Spannungen in Estland
Hier zerreißt der Ukraine-Krieg ein uraltes Volk
26.04.2026 – 18:00 UhrLesedauer: 5 Min.
Seto-Frauen in traditionellen Trachten bei einem Fest: Das in der Grenzregion zwischen Estland und Russland lebende Volk ist durch den Ukraine-Krieg zerrissen. (Quelle: IMAGO/Sergei Stepanov)
Im Grenzgebiet zwischen Estland und Russland trifft der Ukraine-Krieg das Volk der Seto. Seine Angehörigen kämpfen um ihre Identität – und geraten zwischen die Fronten.
Tobias Schibilla berichtet aus der estnischen Landgemeinde Setomaa.
Der Zaun, der die Angehörigen des Volks der Seto von den Gräbern ihrer Vorfahren trennt, ist rund zwei Meter hoch und von Stacheldraht gekrönt. Warnschilder auf Estnisch, Russisch und Englisch mahnen alle Neugierigen, dass hier das estnische Staatsgebiet endet. Hinter dem Zaun liegt Russland.
Setomaa ist eine ländliche Region im Südosten Estlands. Die Seto, ein kleines finnougrisches Volk mit rund 10.000 bis 13.000 Angehörigen, leben hier bereits seit etwa 1.400 Jahren. Durch mehrere Neuziehungen der Grenze zwischen Estland und der russischen Sowjetrepublik wurde die Region in einen estnischen und einen russischen Teil gespalten. Lange war das kein großes Problem, denn die Seto konnten sich relativ frei zwischen den beiden Ländern bewegen.
Das änderte sich allerdings spätestens mit dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Zwar sind die Grenzübergänge tagsüber immer noch geöffnet, doch die Seto erzählen von langwierigen Kontrollen, wenn sie einen der Checkpoints an der Grenze überqueren wollen – insbesondere wenn sie Verwandte in Russland haben.
„Der russische Geheimdienst FSB weiß genau, wer du bist“, erklärt Raul Kudre, Bürgermeister der Region Setomaa, im Gespräch mit t-online. Er berichtet von einem Seto, dessen Ehefrau aus der russischen Stadt Pskow stammt und der deshalb oft von Estland nach Russland reiste. „Er wurde oftmals bis zu drei Stunden an der Grenze festgehalten“, so Kudre. Beamte des FSB hätten angefangen, Druck auf den Mann auszuüben – mit dem Ziel, ihn zum Spion für Russland zu machen.
„Sie nahmen ihm bei den Grenzkontrollen das Handy ab, kopierten alle Kontakte und Daten“, so Kudre. Irgendwann sei es dem Mann zu viel geworden und er habe aufgehört, die Grenze zu überqueren. Damit gehe es ihm wie vielen anderen Seto, die im Grenzgebiet leben.
Aarne Leima, der ebenfalls in Setomaa lebt und Mitglied des Gemeinderats ist, sagt: „Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Behörden solche Maßnahmen ergreifen.“ Und weiter: „Sie wollen genau wissen, mit wem du Kontakt hast, was du tust.“ Die psychologische Belastung dieser ständigen Überwachung sei enorm. „Manchmal entscheiden sich Menschen, einfach nicht mehr hinüberzugehen, weil sie wissen, was sie erwartet“, erklärt Leima.
