Um die Besucher des Stuttgarter Frühlingsfests zu versorgen, sind Hunderte Retter des DRK im Einsatz – die meisten ehrenamtlich. Sie erleben Schlimmes und Kurioses.

Ein Labello kann ein äußerst gefährlicher Gegenstand sein. Zumindest dann, wenn er auf dem Cannstatter Wasen einem Besucher in einem Fahrgeschäft aus großer Höhe aus der Tasche fällt – und genau den Kopf eines Passanten unten am Boden trifft. „Das macht ordentliche Platzwunden“, sagt Juliane Tiedemann. Überhaupt falle da „alles mögliche runter“. Und wenn es dann Verletzte gibt, sind die Frau von der DRK-Bereitschaft Bad Cannstatt und ihre Mitstreiter zur Stelle, um schnell Erste Hilfe zu leisten.

Rettungskräfte auf dem Wasen: 1500 Schichten müssen besetzt sein

„Wir teilen die Tage in verschiedene Stufen ein, je nach erwartetem Besucheraufkommen, Klientel und Parallelveranstaltungen im Neckarpark“, sagt Bosse. Heute ist alles entspannt. 30 bis 40 Einsatzkräfte braucht man an so einem Tag. Am Wochenende sind es auch mal 80, vor allem abends ist dann einiges los und der Pegel bei den Besuchern hoch.

Über die gesamten drei Wochen beim Frühlingsfest muss Bosse rund 1500 Schichten besetzen. Das entspricht bei einem Drei-Schicht-Betrieb etwa 500 bis 700 DRK-Leuten. Die meisten davon arbeiten ehrenamtlich. Auch Bosse. Die Leute kommen zu einem guten Teil aus der Cannstatter Bereitschaft, die für ihre zahllosen Einsätze im Neckarpark jüngst als „Stuttgarter des Jahres“ ausgezeichnet worden ist. Dazu kommen einige hauptamtliche Einsatzkräfte und weitere DRK-Retter aus dem ganzen Land. „Man kennt sich und hilft sich gegenseitig aus. Die Leute kommen auch wegen des Miteinanders, das hier entsteht“, erzählt Bosse.

Wasen-Einsatzleiter: „Alkohol ist oft mit dabei, aber meist nicht der Grund.

Nun ist der Wasen nichts für schwache Gemüter. Steigende Aggressionen gegenüber den Rettern stellen die Rotkreuzler allerdings nicht fest. Das mag auch daran liegen, dass die Polizei direkt nebenan sitzt und genauso wie der Sicherheitsdienst jederzeit zur Stelle ist, wenn es brenzlig werden könnte. „Aber das Fell muss hier auch mal dicker sein“, sagt Bosse. Seit 2014 ist er regelmäßig dabei und sagt: „Es kribbelt jedes Mal. Jedes Fest ist anders. Wir haben hier eine kleine Stadt inmitten der Stadt.“

Wer glaubt, auf dem Wasen würden vor allem Sturzbetrunkene medizinisch behandelt, der täuscht sich. „Alkohol ist oft mit dabei, aber meist nicht der Grund, warum die Leute bei uns landen“, erzählt der Einsatzleiter. Rund 1000 Patienten werden pro Fest behandelt. Die meisten kommen wegen Schnittverletzungen, die sie sich an kaputten Gläsern und Krügen geholt haben. Auch Stürze gibt es häufig. „Wenn es regnet, wird der Untergrund manchmal rutschig“, weiß Juliane Tiedemann. Und auch Hitze kann ein Problem werden: „Die Leute trinken dann nicht genug – und wenn, dann Alkohol.“

Hinter der Wache warten mehrere Einsatzfahrzeuge. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone Drei Ambulanzräume in der Wasenwache, davon ein Schockraum

Die Retter sind gut ausgestattet. Sie haben einen eigenen kleinen Fuhrpark, damit der reguläre Rettungsdienst entlastet wird. Oft unterstützt ein Notarzt vor Ort. Wenn ein Patient geholt und in die Wasenwache transportiert werden muss, stehen besondere Fahrtragen zur Verfügung. Die sind besonders robust und schwer, haben dickere Reifen. „Das sind Sonderanfertigungen, die zu viert bedient werden müssen“, sagt Bosse. Auf jeder liegt ein Plan des Geländes. Zwar kennen die Helfer natürlich die Standorte großer Zelte und Fahrgeschäfte, doch damit auch der Rest gefunden wird, ist das Gelände in Straßen und Standnummern aufgeteilt.

In der Wasenwache stehen drei Ambulanzräume zur Verfügung, einer davon ist wie ein kleiner Schockraum ausgestattet. Hier ist sogar eine Beatmung möglich. „Wir haben hier alles, was es draußen auch gibt, bis hin zu Herzinfarkten und Schlaganfällen“, sagt Juliane Tiedemann. In den vergangenen Jahren aber habe man alle Patienten lebend vom Platz bekommen. Wer hier nicht ausreichend versorgt werden kann, wird ins Krankenhaus gefahren und dort weiterbehandelt. Und wer nur ein bisschen aufgepäppelt werden muss, findet sich auf einem Feldbett in einem der Ruheräume wieder.

Campinggäste kommen rüber zur Wasenwache

Dazu gibt es einen Lageraum und eine kleine Einsatzzentrale mit großen Monitoren und Verbindung zur Leitstelle der Stadt. Und zudem einen kleinen Ableger, die sogenannte Neckarwache in einigen Containern hinter den Bierzelten, damit der Platz gut abgedeckt ist. Schließlich muss es im Ernstfall schnell gehen.

Bisweilen wird es auch mal kurios. Denn nicht nur Besucher und Schausteller wollen versorgt werden, sondern bisweilen auch Zaungäste. „Die Leute auf dem Campingplatz nebenan sehen unsere Fahne auch“, sagt Juliane Tiedemann und schmunzelt. Da könne es schon mal sein, dass einer vorbeikomme, weil er schon seit ein paar Tagen Bauchschmerzen hat. Ob man solche Patienten behandelt oder zu einem Arzt schickt, hängt auch ein bisschen von der aktuellen Lage ab.

Die bleibt an diesem Tag ruhig, trotz des Fußballspiels. Nur acht Patienten werden bis nachts behandelt. Doch Ruhe kann auch trügerisch sein. Ein Mann mit einer Machete auf dem Platz, ein Wohnwagenbrand, eine Schlägerei in einem Festzelt, alles schon da gewesen. „Man muss sich darüber klar sein, dass die Situation jederzeit umschlagen kann“, weiß Bosse. Und manchmal ist es auch nur ein Labello, der plötzlich zum gefährlichen Geschoss wird.