Deutschland hat die Digitalisierung erfunden. Zumindest wenn man die Apps zählt, die man braucht, um ein simples Gewerbe zu betreiben. Elster-Secure-App, Ausweis-App, Zoll-Ident-App, Datev-App. Und irgendwo dazwischen ein PDF-Formular auf einer HTML-Seite, die aussieht, als hätte sie jemand 2003 in der Mittagspause zusammengeklickt. Man füllt alles aus, klickt auf „Absenden“ – und bekommt die freundlichste aller Fehlermeldungen: „fehlgeschlagen“. Die Hotline empfiehlt Gelassenheit. Zwei Wochen warten, dann noch mal versuchen. So funktioniert digitale Verwaltung in Deutschland: mit Geduld und einem erstaunlich hohen Vertrauen. Man meldet ein Gewerbe neu an, oder noch schlimmer: man zieht um und meldet das Gewerbe in einer anderen Gemeinde an.

Vier Monate später stellt man fest: Die neue Adresse ist nie angekommen. Stattdessen beginnt der analoge Teil der Digitalisierung: ein Telefonat, eine Mail, ein weiteres Formular. Leider trifft das vor allem die, die eigentlich loslegen wollen. GründerInnen, Selbstständige, kleine Gewerbetreibende: Menschen, die mit einer Idee starten und vielleicht davon leben müssen, dass es schnell geht. Stattdessen Warteschleifen, Freischaltungen und keine KI, die übernehmen kann. Was Aufbruch sein sollte, wird zur Geduldsprobe. Jede Behörde baut ihre eigene App, ihr eigenes Portal. Daten, die längst beim Staat liegen, werden wieder neu abgefragt.

Dabei wäre die Lösung nicht kompliziert. Wer ein Gewerbe anmeldet, ist dem Staat bekannt. Adresse, Steuernummer, Branche – alles vorhanden. Andere Länder zeigen, dass es geht: Estland hat eine solche Infrastruktur seit Jahren. Dort gilt ein Prinzip, das hier surreal klingt: Daten werden nur einmal erhoben. Danach gehören sie dem System. Muss es wirklich so sein, dass in Deutschland die größte Hürde für viele Geschäftsmodelle nicht der Markt ist, sondern die Bürokratie? Gerade jetzt, in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit, in der Jobs wackeln und viele den Mut fassen, sich mit eigenen Ideen selbstständig zu machen. Wollen wir wirklich, dass dieser Mut an Formularen scheitert – und in Resignation endet?

Unsere Autorin ist Start-up-Gründerin und Social-Media-Expertin. Sie wechselt sich hier mit Blogger Richard Gutjahr ab.