungsprobleme greift die Militärführung nun durch. © Foto links: IMAGO / ZUMA Wire | Foto rechts: dpa

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs via Telegram wurden zwei hochrangige Offiziere deshalb ihres Postens enthoben. Das bisherige Kommando habe „die reale Lage verschleiert“, zudem seien Stellungen verloren gegangen und es habe „eine Reihe von Fehlkalkulationen bei der Versorgung von Soldaten“ gegeben. Betroffen sind die 14. mechanisierte Brigade sowie das übergeordnete 10. Armeekorps.

Ukraine-Krieg und der Skandal bei Kupjansk: Militärführung zieht Konsequenzen

Die personellen Konsequenzen folgten unmittelbar auf die Vorwürfe. Der Kommandeur der 14. Brigade wurde abgesetzt und durch Oberst Taras Maksimow ersetzt. Auch der Chef des 10. Armeekorps verlor seinen Posten und wurde degradiert, künftig übernimmt Brigadegeneral Artjom Bohomolow die Führung, so die Ukrainska Pravda.

Parallel leitete der Generalstab eine umfassende Untersuchung ein. Eine Kommission der Landstreitkräfte prüft die Vorgänge in der betroffenen Einheit. Nach Abschluss der Ermittlungen sollen die Ergebnisse an Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet werden, bestätigt auch The Kyiv Independent.

NATO-Mission zur Ostflanke hautnah: Reporter an Bord einer AWACS-MaschineCockpit einer AWACS-Maschine der NATOFotostrecke ansehenVersorgung an der Ukraine-Front massiv gestört

Die Lage im Raum Kupjansk gilt seit Monaten als besonders angespannt. Russische Angriffe auf Übergänge über den Fluss Oskil erschweren die Versorgung der ukrainischen Einheiten erheblich. Nach Militärangaben müssen Lebensmittel, Munition und Ausrüstung teilweise mit Booten oder schweren Drohnen an die Front gebracht werden, schreibt die Ukrainska Pravda.

In diesen ohnehin schwierigen Bedingungen seien zusätzliche Versorgungsprobleme entstanden. So wurde laut Generalstab konkret festgestellt, dass eine Stellung zeitweise nicht ausreichend mit Lebensmitteln beliefert wurde. Die Kombination aus logistischer Belastung und Führungsfehlern verschärfte die Situation für die Soldaten erheblich.

Ukraine-Front bei Kupjansk: Warum die Versorgung so schwierig ist

Fluss Oskil Natürliche Barriere mit wenigen Übergängen Nachschub nur eingeschränkt möglich Zerstörte Brücken Durch russische Angriffe beschädigt oder zerstört Umwege und improvisierte Übergänge nötig Luft- & Raketenangriffe Gezielte Angriffe auf Logistik und Übergänge Hohe Risiken und Verluste bei Transporten Drohnenkrieg Permanente Überwachung der Nachschubwege Versorgung kaum unentdeckt möglich Schlamm/Wetter Schwieriges Gelände, besonders bei Nässe Fahrzeuge bleiben stecken, Transporte verzögern sich Entfernung zur Front Lange und gefährliche Nachschubwege Verzögerungen bei Nahrung und Material Kommunikationsausfälle Teilweise tagelang ohne Funkkontakt Koordination erschwert, Einheiten isoliert Führungsprobleme Geschönte Lageberichte und Fehlentscheidungen Versorgungslücken, Verlust von Stellungen Reaktion der Führung Neue Kommandeure eingesetzt Stabilisierung und bessere Versorgung geplant

(Quellen: Generalstab der ukrainischen Streitkräfte/Telegram, dpa, The Kyiv Independent, Ukrainska Pravda, Reuters)

Krieg in der Ukraine: Hungernde Soldaten sorgen für Empörung in sozialen Medien

Öffentlich wurde der Skandal durch Beiträge von Angehörigen ukrainischer Soldaten. Eine Tochter eines Militärangehörigen veröffentlichte via Social Media Bilder stark abgemagerter Kämpfer und schrieb: „Die Jungs sind ohne Essen und Wasser! Die Kämpfer werden vor Hunger ohnmächtig, trinken Regenwasser.“ Die Aufnahmen verbreiteten sich rasch und lösten breite Empörung aus.

Weitere Berichte schildern, dass Einheiten über Monate hinweg unter extremen Bedingungen ausharren mussten. Lieferungen von Nahrung, Trinkwasser und medizinischer Versorgung hätten teils sieben bis 14 Tage gedauert, konstatiert The Kyiv Independent. Auch die Kommunikation sei immer wieder für mehrere Tage ausgefallen.

Kupjansk bleibt Brennpunkt im Ukraine-Krieg

Die Region um Kupjansk gehört zu den strategisch wichtigen Abschnitten im Osten der Ukraine. Immer wieder kommt es dort zu heftigen Gefechten, während beide Seiten unterschiedliche Darstellungen über Geländegewinne und Verluste verbreiten. Der Kreml hatte bereits die Eroberung von Kupjansk für sich beansprucht. Diese Darstellung, schreibt die dpa, wurde unter anderem durch Aufnahmen von Präsident Wolodymyr Selenskyj am Ortseingang widerlegt.

Auch die Moskauer Behauptung, ukrainische Truppenteile seien am Ostufer des Oskil faktisch eingeschlossen und könnten nicht mehr versorgt werden, wurde von Kiew wiederholt zurückgewiesen. Der aktuelle Skandal zeigt dennoch, wie kritisch verlässliche Lageberichte für militärische Entscheidungen sind. Geschönte Darstellungen können dazu führen, dass Probleme zu spät erkannt werden und Soldaten unnötigen Risiken ausgesetzt sind.

Der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj hat derweil eine zusätzliche Überprüfung der Versorgung an der Front angeordnet. Ziel ist es, ähnliche Missstände künftig frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Für die betroffenen Soldaten bleibt die Lage dennoch angespannt, auch wenn inzwischen neue Lebensmittel geliefert wurden und Evakuierungen vorbereitet werden. (Quellen: dpa, Ukrainska Pravda, The Kyiv Independent, Generalstab der ukrainischen Streitkräfte/Telegram) (chnnn)