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Der Lloyd-Bahnhof in Bremen: Von der Gestapo wurde er zur Deportation von Juden genutzt, heute beherbergt er ein Hotel.

Bild: Quarz/Wikipedia

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Ein neues Buch beleuchtet die Geschichte der Gestapo in Bremen. Wir zeigen jene Orte, an denen die Geheime Staatspolizei Menschen verfolgte, folterte und ermordete.

Wo saßen die Schreibtischtäter? Wo wurden politische Gefangene gefoltert? Und von welchem Bahnhof aus deportierte die Bremer Gestapo jüdische Bremerinnen und Bremer in den Tod? Einige der Orte, an denen die Geheime Staatspolizei zwischen 1933 und 1945 in Bremen und Bremerhaven ihren Terror ausübte, sind bis heute im Stadtbild sichtbar.

Information zum Thema
Neues Buch zur Gestapo in Bremen

Anna Leinen während ihrer Buchvorstellung im Staatsarchiv Bremen, im Vordergrund das Buchcover: Verfolgen und verfolgt werden-Die Gestapo in Bremen 1933-1945

Anna Leinen bei der Vorstellung ihres Buchs.

Bild: Radio Bremen

In ihrem neuen Buch „Verfolgen und verfolgt werden – Die Gestapo in Bremen 1933–1945“ (Edition Falkenberg, 2026) beleuchtet Historikerin Anna Leinen erstmals umfassend sowohl die Täter als auch die Verfolgten der Bremer Gestapo. Das Buch erscheint als Band 76 der Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen.

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Wir erinnern an die von der Gestapo genutzten Orte des Terrors in Bremen.

1 Polizeihaus Bremen: Hier begann die Bremer Gestapo

Buchausschnitt von Anna Leinen "Verfolgen und verfolgt werden"

Auszug aus dem Buch „Verfolgen und verfolgt werden – Die Gestapo in Bremen 1933–1945“ mit einem Bild der ehemaligen Bremer Gestapo-Zentrale, heute Sitz der Stadtbibliothek.

Bild: Radio Bremen

Der erste Sitz der von den Nazis neu gegründeten Geheimen Staatspolizei befand sich 1933 noch im Polizeihaus – im sogenannten „Zimmer 450“. Von diesem Zimmer aus wurde die politische Verfolgung in Bremen neu organisiert und abgewickelt.

1934 zog die Gestapo dann in größere Räume um. In direkter Nachbarschaft im Gebäude Am Wall 199 richtete sie ihre Bremer Zentrale ein. Von hier aus koordinierte sie unter anderem die Überwachung jüdischer Bremerinnen und Bremer und die Kontrolle von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.

Heinrich Himmler bei seinem Besuch in Bremen am 7. April 1934, links das Polizeihaus.

Heinrich Himmler, er leitete für die Nationalsozialisten die Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS), bei einem Besuch in Bremen. Am Wall besuchte er die neue Gestapo-Zentrale.

Bild: Staatsarchiv Bremen

„Mit ihrer Zentrale Am Wall 199, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Polizeihaus, war die Geheime Staatspolizei im Herzen Bremens ansässig“, schreibt Historikerin Anna Leinen in ihrem Buch „Verfolgen und verfolgt werden – Die Gestapo in Bremen 1933–1945“. Von hier aus seien es nur wenige Gehminuten zum Gefangenenhaus Ostertorwache gewesen, in dem die Gestapo ihre „Schutzhäftlinge“ inhaftiert hielt und hier auch Einfluss auf deren Haftbedingungen und Vernehmungen vornahm.

2 Gefangenenhaus Ostertorwache: Das zentrale Gestapo-Gefängnis

Die Ostertorwache war in der NS-Zeit und bis in den Zweiten Weltkrieg der wichtigste Haftort für Gestapo-„Schutzhäftlinge“ in Bremen. Die Geheime Staatspolizei hielt dort Gefangene fest und nahm Einfluss auf Haftbedingungen und Vernehmungen. Nach einem Luftangriff auf das Gefangenenhaus 1944 nutzte sie zusätzlich eine Gefängnisbaracke am Osterdeich.

Die Ostertorwache um 1940

Die Ostertorwache, heute das Wilhelm-Wagenfeld-Haus, war in den 1930er Jahren das Hauptgefängnis der Gestapo.

Bild: Staatsarchiv Bremen

Wie es in dem Gefängnis seit 1933 zuging, ist heute nur noch schwer zu ermitteln, weil die Gestapo am Ende des Zweiten Weltkriegs den Großteil der Akten über ihre Taten vernichtete. Historikerin Leinen versucht diese Lücken zu schließen, zum Beispiel durch Zitate von Zeitzeugen. So berichtete der ehemalige Oberverwalter des Polizeigefängnisses, dass in einem Fall weibliche Häftlinge misshandelt worden seien. Und weiter: Er „gebe die Möglichkeit zu, dass auch in anderen Fällen leichte Misshandlungen durch Gestapobeamte bei Vernehmungen vorgekommen sein“ könnten.

Ein ehemaliger Gestapo-Beamter gab nach dem Krieg zu Protokoll, „dass Häftlinge in seiner Gegenwart von anderen Gestapo-Beamten mit Boxhieben und Fusstritten misshandelt wurden, um sie zum Reden zu zwingen“.

Die massive Verfolgung politischer Gegnerinnen und Gegner führte wiederholt zu Überbelegungen und schlechten Haftbedingungen. Weshalb die Häftlinge auch auf weitere von der Bremer Gestapo in der Hansestadt genutzte Haftorte verteilt wurden, zum Beispiel das Konzentrationslager Mißler in Findorff.

3 KZ Mißler in Findorff: Bremens erstes Konzentrationslager

Das KZ Mißler mit Gefangenen und Aufsehern 1933

Gefangene und Aufseher im ersten Bremer Konzentrationslager, dem KZ Mißler in Findorff.

Bild: Staatsarchiv Bremen

Ende März 1933, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde in den ehemaligen Auswandererhallen der Agentur Friedrich Mißler zwischen Walsroder Straße und Hemmstraße im Stadtteil Findorff eines der ersten Konzentrationslager im Deutschen Reich eingerichtet – überwacht von 40 Hilfspolizeibeamten. Unter der Leitung von SS-Hauptsturmführer Otto Löblich wurden hier anfangs 148, später bis zu 300 Häftlinge festgehalten – vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten.

Ein Bericht der Exilzeitung „Deutsche Freiheit“ aus dem Jahr 1933, den Anna Leinen in ihrem Buch zitiert, gibt einen drastischen Einblick in die übliche Verhörpraxis dieser Zeit:

Die Festgenommenen werden also […] zur eingehenden Vernehmung, das heißt zur Folterung, ausgeliefert, um dann mit dem Ermittlungsergebnis – zerbrochenen Knochen und blutigen Striemen – ins Konzentrationslager oder ins Krankenhaus überführt zu werden.

Deutsche Freiheit, 1933, zitiert in: Anna Leinen, „Verfolgen und verfolgt werden“, S. 26

Die Konzentrationslager dienten als Erweiterung für die durch zahlreiche „Schutzhäftlinge“ überfüllten Gefängnisse der Stadt – und sie stellten für die Gestapo ein bedeutendes Instrument dar, um mithilfe von Repression und Gewalt Druck auf politisch Andersdenkende auszuüben, schreibt Leinen. Insgesamt gerieten in Bremen ab 1933 etwa 1.305 Häftlinge in „Schutzhaft“ und wurden auf verschiedene Lager verteilt.

Das KZ Mißler wurde als eines von ihnen bereits im September 1933 wieder geschlossen – allerdings nicht aus humanitären Gründen. Der Grund war, dass die Nachbarschaft die Misshandlungen der Gefangenen mitbekommen hatte.

4 Ochtumsand: KZ-Schleppkahn

Nachdem das KZ Mißler im September 1933 geschlossen wurde, verlegte man die verbliebenen Häftlinge unter anderem auf den ehemaligen Schleppkahn „Ochtumsand“ in der Ochtumsmündung. Das Schiff diente als schwimmendes Konzentrationslager – eine im Deutschen Reich ungewöhnliche Form der Inhaftierung.

Anna Leinen beschreibt in ihrem Buch die desolaten Bedingungen an Bord. „Im KZ Ochtumsand wurden die Häftlinge unter Deck in unbeheizten Laderäumen festgehalten“, schreibt sie.

5 Langlütjen II: KZ-Insel

Auch das auf einer ehemaligen Festungsinsel in der Wesermündung gelegene KZ Langlütjen II war eine Nachfolgeeinrichtung des aufgelösten KZ Mißler. Dort wurden die Festungsgewölbe, die Kasematten, zu Zellen umfunktioniert – für die Insassen eine Tortur.

Bei Flut standen in Langlütjen Teile der als Zellen genutzten Kasematten unter Wasser.

Anna Leinen, „Verfolgen und verfolgt werden“, S. 27

Die Isolation auf dem Wasser machte eine Flucht faktisch unmöglich und erschwerte auch jede Kontrolle von außen. Die Inhaftierten waren ihren Bewachern ausgeliefert.

An Weihnachten 1933 wurden einige der Gefangenen im Zuge einer „allgemeinen Weihnachtsgnadenaktion“ aus den Konzentrationslagern Ochtumsand und Langlütjen entlassen. Die so Entlassenen wurden aufgefordert, ihre „staatsfeindlichen Tätigkeiten“ zu beenden und sich stattdessen „zu ihrem eigenen Besten“ mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen – so sei dieser, „den sie jahrelang verfolgt hätten, nicht mehr ihr Feind“. Gleichwohl gab Bremens Gestapo-Chef Erwin Schulz ihnen noch mit auf den Weg, ein „Rückfall würde zu einer äußerst scharfen Strafe führen“.

6 Gossel-Haus am Buntentorsteinweg: Folterort der frühen NS-Zeit

Ab Mitte April 1933 diente ein Gebäude am Buntentorsteinweg – das sogenannte „Gossel-Haus“ – der SA als Folterstätte. Es war zuvor ein Gebäude der KPD gewesen und auch als „Rotes Haus“ bekannt, bevor es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war. Hier nahm die SA, also die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, der Gestapo ab 1933 „die schmutzige Arbeit der Folterung der Häftlinge ab“, schreibt Anna Leinen in ihrem Buch „Verfolgen und verfolgt werden“.

Das „Gossel-Haus“ habe sich dabei auch zu einem Druckmittel bei Verhören entwickelt: Gestapo-Beamte nutzten den berüchtigten Ort als Drohung gegenüber Häftlingen. Wer bei Verhören im Polizeihaus nicht kooperierte, dem wurde mit einer Überstellung in das „Gossel-Haus“ gedroht, schreibt die Historikerin.

7 Arbeitserziehungslager Farge: Zwangsarbeit und Terror

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nutzte die Bremer Gestapo ab Mai 1940 bis zum Kriegsende das „Arbeitserziehungslager“ (AEL) Farge als zentralen Haft- und Terrorort gegen Zwangsarbeiter und andere als angeblich „arbeitsunwillig“ verfolgte Menschen.

Holzbaracke im Lager "Tesch" um 1940 (Arbeitserziehungslager der Bremer Gestapo)

Holzbaracke im Lager „Tesch“ um 1940. Es war Teil des „Arbeitserziehungslagers“ der Bremer Gestapo in Farge.

Bild: Staatsarchiv Bremen

Die Haftbedingungen waren von mangelhafter Verpflegung sowie der Brutalität des Wachpersonals und der Lagerführung gekennzeichnet, die der Gestapo angehörte. Anna Leinen dokumentiert in ihrem Buch mindestens 163 Todesfälle im AEL Farge.

Das Lager lag in der Nähe des Bunkers „Valentin“ – heute eine Gedenkstätte. Dort leisteten zwischen 1943 und 1945 über 10.000 Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen Schwerstarbeit. Mehr als 1.600 von ihnen kamen dabei ums Leben.

8 Lloyd-Bahnhof: Abfahrt in den Tod

In Bremen war es das „Judenreferat“ der Gestapo, das unter anderem die Liste für die Deportation von jüdischen Menschen in das Ghetto Minsk am 18. November 1941 zusammenstellte. Auf der Liste standen 497 Erwachsene und 63 Kinder von höchstens 13 Jahren.

Der Lloydbahnhof um 1925

Der Lloydbahnhof in unmittelbarer Nachbarschaft des Bremer Hauptbahnhofs wurde von der Gestapo zur Deportation jüdischer Menschen genutzt.

Bild: Staatsarchiv Bremen | Stickelmann

Vor der Deportation der Bremerinnen und Bremer vom Lloydbahnhof kontrollierte und beschlagnahmte die Gestapo die zwangsweise zurückgelassenen Vermögenswerte, gab Wohnungsschlüssel an das Oberfinanzpräsidium Weser-Ems weiter und koordinierte später auch die Versteigerung von Möbeln.

Die meisten Deportierten wurden dort im Ghetto Minsk oder in der Vernichtungsstätte Trostenez bei Minsk ermordet.

Auch die Deportationen am 23. Juli 1942 von 163 und am 13. Februar 1945 von 55 jüdischen Bremerinnen und Bremern nach Theresienstadt wurden von der Gestapo organisiert.

Insgesamt war die Gestapo somit an der Deportation von mindestens 658 Bremerinnen und Bremer in den drei großen dokumentierten Transporten aus der Hansestadt beteiligt.

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