26. April 2026. „Kunstreiter müsste man sein“, findet Luisa am Schluss. Dann wäre man Teil dieser letzten Geschichte, jenes waghalsigen Rettungsplans, der nur vielleicht gelingt. Luisa Gradgrind (Caroline Junghanns) hat da mit ihrem rationalistischen, von Fakten getrieben Vater (Tilo Werner) ihren Frieden geschlossen. Weiche Musik erklingt, sie haken einander ein und gehen gemeinsam in den Sonnenuntergang.
Nein. Stopp. Ganz so kitschig endet diese Inszenierung nicht. Tatsächlich gehen Tochter und Vater in das Zirkuszelt, das auf der Bühne des Thalia Theaters durch einen bunten Vorhang angedeutet ist, und lassen sich endlich darauf ein: auf die Welt der Gefühle und der Fantasien, auf die der Magie und der erfundenen Geschichten.
Der König der Kunstreiter
Kunstreiter also müsste man sein. Und hat dabei doch gerade die Nummer(n) eines Kunstreiters gesehen. Einen Abend lang hat dieser alle verfügbaren Tricksattel ausprobiert, hat geschickt sein Pferd beherrscht, hat es frei durch alle Gangarten laufen lassen, vom trägen Trab bis hin zum emotionalen Galopp. Reiter und Pferd haben sich dabei als höchst beweglich, kunstvoll und ausdauernd gezeigt; und zwar beachtliche drei Stunden lang. Musik, genauer Kompositionen von Anna Bauer, gab es auch noch dazu.
Klar ist mit dem Kunstreiter Antú Romero Nunes gemeint, jener Regisseur, der am Theater offensichtlich vor allem zweierlei liebt: das Spiel auf der Bühne und die hauseigene Trickkiste. Der immer wieder Abende erschafft, an denen die Darsteller*innen sich, so scheint es, mit Herz, Hirn und vor allem mit Anlauf in ihre Rollen werfen, in denen sie spielen, improvisieren, singen, und ganz absichtlich über die Stränge schlagen dürfen. Entsprechend kommt unter Nunes‘ Regie natürlich oft spielfreudiges Theater heraus. Meist heiteres.
Keine sozialkritische Abrechnung
Am Thalia Theater hat Nunes dem Charles Dickens‘ Roman „Harte Zeiten“ aus dem Jahre 1854 sein Prinzip Spiellust übergeworfen. Hat den zehn Spieler*innen und vier Live-Musiker*innen eine nahezu leere Spielfläche mit Kopfsteinpflaster-Imitat (Bühne: Matthias Koch) für allerhand akrobatische Übungen bereitet: Tanz, Pantomime, Clownerie, Kindertheater, Geräusche machen, Glitzerkonfetti, Gesang und Zauberkastenmagie. Dieser verspielte Zugriff überrascht nur kurz (und irritiert länger), hatte man doch bei „Harte Zeiten“ einen tiefdenkenden Abend und oder eine sozialkritische Abrechnung erwartet. Einen über harte Zeiten in diesen Zeiten.
Wie man sich bettet, so spielt man: Caroline Junghanns als Luisa auf dem Bett, ihr Vater (Tilo Werner) am Bettende – in Kostümen von Lena Schön und Helen Stein © Krafft Angerer
Doch inhaltlich passt Nunes‘ Konzept schon auch. In dem Roman steckt ja nicht nur das Thema der Klassenwidersprüche, das zwischen der Oberschicht (Julian Greis spielt herrlich eklig den selbstgefälligen Unsympathen Mr. Josiah Bounderby und Denis Grafe dessen gepresst-coolen Zögling Tom Gradgrind) und der Unterschicht (Lisa Hagmeister etwa spielt da die Figur des ausgezehrten Stephen Blackpool, Cathérine Seifert dessen verzweifelte Geliebte Rachael) verhandelt wird. Es reiben sich mindestens zwei weitere Prinzipien aneinander: Das eine richtet den Blick starr auf Rationales und auf Zahlen, personifiziert vom Fabrikanten und Patriarchen Thomas Gradgrind (äußerst akkurat: Tilo Werner), das andere freut sich an zauberhaften Illusionen und wird vertreten vom Zirkuskind Sissy (begeisternd: Lisa-Maria Sommerfeld) und vom Zirkusdirektor Mr. Sleary, den Cino Djavid als lispelnden, lässigen Dasklapptschonirgendwie-Typen spielt. Djavid hat einen schimmernden Anzug (Kostüme: Lena Schön, Helen Stein) und wildes Pumuckel-Haar. Außerdem hat er die Erzählerrolle inne. Seine gelegentlichen spöttischen Kommentare zum Bühnengeschehen, verschaffen ihm bald das große Vergnügen, das Publikum komplizenhaft auf seiner Seite zu wissen.
Für alles Atmosphärische ertönt fast dauernd Live-Musik (Arne Bischoff, Laila Nysten, Timon Schempp, Johannes Wennrich), die abwechselnd an Kurt Weill, an große Oper oder an seichtem Schlager erinnert. Eine Menge Nebel kommt ebenfalls dazu, er erzählt ja auch von den industriellen Schornsteinschloten. Und um Regen zu simulieren, trommeln sich die Darsteller*innen minutenlang auf ihre Zylinder, für ein Kaminfeuer schlängeln sie geschickt ihre Hände ineinander, lassen durch sie schnipsend und schnalzend die Glut knistern.
Mit Herz und Kitsch
Es ist ein nahezu requisitenfreies. zugängliches, gewinnendes und oft aber auch unnötig ausschweifendes Illusionstheater, das Nunes und sein wirklich grandioses Ensemble an diesem Abend Szene für Szene in den leeren Raum zaubern. Mal gerät es absichtlich, mal unabsichtlich kitschig, mal erinnert es an ein verklärtes Weihnachtsspektakel, mal an ein herzzerreißendes Musical, mal an ein gefühliges Pop-Konzert und mal schlicht an spontanes Impro-Theater. Mal geraten die Szenen pointiert, mal gähnend lang. Immer aber sind sie gekonnte Darbietungen auf den Tricksatteln, die jener geübte Kunstreiter in die Manege geworfen hat. Aus allen zusammen entsteht ein Theaterabend ohne Missverständnisse, und fraglos auch einer für vieler Menschen Herz. Doch eben auch einer ohne Zwischentöne, Schärfe oder Provokation. Ein Königreich für weniger Tricks!
Hard Times
nach Charles Dickens
In einer Dramatisierung von Lucien Haug
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne: Matthias Koch, Kostüme: Lena Schön, Helen Stein, Musik und Komposition: Anna Bauer, Lichtdesign: Jan Haas, Dramaturgie: David Heiligers, Dramaturgische Mitarbeit: Mehdi Moradpour.
Mit: Cino Djavid, Tilo Werner, Denis Grafe, Caroline Junghanns, Julian Greis, Torben Kessler, Lisa Hagmeister, Cathérine Seifert, Lisa-Maria Sommerfeld, Jeremy Mockridge, Livemusik: Arne Bischoff, Laila Nysten, Timon Schempp, Johannes Wennrich.
Premiere am 25. April 2026, eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
www.thalia-theater.dewww.ruhrfestspiele.de
Kritikenrundschau
Grundsätzlich positiv berichtet Katja Weise im NDR (26.4.2026): „Nach der Pause verliert der knapp dreistündige Abend an Kraft, aber der Spaß, mit dem das fast durchweg toll spielende Ensemble hier bei der Arbeit ist, steckt an. Und im Theater können nur wenige solche Bilder zaubern wie Nunes.“
„Der Abend ist generell total altmodisch und passt damit auch fabelhaft“, findet Michael Laages für „Fazit“ auf Deutschlandfunk Kultur (25.5.2026). Der Abend erzeuge „Zauber“ und eine „enorme Spannung“, er ist „so leicht, so verspielt und mischt diese Ebenen – also das Grauenhafte des wirtschaftlichen Alltags und der Zerstörung von Persönlichkeiten, und gleichzeitig ist es immer wie eine traurige Clownsgeschichte, die sich unter alles und über alles legt“.
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