Vor allem stören sich Waliser daran, dass in vielen Bereichen die Regierung in London das letzte Wort hat. Dazu hat auch der skandalöse Kurs der Konservativen Partei in London beigetragen. Beim Brexit-Referendum 2016 hatte eine Mehrheit der Waliser für den Austritt gestimmt, dies hat sich längst geändert.
Die Lage in der früheren Bürgerkriegsprovinz Nordirland ist explosiv. Vor gut 100 Jahren als Bastion protestantischer Anhänger der Union mit Großbritannien gegründet, leben mittlerweile mehr Katholiken in Nordirland. Sie sind traditionell für eine Vereinigung mit dem EU-Staat Irland. Diese Entwicklung macht es wahrscheinlich, dass es in den nächsten Jahren tatsächlich ein Referendum geben wird.
Hört man sich in Irlands Hauptstadt Dublin um, scheint die Frage nur zu sein, wann es zum Zusammenschluss kommt. Der jüngsten Umfrage zufolge würden zwei Drittel der Iren dafür stimmen.
Doch in Nordirland stellt sich die Lage anders dar. Nicht nur würde die große Mehrheit der Protestanten für den Verbleib im Königreich stimmen, sondern auch gut ein Fünftel der Katholiken. Experten haben einen wichtigen Faktor dafür ausgemacht: Angst vor neuen Unruhen. So verübte erst 2019 die republikanische Terrorgruppe Neue IRA wieder Anschläge. Auch für den Bombenanschlag auf Polizisten im November dieses Jahres kommt die Neue IRA als Täter infrage.
Aber vor allem auf der loyalistischen Seite brodelt es. Die Zeitschrift „Purple Standard“, die als Sprachrohr der Terrorgruppe UVF gilt, warnte jüngst, die Führung schaffe es nicht mehr, wütende Nachwuchskräfte zurückzuhalten. Es geht um die Folgen des Brexits: Aus Sicht der Unionisten gefährdet der Vertrag zwischen der EU und Großbritannien die Bande zwischen Belfast und London. Denn mit diesem sogenannten Nordirland-Protokoll ist eine Zollgrenze in der Irischen See entstanden. Dagegen sträuben sie sich mit aller Macht.
Das lähmt die Provinz. Denn wegen des Brexit-Streits boykottiert die wichtigste protestantisch-unionistische Kraft DUP die Bildung der vorgesehenen Einheitsregierung mit der republikanisch-katholischen Partei Sinn Fein. Eine Neuwahl löst das Patt vermutlich nicht. Ausgerechnet zum 25. Jubiläum des Karfreitagsabkommens im April, das 1998 den Bürgerkrieg beendete, droht daher eine Eskalation.