Das Tohoku-Erdbeben und die daraus resultierende Nuklearkatastrophe ereignete sich vor 15 Jahren im März 2011. Sie gilt nach Tschernobyl als größter Unfall seiner Art in der relativ kurzen Zeit seit der Spaltung des Atoms. 20.000 Menschen starben allein durch die

verheerende Tsunami-Welle, viele weitere wurden lebensgefährlicher Strahlung aus dem Kernkraftwerk Fukushima Dai-ichi ausgesetzt und Hunderttausende aus ihrer Heimat im Nordosten Japans vertrieben.

Künstlerisch verarbeitet wurde das Desaster auf verschiedenste Weise. Hideaki Anno brachte mit Shin Godzilla das berühmte Strahlenmonster auf die Leinwand zurück, das seit dem Originalfilm aus der Nachkriegszeit als Symbol für atomare Verwüstung herhält. Sein Kollege Sion Sono (Love Exposure) begab sich ebenfalls in den Sci-Fi-Bereich, lieferte aber mit dem poetischen The Whispering Star einen ganz anderen Film ab, den ihr bei Amazon kostenlos streamen könnt und solltet.

Sci-Fi-Meisterwerk The Whispering Star auf Amazon: Fukushima als dystopische Kulisse

In einer nicht näher definierten Zukunft gibt es nur noch wenige Menschen, die weit voneinander entfernt auf verschiedenen Planeten leben. Viel gängiger sind Androiden wie die flüsternde Paketbotin mit der ID 722 Yoko Suzuki (Megumi Kagurazaka), deren Raumschiff einem alten japanischen Haus gleicht. Sie reist von System zu System, um Leuten Pakete zu übergeben. Deren Inhalt wirkt auf den ersten Blick banal, scheint aber von persönlicher Relevanz für die Empfänger:innen zu sein.

The Whispering Star hat keine klassische Sci-Fi-Story im eigentlichen Sinn. Viel wichtiger sind in diesem Fall die Drehorte und Co-Stars. Gefilmt wurden die desolat bis dystopisch anmutenden „Planetenoberflächen“ nämlich innerhalb der 20-km-weiten Sperrzone um das Kernkraftwerk Fukushimas mit „Planetenbewohner:innen“, die normalerweise nicht schauspielen, sondern Anwohnerinnen und Anwohner der vom Schicksal gebeutelten Region sind.

Robo-Botin Yoko landet auf den Planeten und fährt minutenlang mit dem Fahrrad durch das verwüstete Gebiet. Genau diese langen Minuten sind es, in denen das geflüsterte Stück Sci-Fi-Poesie einen regelrecht mit der Realität hinter dem Film erschlägt. Man fühlt sich wie in der verbotenen Zone aus Tarkowskis Stalker, nur ohne die Aussicht auf einen magischen Raum, der Wünsche erfüllt und womöglich die Welt heilen könnte.

Zwei von drei Top-Kommentaren auf Letterboxd  vergleichen The Whispering Star sogar mit Akermans gemächlichem Frauenporträt Jeanne Dielman, dem aktuell besten Film aller Zeiten laut Sight and Sound. Weil auch Yokos Botinnengänge ein Slowburn sind, der Empathie erweckt und Raum für Gedanken lässt.

Gedanken wie: Warum musste es schon wieder Japan treffen? Wie kann man heute noch ernsthaft für Atomenergie argumentieren? Und: Warum sitzen die Geschäftsführer des (damals) privatwirtschaftlichen Tepco-Atomkraftwerks, die Warnungen zur Tsunami-Sicherheit der Anlage ignorierten, nicht im Gefängnis?

  • Mehr Streaming-Tipps von uns: Abonniere Moviepilot bei Google , wo wir täglich über 3 Millionen Fans mit Nachrichten, Empfehlungen und Hot Takes versorgen.

Manchmal kann ein Sci-Fi-Kunstfilm mehr als Dokus und Dokudramen

Natürlich gibt es neben zahlreichen Dokus und Reportagen zum Thema auch einige dramatische Werke, dich sich viel faktischer mit dem Unglück beschäftigen. Die Netflix-Serie The Days und der Film Fukushima – Die Welt am Abgrund über die heroischen Mitarbeiter:innen des Katastrophenkraftwerks, die Schlimmeres vereitelt haben, sind beispielsweise viel mehr mit der HBO-Dokudramaserie Chernobyl zu vergleichen.

Manchmal versagen Fakten allein aber, wenn es darum geht, ein unsägliches Desaster wie dieses menschlich zu durchdringen. Manchmal sind die Fakten allein nicht genug. Manchmal muss man durch die Augen einer flüsternden Androidin, die einen Bleistiftstummel an persönlich Betroffene liefert, auf das Unglück blicken.

„Sie hätten einen Dichter schicken sollen“, meint Jodie Fosters Wissenschaftlerin im Science-Fiction-Film Contact im Angesicht der Schönheit des Universums. Angesichts des Grauens von Fukushima hat man genau das mit Sion Sono und The Whispering Star getan.